Erziehung: Die fünf Paradoxien mit Kindern - DER SPIEGEL
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Absurditäten der Kindererziehung Ich geb mir die Nudel

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Logik und Kinder? Vergessen Sie's! Die einzig gültige Gewissheit für Eltern ist: Nur das Paradoxe hat Bestand. Was das bedeutet? Fünf Beispiele.

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Als ich Vater wurde, habe ich zuerst meine Würde abgegeben. Wer schon mal beim Geburtsvorbereitungskurs hechelnd auf einem Sitzball balancierte, weiß, was ich meine. Kurz darauf folgte - zweitens - der Würgereflex: Halbverdautes oder Windelfüllungen jeglicher Couleur lassen meinen Ekel-Rezeptor inzwischen völlig kalt. Und ziemlich schnell wurde mir - drittens - klar, dass ich mit Kindern auch den allgemeinen Anspruch auf Folgerichtigkeit oder Vernunft vergessen und mich auf die einzig gültige Logik des Elterndaseins einlassen muss: die Logik der Paradoxie.

Sie denken jetzt: "Hä?", und ich sage: "Genau!". Denn wenn ich in den vergangenen acht Jahren mit Kindern eins gelernt habe, dann, scheinbar Unvereinbares zu vereinbaren, Inakzeptables zu akzeptieren und wie man zwei feststeckende Legosteine ohne schweres Gerät voneinander löst, aber das nur nebenbei. Sie wollen Beispiele? Bitte schön, meine Top Five der Kinder-Paradoxien, in aufsteigender Reihenfolge.

Nummer 5: Das Wochenend-Paradoxon

Sonntagmorgen, es ist deutlich zu spät geworden gestern Abend. Und die Weinflasche deutlich zu leer. Blinzelnd schaue ich auf den Wecker, der mir seine Leuchtziffer-6-Uhr-47 ins Gesicht schreit. Ich drehe mich um, froh um die Aussicht auf Keine-Schule-keine-Termine, als ich es aus dem Kinderzimmer rumpeln höre. Noch bevor mir mein Großhirn passende Erklärungsansätze anbietet, fliegt die Schlafzimmertür auf und Frederik, unser Großer, acht Jahre, steht im Zimmer mit der Frage: "Krieg ich Haferflocken?" Derselbe Frederik wohlgemerkt, der mir an buchstäblich jedem Schultag um diese Uhrzeit allenfalls mit Grunzlauten begegnet, wenn ich ihn zum Frühstück wecke. Ausgerechnet heute allerdings ist er aktiver als ein Erdmännchen auf Rudelwache. Da könnte man einmal ausschlafen. Könnte. Die hässliche Schwester von kann.

Merke: Kinder, die unter der Woche nie aus dem Bett kommen, stehen am Wochenende um halb sieben vor deinem Bett.

Nummer 4: Das Windel-Paradoxon

Es muss jetzt echt schnell gehen. Meine Frau Jana muss zur Arbeit, es wird schon knapp, ich muss die U-Bahn erwischen, sonst komm ich zu spät zur Morgenkonferenz, der Mittlere hat ein wenig getrödelt, ich vielleicht auch, jedenfalls müssten wir schon seit zehn Minuten unterwegs sein: Noch schnell die Schuhe an, wo ist denn dein Rucksack, hast du alles, nein, zieh noch eine Jacke drüber, es wird sonst zu kalt, denk an die Trinkflasche, hast du das Licht im Bad ausgemacht - und plötzlich: Hmmmmmpf.

Elisa, 15 Monate, steht gestiefelt und gespornt an der Eingangstür und knautscht das Gesicht. Wir schauen sie an, alle: Hmmmmmpf. Und jetzt riechen wir es auch. Wir sind inzwischen 15 Minuten über der Zeit und Elisas Windel ist voll. Und - Murphys Gesetz ist unerbittlich - natürlich ist sie nicht nur voll, sondern randvoll: der Body, die Strumpfhose, selbst das Kleid hat was abbekommen. Eigentlich müssten wir die Kleine jetzt baden. Aber dann ist der halbe Vormittag um. Ich verbrauche eine halbe Packung Feuchttücher und tröste mich mit dem Gedanken, dass es gleich morgen ja wieder eine Morgenkonferenz geben wird. Die ich sicher nicht verpassen werde. Oder Elisa? Hmmmmmmpf.

Merke: Je weniger Zeit du hast, desto voller ist die Windel.

Nummer 3: Das Spielzeug-Paradoxon

Wir stehen vor dem Spielzeugregal im Geschäft, wobei Regal eine unangebrachte Verniedlichung ist: Ein regelrechtes Bollwerk aus Lego-Star-Wars, Playmobil City Life und Schleichtieren tut sich vor uns auf, bunter als ein Papagei auf LSD. "Was wollt ihr?", frage ich Oliver und Frederik mit etwas feierlichem Pathos in der Stimme, es gab Zeugnisse, zumindest für Frederik, und Oliver hat das Seepferdchen gemacht, eine Bonusrunde im Spielzeuggeschäft unseres Vertrauens scheint mir angebracht.

