England: 15-mal lebenslänglich für Mörder-Arzt - DER SPIEGEL
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England 15-mal lebenslänglich für Mörder-Arzt

Für 15 Patientenmorde ist er am Montag verurteilt wurden, über 100 weitere werden ihm zur Last gelegt: Der weißbärtige Doktor Harold Shipman aus Hyde gilt als der schlimmste Serienkiller in der englischen Kriminalgeschichte. Mögliches Motiv: Er wollte Herr über Leben und Tod sein.
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Manchester - Nach dem Schuldspruch der Geschworenen verurteilte der Richter den 54-jährigen Doktor zu 15-mal lebenslänglich. Die Staatsanwaltschaft bereitete am Dienstag 23 neue Mordanklagen vor; in insgesamt 141 Fällen wird gegen Shipman ermittelt. Sein Fall beschäftigte am Dienstag auch Parlament und Regierung: Die Anforderungen für das Ausstellen von Totenscheinen sollen landesweit verschärft werden.

Shipman hatte über Jahre hinweg tödliche Hausbesuche gemacht: Seine Opfer waren ältere Patientinnen, die bis auf ein paar leichte Beschwerden gesund waren. Dennoch wurden sie alle eines Tages tot in ihrer Wohnung gefunden: meist in einem Lehnstuhl, oft noch mit einer halb vollen Tasse Kaffee neben sich. Sie seien "ganz sanft entschlafen", versicherte Doktor Shipman dann der Familie. In Wahrheit hatte er ihnen eine Überdosis Morphium oder Heroin gespritzt.

"Ich habe keinen Zweifel daran, dass jedes Ihrer Opfer lächelte und Ihnen dankte, als es sich Ihrer tödlichen Behandlung unterzog", sagte der Richter. Augenblicke später konnte er nur mit Mühe die Tränen unterdrücken, als er seine altmodische, weiße Richterperücke abzog und sich bei den Hinterbliebenen bedankte: "Ihre Aussagen haben viele tief bewegt."

Die britische Presse kannte am Dienstag nur eine Frage: Wie konnte Shipman so viele Jahre unbehelligt sein Unwesen treiben? Im Nachhinein kann dies keiner mehr begreifen, denn Shipman war ein "hoffnungslos inkompetenter Mörder" (The Independent).

Als ein Beerdigungsunternehmer misstrauisch wurde, ließ sich die Polizei schnell von Shipman abwimmeln. Erst nachdem er auf plumpe Art ein Testament gefälscht hatte, begannen ernsthafte Ermittlungen. Aber selbst als die Polizei auf dem Friedhof dutzende von Leichen zur Obduktion ausgrub, waren die meisten seiner über 3000 Patienten noch von seiner Unschuld überzeugt. Hunderte von aufmunternden Karten gingen in der Praxis ein. Der vielfache Lebensretter, der nette Doc von nebenan - er konnte einfach kein Dr. Jekyll sein, der in manchen Momenten zum mörderischen Mr. Hyde wird.

Über sein Motiv wird bis heute gerätselt. Geldgier war es höchstens in einem einzigen Fall. Der Psychiater Richard Badcock, der Shipman befragt hat, glaubt, dass ihm die Taten zu einem Gefühl der Allmacht verhalfen. Chefinspektor Mike Williams vermutet: "Der sagte sich: Ich will die absolute Kontrolle." Ein Mann, der aus einer Laune heraus über Leben und Tod entschied - und dabei das Gefühl hatte, allen überlegen zu sein. Bis zum Schluss beteuerte er, nichts Unrechtes getan zu haben. Medizinische Laien hätten die falschen Schlüsse gezogen. Für den Tag der Urteilsverkündung bestellte er Blumen nach Hause - als Willkommensgruß nach einem Freispruch. Stattdessen sagte ihm der Richter: "Sie müssen den Rest Ihrer Tage hinter Gittern verbringen."

Christoph Driessen