Erdbeben in Chile: Zerstörung, Chaos, Angst
Erdbeben in Chile Hunderte tot, Hunderttausende obdachlos
Berlin - Der Ort Iloca im Süden Chiles ist zerstört. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals. Ich habe meine Tochter umarmt und ihr gesagt: Durchhalten", erzählt Eloísa Fuenzalida, eine Einwohnerin. Die Frau hatte Glück. Andere offenbar nicht. "Als wir konnten, sind wir durch den Morast in Richtung Berge. Ich weiß nicht, wie viele gestorben sind", sagte sie.
"Das Meer hat die Autos weggeschwemmt, die Häuser, alles, alles", sagte ein Hörer einem Radiosender in Curicó, einem Ort etwa 120 Kilometer von Iloca entfernt. Das gewaltige Erdbeben der Stärke 8,8 verwüstete auch diese südchilenische Stadt.
Der historische Stadtkern Curicós, rund 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, ist weitgehend dem Erdboden gleichgemacht. Die Lehmhäuser stürzten ein, in den Rinnsteinen sitzen Kinder über und über mit Staub bedeckt und halten ihre Kuscheltiere fest. Die Behörden haben vorsorglich eine Ausgangssperre verhängt, um Plünderungen zu verhindern. "Neunzig Prozent von Curicós Altstadt sind zusammengefallen, das sind fast 60 Prozent der gesamten Stadt", sagt Marcelo Vasquez, Reporter der lokalen Radiostation Radio Estación Uno.
Erste Bilder des chilenischen Fernsehens, aufgenommen am Sonntag bei einem Hubschrauberflug entlang der Küste, zeigten schwere Schäden und Überschwemmungen. Teile der direkt am Pazifik gelegenen Siedlungen der Hafenstadt Constitución stehen unter Wasser. Die Stadt liegt rund 60 Kilometer nördlich des Epizentrums. Die gesamte Region ist schwer mitgenommen. Entlang des Küstenstreifens Richtung Süden sind viele Häuser weggespült worden.
Die Menschen in den betroffenen Regionen im Zentrum Chiles sind verunsichert. "Immer wieder bebt die Erde in dieser Nacht und am Morgen, sie kommt einfach nicht zur Ruhe - und wir auch nicht", schreibt der Augenzeuge und SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Benjamin Loy.
Die Behörden fürchten, dass sich das volle Ausmaß der Katastrophe erst in den kommenden Tagen zeigen wird. Wassermangel, Kommunikationsprobleme und die Isolierung der Küstenregionen könnten die Lage nach und nach verschlimmern. Verteidigungsminister Francisco Vidal sprach von einer "Tragödie". Nach Schätzungen der nationalen Notfallbehörde sind bislang mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen.
Tsunami-Alarm: Die Angst vor der Welle
Die Leiterin der Behörde, Carmen Fernandez, sagte am Samstagabend, die Zahl werde vermutlich noch steigen. Präsidentin Michelle Bachelet erklärte, 1,5 Millionen Menschen der rund 16 Millionen Einwohner seien von dem Beben der Stärke 8,8 am frühen Samstagmorgen betroffen, 500.000 Häuser und Wohnungen schwer beschädigt. Von den 15 Regionen Chiles wurden von der Präsidentin sechs zu Notstandsgebieten erklärt.
Das wirtschaftliche Ausmaß der Schäden ist noch nicht zu übersehen. "Der Aufbau wird nicht einfach", erklärte die Präsidentin, die am 11. März ihr Amt an den konservativen Gewinner der vergangenen Wahl, Sebastián Piñera, übergibt. Auch Piñera, ein Unternehmer, zeigte sich von den Schäden beeindruckt, rief zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung auf und bot Bachelet seine Zusammenarbeit an. Bislang hat die chilenische Präsidentin noch keine Hilfe ausländischer Staaten angefordert. US-Präsident Barack Obama bot Hilfe an, ebenso wie Australien und Südkorea. Die Europäische Union will drei Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung stellen. Die möglicherweise milliardenschweren Aufbaukosten könnten das Land teuer zu stehen bekommen, so Analysten in Chile. Über eine Abwertung des Peso, der nationalen Währung, wird bereits spekuliert.
Concepción ist stark verwüstet
Stark betroffen ist die Stadt Concepción im Süden, mit rund 216.000 Einwohnern eine der größten des Landes. Das Zentrum ist schwer beschädigt, Menschen übernachteten auf den Straßen, aus Angst vor weiteren Nachbeben. Mauri Arancibia, 23, ist erleichtert, dass ihre Tante unverletzt ihr Haus verlassen konnte, das über ihr zusammengebrochen war. Nun steht sie auf der Straße und ist erschüttert über das Ausmaß der Zerstörungen in der Stadt. "Ich bin wirklich durcheinander. Ich weiß nicht, was ich tun soll", sagt sie.
Das Beben hatte rund 115 Kilometer nördlich der Region Biobío seinen Ursprung und hat daher besonders hier schwere Schäden verursacht. Ein 15-stöckiges Hochhaus im Zentrum Concepcións stürzte zum Teil ein. Rund 200 Menschen sollen sich dort noch im Inneren befinden. Andere Teile der Stadt bieten ebenfalls ein Bild der Verwüstung. Autos sind unter Häusern gegraben, Fassaden herabgestürzt. In der Nacht war die Stromversorgung zusammengebrochen, Menschen hatten Feuer an den Straßen entzündet, die einzigen Lichter waren die der umherfahrenden Polizeiwagen. Die seit längerem gesperrte alte Brücke über den Fluss Bío-Bío brach zur Hälfte ein.
Eine Reporterin des chilenischen Fernsehens TV-Chile berichtete am Sonntagmorgen telefonisch aus der Stadt. In den Straßen seien die Rufe von Männern, Frauen und Kindern zu hören, die noch unter den Trümmern eingestürzter Häuser liegen. Fast alle Straßen seien mit Trümmern und Kabeln übersät. Gebäude, die das große Erdbeben in den sechziger Jahren überstanden hätten, seien beschädigt oder zerstört. Besonders augenfällig seien aber die Zerstörungen an Bürogebäuden, die erst vor kurzem errichtet worden seien, so die Reporterin weiter.
Auch die Region ist schwer mitgenommen. Die Hafenanlagen der nahegelegenen Stadt Talcahuano wurden durch die Wellen, die das Erdbeben auslöste, zum Teil überflutet. In den Straßen der Stadt waren Stahlcontainer zu sehen, die aus ihren Verankerungen gerissen worden waren und dort umhertrieben. Fischereiboote wurden an Land auf die Hafenanlagen gespült. Die ökologischen Schäden sind ebenfalls noch nicht absehbar, in der Umgebung Talcahuanos wurden auch Industriebetriebe und Ölanlagen unter Wasser gesetzt. Auch die Stadt Vichato in der Region wurde von einem Tsunami getroffen, Hunderte Häuser wurden überflutet.
Kritisch war die Lage auch in der Stadt Chillán - auf halbem Wege zwischen Concepción und den Anden. Dort flohen 269 Häftlinge nach dem Erdbeben aus dem Gefängnis. 28 von ihnen wurden gefasst, mindestens drei auf der Flucht erschossen.
Unterdessen erreichten rund ein Meter hohe Tsunami-Wellen, die das Beben in Chile ausgelöst hatten, die Küste Japans.Vor Hawaii, Australien und Russland wurden die Tsunami-Warnungen wieder aufgehoben, nachdem die Wellen kleiner als befürchtet geblieben waren.