Erdbeben in Algerien: Präsident mit Steinen beworfen - DER SPIEGEL
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Erdbeben in Algerien Präsident mit Steinen beworfen

Nach dem Erdbeben in Algerien entlädt sich nun die Wut der Bevölkerung über Fehler und Versäumnisse der Regierung. Präsident Bouteflika wurde bei seinem Besuch der betroffenen Gebiete von aufgebrachten Menschen mit Steinen beworfen.
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Algier - Die Empörung über ausbleibende Hilfe des Staates bekam am Samstag vor allem Präsident Bouteflika zu spüren. "Behörden-Mörder", rief die Menge in Boumerdes dem Staatsoberhaupt entgegen. "Wo ist Wasser? Wo sind Zelte? Wo ist der Staat? Wir haben nichts." Sein Auto wurde mit Gegenständen beworfen, einige Bewohner traten gegen das Fahrzeug. Abdelaziz Bouteflika blieb unverletzt.

Wenig später wurde der Präsident in der Ortschaft Lakhdaria ebenfalls mit Protesten empfangen. Ein älterer Mann warf der Regierung lautstark vor, internationale Mittel für die Erdbebenopfer veruntreut zu haben.

In anderen Dörfern gibt es ebenfalls Klagen, dass trotz der Hilfe aus dem Ausland Lebensmittel, Wasser, Strom, Medikamente und Decken fehlten.

Auch Innenminister Noureddine Zerhouni wurde von einer wütenden Menge mit Pfiffen empfangen, als er die Erdbebenregion besuchte. Die algerischen Zeitungen beklagen Schlamperei am Bau, Korruption und Fahrlässigkeit. "40 Sekunden reichten, um den Betonkapitalismus bloßzulegen", kritisierte die in Algier erscheinende "La Tribune". Hunderte von Menschen hätten laut der Zeitung "al-Watan" gerettet werden können, wenn die Regierung die Lehren aus dem schweren Erdbeben von 1980 gezogen und die Einhaltung der Bauvorschriften kontrolliert hätte.

3000 Tote befürchtet

Am Sonntag erhöhten die Behörden die Angaben zu der Zahl der Todesopfer auf 2047. Sie befürchten jedoch über 3000 Tote, wie bereits bei dem Erdstoß im Jahr 1980. Über 8600 Menschen wurden verletzt, teilte das Innenministerium in Algier mit. Durch die große Hitze von mehr als 30 Grad und schmutziges Trinkwasser drohen jetzt Krankheiten. Zehntausende Obdachlose konnten nach algerischen Medienberichten und Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nur unzureichend versorgt werden.

Vier Tage nach dem Beben vom vergangenen Mittwoch bestand kaum noch Hoffnung, Überlebende in den Trümmern zu finden. "Die Chance, noch Überlebende zu bergen, ist außerordentlich gering", sagte DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Die fünf DRK-Hundeführer kehren mit ihren Tieren voraussichtlich am Montag nach Deutschland zurück. Mit ihrer Hilfe wurden zwei Verschüttete gerettet und mehrere Tote aufgespürt.

Polnischen und österreichischen Helfern war es am Samstag noch gelungen, ein zwölfjähriges Mädchen lebend aus den Trümmern eines Hauses zu retten. Die Feuerwehrmänner mussten mehrere Betonplatten zerschlagen, um zu dem Mädchen zu gelangen. Hunderte von Einwohnern in Boumerdes verfolgten diese Rettungsaktion und applaudierten. Etwa 50 Stunden nach den Erdstößen hatten Helfer auch eine Frau und ihr Baby befreien können.

In der dicht besiedelten Region berichteten verzweifelte Menschen noch am Samstag, sie könnten Eingeschlossene schreien hören. "Wir haben nur unsere bloßen Hände", rief ein Mann, "es gibt kein Gerät." Doch nach drei Tagen ohne Wasser sinkt die Überlebenschance von Menschen dramatisch.

Das Nötigste fehlt

In vielen Regionen fehlt es am Nötigsten, berichten Helfer vor Ort: Wasser, Decken und Medikamente. Internationale Rettungsteams saßen zehn Stunden am Flughafen fest, bevor sie von den Behörden Anweisungen bekommen hatten. Die Verantwortlichen verwiesen darauf, dass die Straßen zerstört seien und die Sicherheit der ausländischen Helfer gewährleistet werden müsse. "Die algerische Regierung geht davon aus, dass man das mit eigenen Kräften bewältigen kann", sagte dagegen DRK-Sprecher Roewer. Von Deutschland bis Südafrika haben Staaten Hilfe zur Versorgung der Opfer zugesagt. Aus Hannover flog ein DRK-Flugzeug mit zwölf Tonnen Hilfsgütern nach Algier.

Viele Betroffene verbrachten seit Mittwoch jede Nacht unter freiem Himmel. Unterdessen waren Transporte mit Hilfsgütern und Zelten für die Zehntausenden von Obdachlosen östlich von Algier unterwegs.

Das schwere Erdbeben am Mittwochabend hatte nach algerischen Angaben eine Stärke von 6,2 auf der Richterskala. Es war das verheerendste in der gefährdeten Region seit dem Beben 1980. Das Epizentrum lag rund 70 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier. In dieser Region am Mittelmeer leben etwa 20 Millionen Menschen.