Entführung: Renate Wallert im Delirium - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Entführung Renate Wallert im Delirium

Der Gesundheitszustand der Geiseln auf der philippinischen Insel Jolo verschlechtert sich weiter. Renate Wallert leidet offenbar an Halluzinationen und glaubt, wieder in Deutschland zu sein. Einer französischen Journalistin erzählten die Entführten von ständigen Erniedrigungen. Der Beginn der Gespräche über eine Freilassung verzögert sich inzwischen weiter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jolo/Paris - "Renate wähnt sich zuhause, spricht mit ihren Kindern. Wenn sie das Bewusstsein wiedererlangt, stößt sie Schreie aus und schluchzt", erzählte Werner Wallert der Korrespondentin des "Figaro", Florence Compain. Der ebenfalls verschleppte Sohn Mark forderte, seine Mutter, die immer häufiger ohnmächtig sei, müsse möglichst rasch freigelassen werden. "Wir dachten wirklich, dass Renate sterben würde. Sie bekam keine Luft mehr und wurde ohnmächtig." Die in Erster Hilfe erfahrene libanesische Geisel Marie Boarbes habe sie dann durch Mund-zu-Mund-Beatmung wieder belebt. Mit Blick auf die Entführer sagte sie: "Die andern haben höhnisch gegrinst - sie freuen sich, wenn wir weinen."

Die anderen Verschleppten sprachen ebenfalls von ständigen Erniedrigungen durch die Entführer aus der moslemischen Rebellengruppe Abu Sayyaf und unmenschlichen Lebensbedingungen. Nach Angaben der französischen Geisel Stéphane Loisy - den die Rebellen "Jacques Chirac" oder "ohlàlà" nennen - sprechen seine gerade mal 17 Jahre alten Bewacher weder englisch noch französisch. "Das sind Kinder, die sich in einem Film wähnen und mit ihren Stirnbändern und Metallplaketten auf der Brust für Rambo halten, aber die denken nicht sehr viel." Einen eigentlichen Chef gebe es unter ihnen nicht: "Das ist immer der, der am lautesten schreit."

Viele der Geiselnehmer versuchten, sich an den entführten Frauen zu vergreifen, berichtete die französische Journalistin, die eineinhalb Stunden mit den Geiseln reden durfte. Die für die Entführten vorgesehenen Essensrationen, die den Rebellen übermittelt worden waren, wurden ihnen nur ein einziges Mal vorgesetzt. Die Rebellen behielten sie für sich. Ansonsten gebe es nur sehr wenig zu essen, meist Reis, und nur sehr wenig Wasser zum Trinken, erklärte Stéphanes Verlobte Sonja Wendling.

Die Lebensbedingungen im dichten Dschungel sei unmenschlich. Regen- oder Sonnenschutz müssten die Entführten sich selbst basteln. "Scharen von Mücken und riesigen Spinnen fallen vom Dach", erzählte die Südafrikanerin Monique Strydon. Loisy ergänzte: "Die Männer urinieren gegen die Stützen unserer Hütte. Und wir dürfen nicht weggehen. Sie haben uns erklärt, dass sie die Umgebung des Lagers vermint haben." Er vermutet, dass die Rebellen bei der philippinischen Armee Unterstützung genießen, da sie in Lastwagen eine halbe Stunden lang laut hupend über eine Hauptstraße gefahren seien, ohne dass ein Armeeposten zu sehen gewesen wäre.

Der Beginn von Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln drohte sich am Dienstag weiter zu verzögern, da die Rebellen neue Forderungen stellten. Die Entführer wollten nun Gespräche auf "neutralem Boden", teilte ein Unterhändler der philippinischen Regierung mit. Der philippinische Präsident Joseph Estrada reiste ungeachtet der Geiselnahme zu einem fünftägigen Besuch nach China. Die Regierung hoffte weiterhin, dass die Verhandlungen am Mittwoch beginnen könnten.