Er - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 71 / 121

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Er

Stephen King gibt eine Signierstunde - und flieht.
Von Ralf Hoppe
• aus DER SPIEGEL 40/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war an einem Donnerstagmorgen, als die Schriftstellerin Jennifer Fallon, genannt Jenny, ihre bevorzugte Buchhandlung betrat. Sie wollte kein Buch kaufen.

Das »Dymocks« ist eine gemütliche Filiale der gleichnamigen Kette, im Einkaufszentrum an der Todd Mall, in Alice Springs, umgeben von Staub und Hitze, den Wüsten Australiens. Jenny hatte ihren silbernen Toyota vor dem Kino geparkt, sie blinzelte in die Sonne, blickte auf ihre Armbanduhr: wunderbar, noch Zeit für eine Tasse Tee, für ein Schwätzchen mit der Chefin des Ladens, ihrer alten Freundin Bev Ellis - vor allem aber wollte Jenny nachsehen, ob ihr eigenes, ihr neuestes Buch bereits geliefert worden war.

Das »Dymocks« schien leer. Jenny marschierte zielstrebig nach hinten, in die Abteilung »Fantasy / SF«. Jenny Fallon: Mitte 40, hübsch, fröhlich, ehemals Kaufhausdetektivin, Kellnerin, Gymnastiktrainerin, sie hatte eine Autovermietung gemanagt, obdachlose Kinder aufgenommen und irgendwann mit dem Schreiben begonnen. Seit ein paar Jahren Fantasy-Literatur, inzwischen staunenswerte 400 000 Exemplare Auflage.

Das meiste nachts geschrieben.

Manchmal schrieb sie, weil sie nicht schlafen konnte. Weil sie mal wieder eines dieser Bücher gelesen hatte, die sie liebt, aber die sie verfolgen bis in die Nacht, in ihre Alpträume, Stephen-King-Bücher. Stephen King: ihr Vorbild, ihr Abgott. Der einzige Schriftsteller, der einen Geruch beschreiben konnte, wie sie fand, der einzige, der das unbeschreibbare Etwas hatte.

Jenny Fallons Werke - sie handeln von durchgeknallten Magiern und unsterblichen Prinzen und Königinnen, die Marla Wulfskling heißen oder Fürstin Löwenklau. Es ist ein bisschen, als hätte man Harry Potter und die Belegschaft von Mittelerde und Conan-der-Barbar und die Nebel von Avalon verrührt und in die Mikrowelle geschoben; und den Regler auf 13. Jahrhundert gestellt. Das unbeschreibbare Etwas, Jenny arbeitet noch daran.

Ihr Buch war noch nicht da. Etwas enttäuscht wandte sie sich um und wollte gehen, als Bev vor ihr stand, die Chefin. Deren Augen leuchteten.

Jenny! Schon gehört? Kommst du etwa - seinetwegen?

Bev gehört zu den feinsinnigen Damen des Städtchens Alice Springs, kultiviert im Leben und Lesen, Sachbücher, Werke von Nobelpreisträgern.

Wovon redest du, Bev?

Na, du weißt es noch nicht? Wer hier war? Gestern? Nein? Oh, pass auf, oh, das wird dir gefallen ...

Unbemerkt, erzählte Bev Ellis, hatte er sich in den Laden geschlichen, wie ein Schatten, und erst ein Kunde, der ein Kakteenbuch suchte, hatte sie auf ihn aufmerksam gemacht, und das auch erst, als er schon wieder draußen war, und also war sie ihm nachgerannt, um ihn gerade noch im Supermarkt gegenüber verschwinden zu sehen, und sie also hinterher, zack, und wo hatte sie ihn endlich aufgespürt, gestellt?

Jenny verstand kein einziges Wort.

In der Gemüseabteilung! War das nicht verrückt? Bei den Tomaten!

Was war bloß in Bev gefahren?

Bei den Tomaten, dort stand er also, und sie, Bev, fragte ihn streng, wie er dazu komme, die Stephen-King-Bücher in ihrem Laden zu beschmieren, denn genau das hatte er gemacht, einfach irgendwas in die neuen King-Romane geschrieben, und dann dreht er sich um, und wer steht da vor ihr? Er!

Die anderen Verkäufer waren jetzt dazugekommen, nickten und grinsten.

Aber verstehst du das denn nicht, Jenny? ER! Ich kenne doch das Gesicht. Er sah genau aus wie er selbst, denn er war es auch.

Nein, sagte Jenny.

Doch, sagte Bev, Stolz in der Stimme.

Stephen King, Grusel-King, 200 Millionen Bücher, Mechaniker des Bedrohlichen, Handwerker des Mysteriösen - dieser Mann hatte harmlos Urlaub in Australien gemacht, inkognito. Und in Alice Springs war er in Bevs Laden spaziert und hatte dort mysteriöserweise sechs Exemplare von seinem Buch »Lisey's Story« signiert, der Geschichte eines Schriftstellers, der aus dem Jenseits mysteriöse Spuren legt.

Und was hast du zu ihm gesagt?, fragte Jenny.

Nun, ihn bei uns in Alice Springs begrüßt, sagte Bev. Und dass ich ihm, wenn ich's gewusst hätte, einen Kuchen gebacken hätte. Und dann ...

Was dann?

Ich sagte, Mr King, dann überlasse ich Sie jetzt den Tomaten! Und bin gegangen.

Den Tomaten. Mein Gott. Jenny wollte sich setzen. Stephen King. Der Mann, dem sie, wenn sie ihn einmal im Leben treffen würde, eine Milliarde Fragen stellen würde. Oder nein, eine einzige Frage: Was ist Ihr Geheimnis?

Mr King wohnt übrigens im Crowne-Plaza-Hotel, Bev erwähnte es betont beiläufig.

Jenny war schwindelig, sie kämpfte einen schweren Kampf - das Crowne Plaza ist so nahe. Aber nein, das wäre aufdringlich ... Und was sollte sie auch sagen: Hi, Stephen, bin auch Schriftstellerin, und übrigens, verraten Sie mir Ihr Geheimnis? Albern. Lächerlich. Jämmerlich.

Kann ich - so ein Buch sehen?

Natürlich, sagte Bev. Was willst du damit?

Da stand er. Sein Name, in blauer Tinte.

Es kaufen, sagte Jenny. RALF HOPPE

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 121

Mehr lesen über