Entführungsopfer Osthoff: "Jetzt bin ich der Buhmann" - DER SPIEGEL
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Entführungsopfer Osthoff "Jetzt bin ich der Buhmann"

Susanne Osthoffs bizarrer Fernsehauftritt irritierte die Deutschen. Offen spekulierten Zeitungen über den Geisteszustand der Frau, die drei Wochen in der Gewalt irakischer Kidnapper war. In einem Interview mit dem "Stern" setzt sich die Archäologin nun zur Wehr.
Von Jens Todt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die tiefverschleierte Frau auf dem Fernsehschirm hatte sichtlich Mühe, sich zu konzentrieren. Unruhige Augen huschten hinter Sehschlitzen hin und her, Susanne Osthoff schaffte es kaum, auf die Fragen der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka zu antworten. Sätze ohne Zusammenhang, vorgetragen in einem barschen Ton, irritierten die Zuschauer. Anschließend wurde Osthoff zum zweiten Mal zum Opfer, es gab wenig Mitleid mit dieser sperrigen Frau. Offen wurde über ihren Geisteszustand spekuliert. "Wie krank ist Susanne Osthoff?" fragte die Münchner "Abendzeitung". Allerorten zauberten Fernsehsender und Zeitungen echte und vermeintliche Experten hervor, um ferndiagnostisch die Psyche der Archäologin zu beleuchten.

In einem Interview in der neuen Ausgabe des "Stern" liefert Osthoff, die drei Wochen lang in der Gewalt irakischer Kidnapper war, eine Erklärung für ihren fahrigen Auftritt. "Ich litt noch unter dem Schlafentzug der Geiselhaft, hatte danach starke Medikamente einnehmen müssen", erzählt Osthoff. Und macht dabei auch dem ZDF Vorwürfe: "Erst wartete ich wie auf Kohlen, dann sollte alles ganz schnell gehen. Ich musste gleich vor die Kamera, ohne dass eine Maskenbildnerin mir den Schweiß wegpudern konnte, das Indigo des Schleiers hatte schon blaue Flecken in meinem Gesicht hinterlassen - da konnte ich den gar nicht mehr abnehmen."

Claus Kleber, Redaktionsleiter, der das "heute journal" im Wechsel mit Slomka moderiert, weist diese Vorwürfe zurück. "Es hat bei dem Interview keinerlei Zeitdruck für Frau Osthoff gegeben", sagt Kleber SPIEGEL ONLINE, "unsere Moderatorin Marietta Slomka hat ein 15-minütiges Vorgespräch mit ihr geführt und danach mit dem eigentlichen Interview begonnen." Zudem habe Slomka Osthoff darauf hingewiesen, "dass wir jederzeit abbrechen können, wenn das Gespräch für sie in eine falsche Richtung läuft", so Kleber.

Kurz vor Beginn der Aufzeichnung habe Slomka gefragt, ob Osthoff nicht den Schleier abnehmen wolle. "Der Schleier bleibt. Ich bin hier in einem Land, wo das nun mal so ist", habe Osthoff geantwortet, berichtet Kleber. "Der Ton war unmissverständlich, also hat Marietta Slomka nicht weiter nachgefragt." Das Interview mit Susanne Osthoff sei am 27. Dezember um 15.30 Uhr aufgezeichnet worden und nach redaktioneller Bearbeitung erst am Abend des folgenden Tages ausgestrahlt worden. "Es gab nach dem Gespräch keinerlei Vorwürfe oder Anmerkungen von Frau Osthoff."

Die Archäologin beklagt in dem "Stern"-Interview auch Zeitungsberichte, nach denen sie schnell wieder zurück in den Irak wolle. Sie habe dies nie gesagt, erzählt Osthoff. Offensichtlich war Osthoffs erstes Interview nach ihrer Freilassung - im arabischen Fernsehsender al-Dschasira -ungenau übersetzt worden. Selbst im Auswärtigen Amt hatte man dem kolportierten Inhalt des Interviews getraut. Offensichtlich schlecht beraten attackierte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier das Entführungsopfer umgehend: Er habe kein Verständnis dafür, wenn Osthoff in den Irak zurückkehre. Über ihre wirklichen Zukunftspläne verrät Osthoff in dem Interview freilich nichts.

