Erdbeben Chinas Regierung droht korrupten Beamten
Chongqing - Chongqing wirkt unberührt. In den Straßen eilen Anwohner geschäftig hin und her, auf dem Volksplatz tanzen wie jeden Morgen die Menschen und üben sich im Schwerter- und Fächertanz - doch aus dem Megafonen der Zeitungshändler von Chongqing quakt es unablässig: "Erdbeben, Erdbeben". "Wenchuan - großes Erdbeben fordert mehr als 7000 Opfer" titelt die "Chongqing Morgenzeitung" und zeigt auf der ersten Seite ein Foto der nächtlichen Rettungsarbeiten.
Auf Seite drei prangt ein Bild von Premierminister Wen Jiabao in seinem Regierungsflugzeug auf dem Weg ins Katastrophengebiet. Umgeben von Beratern, vor sich hat er eine Landkarte und ein Notizbuch - die Regierung ist in Zeiten der Not sofort zur Stelle, so die Botschaft des Fotos.
Nach seiner Ankunft in der Hauptstadt von Sichuan, Chengdu, fuhr Wen in den Ort Dujiangyan, der rund hundert Kilometer vom Epizentrum entfernt liegt - allein dort wurden Hunderte Schüler verschüttet.
Im Stadtzentrum der Jangtse-Metropole Chongqing hat Michael Kahn-Ackermann gerade entschieden, das Musikprogramm auf der "Deutschland-Promenade" abzusagen. "Wir können nicht 30.000 Leute tanzen lassen, wenn es ein paar Kilometer weiter 10.000 Tote gegeben hat", sagt er. Kahn-Ackermann ist Chef des Goethe-Instituts in China und Mitorganisator der Veranstaltung "Deutschland und China - gemeinsam in Bewegung", die seit vergangenem Freitag in der 32-Millionen-Stadt auf dem Platz vor der Großen Halle des Volkes stattfindet.
Mit der Aktion will sich die Bundesrepublik in China als umweltfreundlicher und moderner Standort und Partner präsentieren, nach Nanjing ist es die zweite Station der deutschen PR-Tour durch das Reich der Mitte. Nun packen deutsche Gruppen ihre Koffer, andere Musiker brauchen gar nicht erst aus Deutschland und Peking anzureisen.
"Es hat hier gestern ganz schön gerappelt. Wir waren gerade mitten in einer Pressekonferenz", sagt Kahn-Ackermann. Die Vorträge und Workshops zum Thema Umwelt und Stadtentwicklung sowie die Ausstellung von Firmen wie Allianz und BASF sollen trotz der Katastrophe stattfinden. In einem Bambus-Pavillon versammeln sich am Dienstagmorgen Teilnehmer des Seminars "Grüne Architektur und Stadtplanung".
"Funktionäre sollen sich persönlich engagieren"
Im Radio berichten Journalisten über die Rettungsarbeiten und informieren, welche Straßen in der bergigen Region durch Erdrutsche blockiert sind. Das Fernsehen hat wenige Stunden nach dem Beben Anweisungen der Regierung an die Funktionäre vor Ort verbreitet: Alle sollten sich "persönlich" engagieren und um Verletzte und Verschüttete kümmern. Gleichzeitig warnte Peking seine Beamten davor, Spenden zu unterschlagen.
Am Dienstagmorgen Ortszeit war kein Durchkommen nach Wenchuan. In dem Landkreis ist das Schicksal von rund 60.000 Menschen ungeklärt. Die Straßen sind durch Erdrutsche verschüttet. Soldaten aus der Provinzhauptstadt Chengdu hatten sich deshalb zu Fuß auf den Weg gemacht - und damit dem Wunsch des Regierungschefs entsprochen.
Allein in der schwer betroffenen Stadt Mianzhu sollen 1500 Menschen ums Leben gekommen sein. Mindestens 10.000 Menschen gelten als verschüttet, wie die Staatsagentur Xinhua berichtete. Das Schicksal der Obdachlosen und die Rettungsbemühungen werden durch Regenfälle erschwert, die in den nächsten Tagen anhalten sollen.
Doch die schleppend anlaufenden Rettungsmaßnahmen sind nicht das einzige Problem: Ein führender chinesischer Wissenschaftler warnt vor schweren Nachbeben mit schlimmen Folgen. Chen Xuezhong vom Staatlichen Seismologischen Büro hatte schon vor Jahren ein baldiges Beben in der Provinz Sichuan prophezeit. Es dauerte sechs Jahre, bis sich seine Vorhersage bewahrheitete.
Mit Material von dpa