Euro 2008 Mozart meets Mob
Es war ein großer, ein historischer Moment, damals, in den siebziger Jahren. Mit allerlei Pomp wurden die ersten Wiener U-Bahn-Linien eröffnet - Bewohner aus dem Wiener Arbeiterbezirk Favoriten etwa konnten nunmehr in weniger als 20 Minuten mitten ins Herz von Wien rauschen. Grund zur Freude für die einen, die anderen beklagten den sozialen Supergau: Jetzt komme der Plebs in die Stadt, ätzte der damalige Kulturchef der Wiener Tageszeitung "Die Presse" - und erhielt nicht wenig Beifall.
Nun ist es wieder so weit: In wenigen Tagen fallen sie erneut ein, die ungezähmten Horden.
Zwei Millionen Besucher, rund 100.000 Gäste täglich, so die Prognosen, werden sich den Weg in die Donaumetropole bahnen, wenn am 7. Juni mit der Partie Schweiz gegen Tschechien in Basel das Eröffnungsmatch der EM über die Bühne gegangen ist.
Anschließend ist Wien neben Klagenfurt als Austragungsort der Gruppe B dran, Zigtausende Polen und Kroaten und fast 400.000 Deutsche haben sich angesagt, die Karawane rollt.
Zimmermädchen werden EM-fit gemacht
Die Drei- und Viersterne Hotels in der einstigen K.u.k-Metropole sind bereits seit Monaten ausgebucht. Selbst im vornehmen Hotel Sacher gegenüber der Wiener Oper ist die EM ein wichtiges Thema, sagt Direktor Reiner Heilmann, ein gebürtiger Westfale im vornehmen dunklen Anzug mit dezent gestreifter Krawatte. Nach der Vorrunde sei die Buchungssituation noch "dramatischer", man habe eine "unsagbar lange Warteliste" mit Gästen, die unbedingt noch kommen wollten.
Intern hält die Belegschaft des Traditionshotels regelmäßig Meetings ab, vom Portier bis zum Zimmermädchen müssen alle auf dem Laufenden sein - wann die Spiele sind, wer gegen wen antritt und ganz Praktisches -, wo sich etwa die Gästelimousinen trotz der Sperrungen ihren Weg bahnen können. Neben der Kulturtafel im mit edlen Antiquitäten bestückten Empfangsbereich werden in Kürze nicht nur Opern- und Theatertermine ausgestellt, sondern auch Wissenswertes rund um den schnöden Sport.
Angst vor marodierenden Hooligans grassiert
Drumherum, im ersten Bezirk, tut sich das bürgerliche Wien derweil noch schwer, bei Hofratswitwen und Kommerzialräten herrscht eher Skepsis denn Freude. Die EM möge stattfinden, aber bitte schön, möglichst weit weg. "Ich habe eine 86-jährige Mutter, muss ich die jetzt zu Hause einsperren?", fragte eine akkurat frisierte Dame mit ernster Stimme jüngst bei einer Bürgerversammlung im Wiener Rathaus.
Wie sie fürchten viele um ihre Sicherheit, um ihre Parkplätze, es grassiert die Angst, vor marodierenden Hooligans, vor Alkoholexzessen unmittelbar vor der Haustür, vor allem aber vor englischen Prollfans. Dass sich das Krawallteam von der Insel gar nicht erst qualifizieren konnte - es hat sich im beschaulichen Wien noch nicht so recht herumgesprochen.
Heinz Palme kennt das Geraunze seiner Landsleute nur allzu gut. Vor zwei Jahren sorgte der drahtige 49-Jährige dafür, dass aus der WM ein deutsches "Sommermärchen" wurde, nun arbeitet er als Chef des nationalen Organisationskommitees "Österreich am Ball" daran, dass auch im ski-affinen Alpenland so etwas wie ein Fußballfest steigen kann.
"Wir versuchen immer wieder klarzumachen, dass bei Welt- oder Europameisterschaften ganz normale Fans anreisen, die einfach nur feiern wollen", sagt Palme. Hooligans seien eher an die Vereine gebunden, nicht so sehr an die Nationalteams.
Prachtboulevards bleiben für Fiaker gesperrt
Die Latte hänge zugegebenermaßen sehr hoch. In Deutschland, sagt Palme und lächelt wie beseelt, habe "alles gepasst", was man in Österreich jetzt brauche, sei ein kleines Quentchen Glück. In jedem Wiener, ist Palme überzeugt, "schlummert auch ein Fußballfan".