Fotostrecke

Kinderworte: Abenteuer in der Abschleppkammer

Foto: DER SPIEGEL

Es geht hin und her, die Auswahl ist groß, am Ende schlackert ein hochpreisiges Bausatz-Auto in der Tüte. Das ist inzwischen einige Monate her. Das Auto wurde zusammengebaut, das schon. Heute aber verstaubt es auf dem Regalbrett - neben all seinen anderen vierrädrigen Kollegen. Sie alle waren mal teuer, pädagogisch auch durchaus wertvoll. Ich hab das Gefühl, das Zimmer ist voll von derart hochwertigem Spielzeug, von dem ich als Kind noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Ein Paradies in Komplementärfarben! Aber womit spielt Frederik? Mit der 5-Cent-Plastiktrompete, die er vor einem Jahr auf der Kirmes gewonnen hat. Tröööööt. Ich weiß noch, wie ich damals dachte, die hält keine zwei Stunden. Aber Gnade und Kinder vertragen sich nun mal nicht. Tröööööt. Vielleicht hat sie ja heute Nacht einen Unfall...

Merke: Je billiger das Spielzeug, desto interessanter.

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Nummer 2: Das Krankheits-Paradoxon

Es gibt drei Arten von Terminen im Job. Zunächst mal die Kann-Termine. Klar, man kann sie einhalten, aber weder die Welt noch der eigene Karrierestern werden untergehen, wenn man sie, leider, leider, nicht schafft. Dann die Sollte-Termine: Man hat was vorbereitet - eine Präsentation, eine Rede, einen handgedrechselten Eichenstuhl, was auch immer in Ihrer Branche zählt - und ohne Sie läuft es nicht. Den Termin sollte man einhalten, schließlich steckt eine Menge Arbeit darin. Aber: Im Notfall sind auch Sollte-Termine verschiebbar - nächste Woche steht der Eichenstuhl noch immer mit allen vier Beinen mitten im Leben und auch an der Präsentation hat sich wahrscheinlich nicht viel geändert.

Tja, und dann gibt es da noch Kategorie drei, die Muss-Termine: Endlich, nach Wochen des Wartens, hat die Chefin Ihnen eine halbe Stunde Zeit eingeräumt. Ein Meeting, bei dem alle nur Ihretwegen kommen. Ein Foto-Shooting und Sie sollen vor der Kamera stehen. Heißen Sie nicht gerade Kate Moss oder Angela Merkel, wird sich die Zahl der wirklichen Muss-Termine bei Ihnen wahrscheinlich in Grenzen halten, genau wie bei meiner Frau Jana und mir. Aber an diesem einen Tag im Jahr, an dem das Universum bestimmt hat, dass sowohl ich als auch Jana einen absoluten Muss-Termin haben - wacht eines der Kinder mit Fieber auf. Oder mit Bindehautentzündung. Oder es behält das Frühstück nicht bei sich. Zuletzt war der Mittlere dran, Oliver, ein tränendes Matschauge am Morgen, keine Chance, damit in der Kita durchzukommen. Faszinierend, wie aus einem Muss-Termin plötzlich kein Termin wird.

Merke: Je wichtiger der Termin, desto kränker das Kind.

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Jonas Ratz,
Vater von Frederik (acht Jahre), Oliver (sechs Jahre) und Elisa (ein Jahr)

Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .

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Nummer 1: Das Koch-Paradoxon

Einen Stern gäbe es für meine Kreation wahrscheinlich nicht. Oder hat der Guide Michelin jemals Spaghetti Bolognese wirklich angemessen gewürdigt? Ich meine, hey, Karotten würfeln, Zwiebeln anschwitzen, Tomaten präparieren, Hackfleisch bräunen, köcheln lassen, würzen, hätscheln, abschmecken, hmm, also mir schmeckt's. Nur: eben nur mir. Anscheinend. Kaum kredenze ich den Kindern die köchelnde Soße, mault es aus den Tischecken: "Ich mag keine Tomaten!" und "Ich nehm Nudeln ohne Soße!"

Ähnlich dankbar, wie für Kinder zu kochen, ist wohl nur der Job eines Atomkraft-Lobbyisten. Bei den Grünen. Was hab ich falsch gemacht? Ist ein kindertauglicheres Essen als Spaghetti Bolognese überhaupt denkbar? Nur die 15-monatige Elisa schlürft - sie kann sich schlecht wehren - eine Nudel nach der nächsten. Nachdem sie die Soße abgestreift hat.

Merke: Je aufwendiger du kochst, desto weniger wird gegessen.

Was mich in solchen Momenten tröstet: die Botschaft, die diesen Kinder-Paradoxien innewohnt. Schließlich kann solch diabolischer Hintersinn doch kein Zufall sein. Deutet es nicht vielmehr hin auf eine höhere Macht, steuernd und ordnend, die einem genüsslich den Alltag verschleimt? Die Paradoxien, sie flüstern mir zu, wenn ich mal wieder am Sonntagmorgen um 6.47 Uhr Frühstück mache: Sei unbesorgt, es ergibt doch alles Sinn.

Nur eben nicht den Sinn, den du dir wünschst.

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