BND wollte Osthoff anwerben

Dafür erzählt sie von ihrer Sehnsucht nach Tochter Tarfa, die in Deutschland ein Internat besuche und von ihrer besten Freundin betreut werde, sagt Osthoff in dem Interview. Ihr größter Wunsch sei es, Tarfa wiederzusehen. Die Frage, was dem entgegensteht, bleibt jedoch offen.

Sie sei seit dem Krieg ständig zwischen Deutschland und dem Irak gependelt, "je nach Arbeitsmöglichkeiten und Risiko". Über ihre Arbeit im Irak, die Restaurierung einer alten Karawanserei in der Stadt Mossul, sagt Osthoff, sie habe bewiesen, "dass diese Art Friedensarbeit möglich ist". Sie habe die Grabungsstätte mit zivilem Personal vor Plünderern geschützt, dabei seien Beduinen vom Stamm ihres irakischen Ex-Mannes zum Einsatz gekommen.

Osthoff berichtet außerdem von einem Anwerbungsversuch des Bundesnachrichtendienstes. Sie habe es allerdings abgelehnt, "Fotos von angeblichen Terroristen im Sunnitengebiet" zu beschaffen.

Zum Ablauf der Entführung sagt Osthoff, sie habe bereits Verdacht geschöpft, als der Fahrer, der sie von Bagdad nach Arbil im Norden des Landes bringen sollte, mit gut einstündiger Verspätung am Treffpunkt erschienen sei. "Das war ein junger Mann, wie ein Lackaffe gekleidet, das war komisch." Dennoch sei sie in den Wagen eingestiegen. Als ihnen jedoch wenig später außerhalb der Stadt ein schwarzer BMW den Weg abgeschnitten hatte, habe sie gewusst, dass sie verraten worden sei. "Die haben den Fahrer vermutlich ausgetauscht", so Osthoff. Dieser Darstellung widerspricht Susanne Osthoff allerdings in einem Interview mit dem Fernsehsender "RTL", das am Mittwoch im "RTL-Nachtjournal" ausgestrahlt werden sollte. Darin nimmt sie den Fahrer ausdrücklich in Schutz. Sie sei sich sicher, dass sie nicht von ihm verraten worden sei. Dieser sei selbst während der Geiselhaft geschlagen worden. Über seinen Verbleibt wisse sie nichts, zitierte "RTL" die Archäologin.

"Ich wollte mich nur bedanken"

Im "Stern"-Interview berichtet Osthoff weiter, sie sei mit auf dem Rücken gefesselten Händen in den Kofferraum des Wagens gestoßen worden. Sie betont, dass sie nicht von Kriminellen entführt worden sei, sondern von einer Gruppe, die in Verbindung zum irakischen Qaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi stehe. Während ihrer Geiselhaft habe sie 24 Tage lang in abgedunkelten Räumen gesessen und sei "alle paar Tage weitertransportiert" worden. "Oft gab es in nächster Nähe Explosionen, und immer diese Angst. Die kommt in Wellen, selbst jetzt noch."

Am 18. Dezember sei sie dann mit zugeklebter Sonnenbrille in ein Haus in der Nähe der deutschen Botschaft in Bagdad gebracht worden. Ein Mitglied des deutsch-irakischen Clubs habe sie in Empfang genommen und zur Botschaft gebracht.

Sie habe sich unmittelbar nachdem sie wieder in Freiheit war, an vor der Botschaft wartende Journalisten wenden wollen, so Osthoff. Der Botschafter und ein Beamter des Bundeskriminalamtes (BKA) hätten ihr allerdings abgeraten. "Ich wollte mich eigentlich nur bedanken, und jetzt bin ich der Buhmann."

Osthoffs Mutter will gegen BKA vorgehen

Ingrid Hala, Osthoffs Mutter, erwägt nach Angaben der "Bild"-Zeitung, mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen das BKA vorzugehen. "Wir fühlen uns vom Bundeskriminalamt belogen und getäuscht", so Hala gegenüber "Bild". Es sei vereinbart gewesen, dass Osthoffs Tochter zu ihrer Mutter "in ein arabisches Land" gebracht wird. "Aber in Wahrheit ist Tarfa nie dort gewesen, sondern in Bayern geblieben", so Hala.

Osthoff, die nach eigenen Angaben seit sieben Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hat, widerspricht dieser Darstellung in dem "Stern"-Interview. Die Freunde, die das Kind in Deutschland betreuen, hätten Osthoff gesagt, Tarfa habe nach der Entführung "Angst vor Arabien" und habe deshalb nicht reisen wollen.