EU will klagen: Feste Fronten im Feldhamsterkrieg - DER SPIEGEL
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EU will klagen Feste Fronten im Feldhamsterkrieg

Die EU-Kommission hat einen blauen Brief nach Deutschland geschickt. Ihr Vorwurf: Die Bundesrepublik kümmert sich nicht genug um den Feldhamster.
Von Rudolf Wagner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Brüssel/Düsseldorf - Was ein normaler, gut genährter Feldhamster ist, der schlummert jetzt noch seinen Winterschlaf und kümmert sich nicht um die große Politik. Die sorgt sich aber um ihn. Der Nager wird in Deutschland, genauer gesagt in der Horbacher Börde bei Aachen, "nicht angemessen beschützt", findet die EU-Kommission.

Zum zweiten Mal hat sie die Bundesregierung jetzt aufgefordert, die Bestimmungen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie einzuhalten und die "Beschädigung oder Vernichtung von Fortpflanzungs- oder Ruhestätten" von Feldhamstern zu vermeiden. Wenn nichts geschieht, droht ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof.

Der Feldhamster ist schließlich nicht irgendein Tier. Cricetus cricetus heißt er - ein 28 Zentimeter großer Einzelgänger mit heftigem Fortpflanzungstrieb. Pro Sommer bringt er es auf 30 Nachkommen, was unter Säugetieren ziemlich Spitze ist. In den fünfziger Jahren war der Feldhamster ein wichtiges Pelztier und galt zugleich als Plage der Landwirtschaft.

Doch das ist lange her. Vor einigen Jahren kam er hier zu Lande zu ganz besonderen Ehren: 1996 wählte ihn die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild zum "Tier des Jahres". Der Cricetus cricetus steht auf der Liste der besonders gefährdeten und geschützten Tiere.

Der Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Nordrhein-Westfalen, Detlev Samland, hält die Reaktion der EU-Kommission für überzogen: "Ich bin überzeugt, dass wir einen Weg gefunden haben, das deutsch-niederländische Gewerbegebiet Aachen-Heerlen zu verwirklichen und den Feldhamster zu schützen."

Samland ist sauer: Und zwar auf die "Freunde des Feldhamsters". Diese, so Samland grimmig, wollten nur "das grenzüberschreitende Projekt" des "zukunftsweisenden Gewerbeparks" kippen. Als Fortschritts- und Wirtschaftsfeinde hat er die konfliktbereiten Tierschützer von der niederländischen "Stichting Hamsterwerkgroep" ausgemacht. Und die Kommission spiele mit.

Das grenzüberschreitende Gewerbegebiet in der Horbacher Börde darf europarechtlich nur errichtet werden, wenn dort Güterfernverkehr und Feldhamsterpopulationen gleichermaßen gefördert werden - der eigentliche Auslöser für den Hamsterkrieg. Trotz seiner Vorbehalte hat Samland der Umweltkommissarin Margot Wallström versprochen, auf dem Gelände Getreide anzubauen - Getreide auf einer Gewerbefläche! Es lebe der Hamster!

Dieser Nager - pardon Cricetus cricetus - legt zum Überleben unterirdische Vorratskammern an, die er randvoll und kiloschwer mit Getreide füllt. Weil aber im Herbst die Weizenfelder in Deutschland schnell und gründlich abgeerntet werden, können viele Tiere trotz ihrer Hamsterbacken oft nicht mehr genug Nahrung sammeln. Sie verhungern im Winter.

Nach Überzeugung des Ministers gibt es die Tierchen zwar sonst wo, nicht aber auf der Gewerbefläche in der Horbacher Börde. "Ich kenne niemanden, der auf dem künftigen Gewerbegebiet einen Feldhamster gesehen hat." Vielleicht weil die possierlichen Tierchen nachtaktiv sind?

Die EU-Kommission bezweifelt die Kompetenz eines von NRW beauftragten Gutachters. Dieser habe zu Unrecht keine Feldhamster bemerkt. Er sei kein Kleinsäugerexperte. Die NRW-Landesregierung beklagt sich dagegen über den Feldhamsterexperten der Universität Halle, Herrn Professor Stubbe. Er habe sich aus Brüssel bezahlen lassen und deshalb im Januar 2000 in einem Gefälligkeitsgutachten festgestellt, dass es im umstrittenen Gelände sehr wohl Hamster gäbe. Dazu Samland: "Jeder Anfänger weiß, dass der Feldhamster im Januar seinen Winterschlaf hält!" Der Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten will jetzt die EU-Kommissarin Wallström kontinuierlich über die Arbeiten an einem NRW-Feldhamsterschutzkonzept informieren und hofft auf positive Würdigung. Wenn nicht, so sagt ein deutscher Diplomat, "muss wahrscheinlich der Kanzler von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch machen."