Erdbebenopfer Noch Tausende Leichen unter den Trümmern
Neu Delhi - "Ich bin völlig am Ende, ich habe nichts mehr, weder meine Familie noch mein Vieh", sagte der Bauer Karim Alha in einem der zerstörten Dörfer. In der Großstadt Ahmedabad gaben Helfer die Hoffnung auf, 35 Kinder aus einer eingestürzten Schule zu bergen. Rettungstrupps versuchten den ganzen Samstag über, Verschüttete aus den Ruinen der Häuser zu bergen.
Mehrere Tausend Opfer werden noch unter Stein- und Betonmassen in verschiedenen Städten des am schwersten betroffenen Bundesstaates Gujarat vermutet. Hunderttausende sind obdachlos, 33.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt. Der Regierungschef von Gujarat, Keshubhai Patel, sagte, wahrscheinlich seien mehr als 16.000 Menschen ums Leben gekommen.
Das Beben der Stärke 7,9 auf der Richterskala war das stärkste in Indien seit 1950. Es hatte am Freitagmorgen in mehreren Distrikten Gujarats schwere Verwüstungen angerichtet und war in ganz Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch zu spüren. Bis Samstagabend gab es 188 Nachbeben, von denen 15 eine Stärke von mehr als 5,0 hatten.
In Bhuj, der am schlimmsten zerstörten Stadt nahe dem Epizentrum, war das einzige Krankenhaus völlig überlastet. Die wenigen Ärzte an der Armeeklinik arbeiteten pausenlos, um in Notoperationen Menschenleben zu retten. Überall in Bhuj waren die Ruinen von Häusern zu sehen. "Viele Menschen sind noch in den Trümmern eingeschlossen. Es gibt Lebenszeichen, aber nur sehr wenige Räumgeräte", sagte eine Augenzeugin.
Viele der 150.000 Einwohner flohen aus der Stadt. Jedes zehnte Haus war eingestürzt, mindestens 6000 Menschen kamen allein in Bhuj ums Leben. Alle Gebäude der Stadt zeigten gefährliche Risse. Als "Kartenhäuser aus Beton" kritisierte eine Zeitung die Häuser, die nicht erdbebensicher errichtet worden waren. Auch der wichtigste Brückenkopf in die Katastrophenregion, die Luftwaffenbasis in Bhuj, wurde teilweise zerstört. Bis zu 150 Soldaten und Zivilisten kamen ums Leben. Trotzdem starteten und landeten Flugzeuge und Helikopter beim Licht von Gaslampen, um Verletzte auszufliegen und Hilfsgüter zu bringen.
Hilfsaktionen gestalten sich schwierig
Im Kampf um eine Versorgung der Überlebenden mit Lebensmitteln und Medikamenten stehen die Hilfsorganisationen vor gewaltigen Problemen. "Aus der Hauptstadt kommen wir immer noch nicht einmal telefonisch in die betroffene Region durch", sagte Anandi Iyer, stellvertretende Leiterin des indischen Büros der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Neu Delhi. "Die Menschen brauchen dingend etwas zu essen und Arznei."
Die EU-Kommission hat rund sechs Miollionen Mark Soforthilfe für das Erdbebengebiet Gujarat zur Verfügung gestellt. Dieser Betrag könne noch erhöht werden, teilte die EU-Kommission in Brüssel mit. Experten des EU-Katastrophenhilfsprogramms wurden in die Region entsandt. "Die Gruppe wird dort den Schaden bewerten", sagte ein Sprecher. Dann werde die Kommission entscheiden, wie sie weiter helfen werde.
Jürgen Hein, dpa