Erdbeben in Italien Vergebliche Rettung eines Jungen
San Giuliano di Puglia - Rettungsmannschaften hatten den etwa sieben Jahre alten Jungen am Morgen noch lebend aus den Trümmern seiner eingestürzten Schule von San Giuliano di Puglia geborgen. Er wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht, erlag dort aber dann seinen Verletzungen.
Die Retter kämpften weiterhin verzweifelt um das Leben der fünf Kinder, die noch unter den Trümmern der Vorschule vermutet werden. Mit technischem Gerät und bloßen Händen suchten sie nach Überlebenden. Doch die Hoffnung wird immer geringer. "Es sieht so aus, als ob die ganze Klasse ausgelöscht wurde", sagte der Geistliche Fernando Manna.
Die Helfer arbeiteten die ganze Nacht durch. Im Morgengrauen hielten sie einen Moment inne, um zu horchen, ob sie noch Stimmen unter den Trümmern hören können. Aber es herrschte nur Stille, bis kurz vor Mittag der Junge gefunden wurde.
Zuletzt war in der Nacht um 3.45 Uhr ein neunjähriger Junge lebend gerettet worden. Kurz nach Mitternacht war eine Lehrerin tot geborgen worden. Die Zahl der Getöteten stieg auf 24: Insgesamt 21 Kinder sowie eine Lehrerin und zwei Frauen, die in nahe gelegenen Häusern getötet worden waren. Ministerpräsident Silvio Berlusconi rief den Notstand für die Region aus.
Kinder feierten Halloween
Die Kinder feierten zum Zeitpunkt des Erdstoßes am Donnerstagmittag gerade eine Halloween-Party. Ein Mädchen namens Lilia berichtete im italienischen Fernsehen, die Kinder hätten gerade Pinocchio-Bilder gemalt und sich auf die Halloween-Party vorbereitet, als das Beben die ganze Schule einstürzen ließ. Der Ort San Giuliano di Puglia hat rund 2000 Einwohner. Etwa 3000 Menschen wurden in der Region bei dem Beben der Stärke 5,4 obdachlos.
Das Erdbeben hatte gegen 11.33 Uhr weite Teile Mittel- und Süditaliens getroffen. Das Zentrum der Erdstöße lag im Bereich der Stadt Campobasso in der Region Molise, die sich 80 Kilometer nordöstlich von Neapel und 220 Kilometer südöstlich von Rom befindet. Am Donnerstag gab es auch am Ätna, der am Sonntag wieder aktiv geworden war, noch ein Erdbeben der Stärke 3,7. Am Freitagmorgen gab es in derselben Stärke ein Beben vor Palermo.
Während der Rettungsarbeiten gab es heftige Kritik an den Behörden. Das Schulgebäude sei alt und baufällig gewesen, hieß es. Auch unter den Helfern habe es zunächst Chaos gegeben. Italienische Zeitungen berichteten, nach der Katastrophe habe unter den Rettern zunächst Ratlosigkeit geherrscht. Einige Feuerwehrautos hätten nicht genügend Benzin gehabt, um die eingestürzte Dorfschule zu erreichen. Die Verantwortlichen hätten sich gestritten, statt schnell zu handeln, schrieb die Zeitung "Corriere della Sera".
Berlusconi begab sich noch am Donnerstagabend in das Unglücksgebiet in San Giuliano di Puglia. Es werde alles getan, um den Menschen zu helfen, versprach er. "Es gibt keine Grenzen", sagte der Regierungschef. Alle Mittel würden eingesetzt.
Bundeskanzler Gerhard Schröder bekundete Berlusconi in einem Schreiben sein Beileid. Mit "Trauer und Bestürzung" habe er von dem schweren Erdbeben erfahren, bei dem so viele Kinder und Lehrer ihr Leben verloren. "Ich möchte Dir und den Menschen in Italien mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen und bitte Dich, den Angehörigen der Opfer mein aufrichtiges Beileid und den Verletzten meine Genesungswünsche zu übermitteln", erklärte Schröder.