Erdbeben-Katastrophe: Italien trauert um die Toten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Erdbeben-Katastrophe Italien trauert um die Toten

Über 200 Särge, Tausende Trauernde: Mit einer bewegenden Andacht hat Italien Abschied von den Erdbebenopfern genommen. Bei der Totenmesse unter freiem Himmel wurde eine Ansprache des Papstes verlesen - und Regierungschef Berlusconi kündigte an, nun doch Hilfe aus dem Ausland zu akzeptieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

L'Aquila - Der Gedenkgottesdienst musste unter freiem Himmel stattfinden. Ein anderer Ort stand in der am schwersten getroffenen Stadt L'Aquila nicht zur Verfügung, weil alle Kirchen durch das Beben beschädigt oder zerstört worden waren. Für die Zeremonie wurden 205 Särge in vier Reihen auf dem Paradeplatz einer Polizeiakademie aufgebahrt. Viele von ihnen waren mit Blumen und Fotos der Toten bedeckt. Auf einigen standen kleinere weiße Särge mit den Leichen von Kindern, die zusammen mit ihren Müttern beerdigt wurden.

Mehrere tausend Menschen versammelten sich zu der Trauerfeier. Neben zahlreichen Angehörigen waren auch der italienische Präsident Giorgio Napolitano und Ministerpräsident Silvio Berlusconi gekommen. Zum Gedenken an die 289 Erdbebenopfer waren schon am Freitagmorgen im ganzen Land die Flaggen auf Halbmast gesetzt worden. Überall im Land gedachte man der Toten. Es gab Schweigeminuten sogar auf Flughäfen. Das italienische Fernsehen übertrug die Zeremonie von L'Aquila landesweit.

Die Fernsehkameras zeigten immer wieder tief gebeugte Menschen. Viele folgten mit geschlossenen Augen und voller Gram in den Gesichtszügen den Worten des Trostes, die Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone während der Totenmesse sprach. Die Kirche hatte für den Gottesdienst eigens eine Sondererlaubnis erteilt, denn normalerweise werden am Karfreitag keine Messen gefeiert. Papst Benedikt XVI. sprach den Opfern sein Mitgefühl aus. Er trauere mit den Angehörigen um die Opfer und teile ihren Schmerz, hieß es in einer Botschaft, die sein Privatsekretär Georg Gänswein verlas.

Nachbeben versetzt Menschen in Angst

Er bitte Gott inständig darum, "dass alle den Mut haben, weiterhin zu hoffen und nicht der Verzagtheit zu erliegen", schrieb das Kirchenoberhaupt. "Ich bin sicher, dass man durch das Bemühen aller die dringendsten Notwendigkeiten anpacken kann." Nach Ostern will der Papst das Erdbebengebiet auch selbst besuchen.

Die Suche nach verschütteten Überlebenden in den Trümmern geht unterdessen weiter, doch fünf Tage nach dem katastrophalen Beben gibt es nur noch wenig Hoffnung auf Überlebende. Bis Ostersonntag wollen die Helfer noch suchen, dann wird die Aktion eingestellt. Auch Donnerstagnacht erschütterten allerdings weitere Nachbeben die Region. Die Erdstöße der Stärke 4,9 hielten etwa eine Minute lang an, wie das italienische Institut für Geophysik mitteilte. Das Beben war auch in der rund hundert Kilometer entfernten Hauptstadt Rom zu spüren. In den mittelitalienischen Not-Zeltlagern versetzte das Nachbeben die Menschen erneut in Angst.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien

Das Erdbeben der Stärke von bis zu 6,3 am Montag war das verheerendste in Italien seit fast 30 Jahren. Etwa 28.000 Menschen wurden durch die Erdstöße obdachlos, 17.000 von ihnen übernachten seitdem bei eisigen Temperaturen in Zeltstädten.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der zunächst die meisten internationalen Angebote für Soforthilfe abgelehnt hatte, erklärte am Freitag, dass Italien von der EU Wiederaufbauhilfen über 500 Millionen Euro erhalten werde. Die Bundesregierung sagte Unterstützung für den Wiederaufbau der zerstörten Ortschaft Onna zu. Außenminister Frank-Walter Steinmeier versprach seinem italienischen Kollegen Franco Frattini bei einem Telefongespräch, beim Wiederaufbau der Dorfkirche aus dem 18. Jahrhundert zu helfen. Deutschland sei auch bereit, in der gesamten betroffenen Region Katastrophenhilfe und Unterstützung zu leisten.

Onna liegt vor den Toren von L'Aquila in den Abruzzen und wurde am Montag durch das verheerende Erdbeben vollständig zerstört. Rund 50 der knapp 300 Einwohner kamen dabei ums Leben.

Der Wiederaufbau Zehntausender zerstörter Häuser wird nach Schätzungen der italienischen Regierung 1,2 Milliarden Euro kosten. Ganze Orte müssen neu aufgebaut werden. Das italienische Kabinett beschloss am Donnerstag finanzielle Erleichterungen für die betroffene Bevölkerung und zusätzliche 100 Millionen Euro für den Zivilschutz. In der Woche nach Ostern soll ein spezielles Abruzzen-Dekret noch mehr Hilfe auf den Weg bringen.

Erdbebenstärken

chs/Reuters/AFP/dpa/AP