Ermittlungen auf Bali Der lange Arm der Qaida
Washington/Jakarta - Liest man nach den blutigen Anschlägen auf Bali die amerikanischen Geheimdienstprotokolle ein zweites Mal, hört sich so manches wie eine konkrete Ankündigung der Geschehnisse vom Samstag an. So berichtete der angebliche Vertraute von Osama Bin Laden, Abu Zubayadah, den CIA-Beamten schon vor Monaten im Verhör, dass al-Qaida ganz bewusst Leute in die Region Südostasien, insbesondere nach Indonesien, schicke, um dort Kontakte aufzubauen. Indonesien ist das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerungsgruppe, die als überwiegend gemäßigt gilt.
Doch die Papiere geben noch mehr her: So habe die al-Qaida mit dem Kuweiter Omar al-Faruq einen Statthalter in Indonesien plaziert, der dort in der Tat bis zu seiner Festnahme im Juni 2002 mit einem gefälschten Pass lebte. Von Zubayadah habe er, so gestand al-Faruq schließlich vor wenigen Wochen CIA-Agenten, den Auftrag bekommen, "zeitgleiche Anschläge mit Autos oder Lkws auf US-Botschaften in der Region" durchzuführen. Trotz seiner Festnahme würden die Vorbereitungen für diese Anschläge weiter laufen, drohte al-Faruq den Beamten.
Haben die Getreuen von al-Faruq am Samstag ihre Planungen also zu einem Ende gebracht? Ist es wieder der Terror-Krake al-Qaida und sein Führer Osama Bin Laden, die hinter dem schlimmsten Terror-Anschlag seit dem 11. September stecken? Und hat sich al-Qaida im unübersichtlichen Raum Südostasien einen neuen Standort aufgebaut, nachdem die USA ihr Nest in Afghanistan ausgeräuchert haben? Bisher halten sich Ermittler mit ihren Aussagen zurück, da sie aus Indonesien kaum Informationen bekommen.
Hilfloses Raten statt Gewissheit
Lediglich die üblichen Experten analysieren recht nahe liegend, dass solch ein Anschlag gut geplant und vorbereitet sein müsse. Am weitesten wagte sich der australische Ministerpräsident John Howard bereits am Sonntag vor. Er behauptete, dass die Terror-Organisation al-Qaida hinter den Anschlägen stecke. In der Tat weisen vor allem die parallel ausgeführten Bombenexplosionen und die verheerende Sprengkraft auf das Werk von Profis hin. Am Montag dann stellte sich auch der indonesische Verteidigungsminister Matori Abdul Djalil vor die Mikrofone und sagte, al-Qaida sei für die blutigen Anschläge verantwortlich.
Die Schuldzuweisungen in Richtung Osama Bin Laden müssen jedoch eher als Zeichen der Hilflosigkeit denn der Gewissheit gedeutet werden. Noch stehen die Ermittlungen ganz am Anfang - nicht zuletzt, weil die Behörden auf Bali mit den komplizierten Nachforschungen anscheinend überfordert und auch unerfahren sind. Sie sagten am Montag zurückhaltend, es gebe mittlerweile Personen, die man befragen wolle. Mittlerweile haben deshalb die USA, Australien und auch europäische Länder Experten-Teams nach Bali geschickt, um die lokalen Fahnder zu unterstützen. Besonders die USA haben, wie in solchen Fällen üblich, ein ganzes Heer von CIA-Agenten abkommandiert, um jeder Spur nachzugehen.
Als erstes werden sie die Bauart des Sprengsatzes und den benutzten Sprengstoff analysieren. Eine zweite Spur liefert das Auto, in dem der Sprengsatz vor dem Nachtlokal "Sari" explodierte - auch hier könnten sich Hinweise auf mögliche Täter finden. Andere Teams werden sich mit ersten Zeugenbefragungen befassen. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat neben Verbindungsbeamten auch sein spezialisiertes Team für die Identifizierung von verkohlten und verbrannten Leichen geschickt, das schon bei ähnlichen Fällen weltweit im Einsatz war.
CIA sieht Islamistenführer als Hintermann
Gleichwohl gibt es erste Vermutungen, wer hinter dem Bombenanschlag stecken könnte. Im Zentrum der Spekulationen steht die islamistische Gruppe Jemaah Islamiyah (JI). Sie setzt sich seit Jahren in Indonesien für die Rückkehr zum so genannten Gottesstaat ein und betreibt mehrere Koranschulen. In diesen Schulen sollen gewaltbereite Extremisten für den bewaffneten Kampf und auch für Terroranschläge ausgebildet werden, glaubt die CIA. Auch aus dem, was deutsche Sicherheitsexperten bisher wissen, würde ein solche Anschlag "für die Jemaah Islamiyah Sinn machen", so ein hoher deutscher Geheimdienstler.
Für die CIA ist die JI der verlängerte Arm von al-Qaida in Indonesien. Angeblich, so ein CIA-Dossier, könnte sich al-Qaida von den Ressourcen der JI sowohl materiell als auch personell bedienen. Der Führer der Gruppe, der 64-jährige Abu Bakar Bashir, gilt für die Amerikaner als gefährlicher Seelenfänger, den sie am liebsten im Gefängnis sehen würden. Bashir, der dem radikalen Rat der indonesischen Gotteskrieger (MMI) vorsteht, erfüllt auch bildlich alles, was das Feindbild eines radikalen Islamisten ausmacht. Er huldigt Osama Bin Laden als "bestem Muslim von allen" und raunt gegenüber Reportern in seinen langen Bart, dass er viele Osamas in seinen Schulen ausbilde.
