Erdbeben: "Ich dachte, ein Lkw sei gegen die Wand gefahren" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Erdbeben "Ich dachte, ein Lkw sei gegen die Wand gefahren"

Um 7.44 Uhr wurden Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen von den sekundenlangen Erschütterungen beim Frühstück überrascht. Im Wuppertaler Zoo versetzte das Erdbeben die Tiere in Aufruhr.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aachen - Das Epizentrum lag bei Alsdorf, nördlich von Aachen, in 14.000 Meter Tiefe. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover stufte das Beben, das auch Teile Luxemburgs, Belgiens und der Niederlande erschütterte, mit Stärken zwischen 4,5 und 5,0 auf der Richterskala als leicht bis mittelstark ein. Man rechne zwar mit Nachbeben, doch seien diese in der Regel kaum spürbar, sagte Jörg Schlittenhardt, der Sprecher der Behörde.

An Gebäuden im Aachener Raum entstand nach Angaben der Polizei leichter Schaden entstanden. Menschen wurden nicht verletzt. In der Stunde nach dem Beben gingen bei der Polizei in Aachen 400 Anrufe geschockter und besorgter Menschen ein. Die Notrufnummern der Hilfskräfte waren blockiert.

In einer Bäckerei in Alsdorf fielen Gläser mit Kaffee und Würstchen aus den Regalen und gingen zu Bruch. "Ich dachte zuerst, ein Lkw sei gegen die Wand gefahren," erzählte eine Verkäuferin. Der Schreck sitze ihr noch immer in den Gliedern. Bei der Kundschaft habe es am Morgen kein anderes Thema gegeben.

Ein Haus in Herzogenrath sei durch einen größeren Riss im Mauerwerk beschädigt worden, teilte die Leitstelle der Feuerwehr in Simmerath mit. Fachleute seien unterwegs, um die Standfestigkeit des Gebäudes zu bewerten. Im Dürener Raum knickten Schornsteine auf zwei Wohnhäusern um. In Gelsenkirchen lösten sich Steine von einem unbewohnten Haus.

Auch der Südosten der Niederlande sowie Belgien waren von dem Erdbeben betroffen. Experten beim niederländischen Wetteramt KNMI in De Bilt vermuteten das Epizentrum südöstlich der Stadt Roermond. Wie die Betreiber mitteilten, arbeitete das Atomkraftwerk von Tihange bei Huy trotz der Erschütterungen störungsfrei weiter.

Nach Angaben der Behörden gab es viele Meldungen über bebende Erde, schwankende Möbel und zitternde Fenster. Über Verletzungen von Menschen und ernsthafte Schäden wurde auch in der Region um Lüttich nichts bekannt. Das Beben sei mit einem deutlich hörbaren Geräusch verbunden gewesen, berichteten Anrufer. Viele Menschen seien vor Schreck auf die Straße gelaufen.

"Dass die Erde in der niederrheinischen Bucht bebt, ist für uns nichts Überraschendes," sagte ein Sprecher des Geologischen Dienstes in Nordrhein-Westfalen. Im vergangenen Jahr erschütterten 175 Beben die Region Lüttich, Mönchengladbach und Aachen. Die Stärke habe aber immer unter der Marke von 2 auf der Richterskala gelegen.

Im Sommer 2001 erschütterte das letzte starke Beben das Rheinland mit 4,0 auf der Richterskala. Vor zehn Jahren war das "Roermond-Beben" mit einer Stärke von 5,6 das heftigste seit 1756. Damals wurden 40 Menschen verletzt.