Erdbebengebiet: "Es ist nichts mehr da" - DER SPIEGEL
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Erdbebengebiet "Es ist nichts mehr da"

In Chinas Katastrophenzone rücken die Rettungsteams ab, zu gering ist die Chance, noch Lebende zu finden. Erste Erdbebenflüchtlinge kehren jetzt zurück, sie müssen sich um ihre Felder kümmern - doch ihre Dörfer sind komplett zerstört.
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Peking - 70 Krankenwagen der "Pekinger Medizinischen Notfallhilfe" fahren auf der Autobahn von Mianyang Richtung Provinzhauptstadt Chengdu und dann weiter nach Peking. Sie transportieren keine Patienten mehr. In Sichuan gibt es für sie nichts mehr zu tun, also kehren sie nach Hause zurück.

Mehr als eine Woche, nachdem das Erdbeben im Westen Chinas Tausende Dörfer und Städte zerstörte, ist die Chance, noch Lebende aus den Trümmern ziehen, so winzig wie ein Reiskorn. Die Zahl der Todesopfer liegt mittlerweile nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua bei mehr als 40.000, über 32.300 Menschen werden noch vermisst.

Die dreitägige Staatstrauer, die gestern begann, dient auch dazu, der Bevölkerung klar zu machen, dass jetzt eine neue Phase beginnt: Bevor der große Wiederaufbau beginnt, müssen zunächst Hunderttausende Flüchtlinge so schnell wie möglich ein festeres Dach über den Kopf erhalten, Kinder wieder in die Schule, die Felder abgeerntet werden.

Nicht mehr Retter sind gefragt, sondern Experten, die Seuchen verhindern und die Traumata behandeln können. In der Air-China-Morgenmaschine von Peking nach Chengdu sitzt eine Mannschaft des "Zentrums für die Verhinderung von Epidemien" aus der Hauptstadt. Alle tragen rote Armbinden mit gelber Aufschrift, die sie als Helfer im Kampf gegen das Erdbeben kennzeichnen.

Berlins Botschafter Michael Schäfer hockt ganz hinten in der Economy-Klasse: Er will im Generalkonsulat von Chengdu nach dem Rechten sehen, das, seitdem die Erde am vorletzten Montag bebte, aus einem Hochhaus in eine Privatwohnung umgezogen ist. Die Deutschen wollen in den kommenden Tagen ein Feldlazarett in das Katastrophengebiet von Sichuan schicken.

Ein schwarzweißes Transparent begrüßt die Ankömmlinge auf der Schnellstraße in die Innenstadt: "Tiefes Beileid für die Opfer des Wenchuan-Erdbebens."

In den größeren Ortschaften, die heil geblieben oder nur wenig beschädigt wurden, prägen blaue Zelte der chinesischen "Katastrophenhilfe" und bunte Planen das Straßenbild: auf Plätzen, in Parks, in Stadien und an den Ausfallstraßen lagern seit voriger Woche Dörfler, deren Häuser zerstört wurden.

"Wir bekommen drei Mahlzeiten am Tag und Wasser", berichtet ein Bauer in der Stadt Shifang, der mit seiner Familie auf dem zentralen Platz der Industriestadt lagert. Durch den Lautsprecher mahnt eine Frauenstimme zur Reinlichkeit, um Krankheiten zu verhindern.

Schon machen sich die ersten auf den Weg zurück in ihre zerstörte Heimat. "Wir wollen morgen aufbrechen", sagt eine Bäuerin, die unter einer Plane vor dem "Neun Kontinente"-Stadion in der Stadt Mianyang haust. Ihr Haus in einem Dorf "hinter den Bergen", wie sie sagt, ist völlig zerstört. Ihre 14-jährige Tochter mag sie allerdings nicht begleiten: "Sie hat Angst vor Nachbeben und Erdrutschen", sagt die Frau. "Außerdem wissen wir nicht, wo wir überhaupt bleiben können, es ist ja nichts mehr da."

Wie sie sind viele Opfer darauf angewiesen zurückzukehren, um sich um die Felder zu kümmern, die oft die einzige Einkommensquelle dieser bitterarmen Menschen sind.

Die Furcht vor Nachbeben hat die ganze Region erfasst. Immer wieder hat in den vergangenen Tagen die Erde gezittert. Nachdem gestern das Staatliche Seismologische Institut vor neuen Erdstößen bis zur Stärke 7 warnte, bleiben Tausende vorsichtshalber im Freien.

Auch in der Millionenstadt Chengdu schlafen viele Menschen lieber in Zelten auf der Straße oder in ihren Autos als in ihren Wohnungen.