Bisher aber hat sich die indonesische Regierung geweigert, Abu Bakar Bashir festzunehmen, da angeblich keine Beweise gegen ihn vorlägen. Auch als vergangene Woche US-Botschafter Ralph Boyce erneut und dringlich bei indonesischen Behörden vorsprach, blieben die Offiziellen gelassen. Boyce sagte, Washington habe Beweise, dass der Geistliche Bashir am 23. September 2002 in einen Anschlag auf das Haus eines US-Entwicklungshelfers in Jakarta verwickelt war. Jakartas Polizei war hingegen der Meinung, es habe sich um eine private Fehde gehandelt.
Es ist schwer zu unterscheiden, ob der Geistliche Bahir nur den Hass gegen den Westen predigt oder seine Getreuen zu konkreten Gewalttaten anstiftet. Zwar üben auch die Regierungen von Malaysia und Singapur seit Monaten Druck auf Jakarta aus, endlich gegen Bashir vorzugehen. Doch für die indonesische Regierung steht auch die interne Stabilität auf dem Spiel. Gehen sie gegen den JI-Führer vor, müssen sie erst recht die Gewalt seiner Anhänger, diesmal gegen die eigene Regierung, fürchten. Bashir selbst verneinte am Montag jegliche Beteiligung an den Anschlägen und machte westliche Geheimdienste für die Bluttat verantwortlich.
Anschlag in Botschaften angekündigt?
Auch die Aussagen des im Juni 2002 in Indonesien verhafteten al-Qaida-Mitglieds Omar al-Faruq belasten den Islamistenführer Bashir schwer. Laut Faruq soll Bashir bereits für einen Bombenanschlag auf eine Moschee in Jakarta im Jahr 1999 verantwortlich sein, mit dem Muslime gegen Christen aufgehetzt werden sollten. Er selbst soll von Bashir die Vollmacht über seine Kämpfer bekommen haben, so al-Faruq weiter. Der 64-jährige Bashir bestritt allerdings, al-Faruk jemals getroffen oder auch nur von ihm gehört zu haben. Doch auch wenn nicht alles, was al-Faruq den CIA-Agenten berichtet, wahr ist, zeigt allein seine Tätigkeit, dass al-Qaida irgendetwas in der Region plante oder noch immer plant.
Die Amerikaner haben die Drohungen von al-Faruq jedenfalls sehr ernst genommen. Schon einen Tag nachdem seine Aussagen über einen geplanten Anschlag auf US-Botschaften in die USA weitergeleitet worden war, schlossen die USA Anfang September ihre Botschaften in der ganzen Region und fuhren die Sicherheitsmaßnahmen nach oben. Der Kuweiter hatte ausgepackt, dass er mit mehrere anderen Verdächtigen Anschläge vorbereitet habe und dazu bereits große Mengen Sprengstoff ins Land gebracht worden sei. Kurz darauf wurden auf den Philipinen ebenfalls mehrere Männer festgehalten, die mittlerweile einen geplanten Anschlag auf US-Einrichtungen zum Teil gestanden haben. Einer von ihnen gilt als enger Vetrauter von Bashir und der JI.
Ins Visier der Fahnder geriet nach dem Geständnis des al-Qaida-Manns al-Faruq auch ein Deutscher, der seitdem in Jakarta in Haft sitzt. Gegen den Deutschen ermittelt mittlerweile auch die Bundesanwaltschaft wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Welche Rolle R. tatsächlich spielt, ist weitgehend unklar, allerdings sind sich die Ermittler sicher, dass er zu al-Qaida gehört und wichtige Personen in der Organisation kennt.
Unabhängig von den Täter-Theorien der Amerikaner sehen deutsche Geheimdienstler nach den Anschlägen von Bali die in der vergangenen Woche verbreiteten Botschaften von Osama Bin Laden und seinem Vetrauten Aiman al-Zawahiri in einem anderen Licht. "Wenn man sich die Botschaften jetzt durchliest, passen sie sehr gut ins Bild", so ein deutscher Geheimdienstmann. In den Mitteilungen, die per Tonband an die Öffentlichkeit gelangten, sagt al-Zawahiri angeblich, dass al-Qaida "Botschaften" an Amerikas Verbündete senden wolle, um deren Beteiligung am "Kreuzzug" der USA zu stoppen.
Bisher hatte man die Verbündeten der USA vor allem in Europa gesehen und Rückschlüsse beispielsweise auf den Anschlag in Tunesien vor wenigen Monaten gezogen. "Auch Indonesien gilt in den Augen der Radikalen als Verbündeter", gab der Geheimdienstler jetzt zu bedenken. Mit einem solchen Anschlag würde man zwei Ziele treffen: die westlichen Touristen ebenso wie Indonesiens Wirtschaft. "Ins Strickmuster der Qaida würde das durchaus passen", so der Beamte weiter. Er wies jedoch ebenfalls daraufhin, dass es sich bisher um reine Spekulation handelt, da aus Indonesien selbst kaum gesicherte Informationen kämen.