Damals, im Qualifikationsspiel für die WM 1990 gegen die DDR, sei das auch so gewesen, zuerst wurde Toni Polster ausgepfiffen, dann schoss er alle Tore zum 3:0-Sieg. "Eine Welle der Begeisterung ging durchs Land", sagt Palme. Wenn das Wetter stimme und die sonst so glücklose österreichische Elf vielleicht gar etwas mehr bringe als gedacht, könne das "das Sahnehäubchen" für den Erfolg sein.
Noch aber sind die Österreicher von Euphorie meilenweit entfernt.
"Sauf-, Gröl-, Urinier- und Kotzfaktor"
Umfragen zufolge ist etwa einem Drittel die EM komplett egal. In der Wiener Innenstadt sucht man denn auch fast vergebens nach Hinweisen auf das nach den Olympischen Winterspielen von 1976 zweitgrößte Sportereignis in der Geschichte des Landes.
An Kreuzungen grüßen, vereinzelt, rote, blaue und gelbe Holzkicker als Vorboten, in den Geschäften werden neben schokosüßen Mozartkugeln und Sisi-Talern neuerdings auch die noch immer nahezu unbekannten EM-Maskottchen "Trix" und "Flix" feilgeboten, daneben Fußballwimpel und Trikotage.
Und auch sonst rüstet sich Wien, dieses museal anmutende K.u.k-Gebilde, das sich sonst eher den feinen Künsten zugeneigt zeigt, so gut es eben kann.
Unmittelbar im Zentrum, auf der Wiener Ringstraße mit ihren reich verzierten Palais, öffnet pünktlich zum Turnier-Auftakt eine riesige Fanmeile für 70.000 Menschen. Hier, wo einst die feine Wiener Gesellschaft fröhlich lustwandelte, können Sportbegeisterte die Spiele auf einer Großleinwand verfolgen. Und solange König Fußball regiert, bleiben 800 Meter des beliebten Prachtboulevards für den Verkehr gesperrt, drei Wochen lang, auch die emsigen Fiaker müssen ihre Touren umdisponieren.
"Für uns wird es schwierig, die Highlights fallen weg", sagt Wolfgang Fasching, den sie alle nur den "Baron" nennen, ein Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart, langem Pferdeschwanz und abgewetzter Melone. "Persönlich freu ich mich auf das Sportereignis", sagt der Baron und gibt seinen beiden Pferden Wasser aus einem kleinen Plastikeimer, "als Fiaker aber bin ich froh, wenn es vorbei ist."
Nur ein paar Schritte entfernt liegt der berühmte Volksgarten - er wird für die Dauer der EM für die Öffentlichkeit gesperrt. Mehr als tausend Rosenstöcke stehen hier, seltene Sorten wie "Gloria Dei" oder "Freiheitsglocke". Sie müssten unbedingt geschützt werden, sagt Gerd Koch, Verwalter der Innerstädtischen Prunkgärten, und zeigt auf die penibel angeordneten Dreierreihen. "Der Garten wurde 1920 angelegt. Würden die Fans hier reingelassen, wäre der Pflanzenbestand gefährdet."
Im Berliner Tiergarten seien nach der WM rund 90 Zentimeter Erde abgetragen worden, weil der Boden verseucht war, behauptet Koch, der Rosenretter, kummervoll. Tatsächlich entstand vor dem Reichstag und im Tiergarten erheblicher Sachschaden. Allein in der Wiener Fanmeile werden nun 1200 Toilettenhäuschen aufgestellt, alle 50 Meter eines. Das sei doppelt so viel, heißt es offiziell, wie eigentlich notwendig. Unverständlich, dass man den Massen überhaupt einen derart prominenten Auftritt genehmige, stänkert der Wiener "Standard", wo man doch wisse, dass der "Sauf-, Gröl-, Urinier- und Kotzfaktor" unter Fans notorisch groß sei.
Derlei Alltagsbefindlichkeiten dürfte die VIPs an nobler Adresse wohl kaum einholen: Etwa 600 geladene Gäste werden in der gediegenen Atmosphäre des Burgtheaters auf das Fußballevent anstoßen, auf Einladung zweier Großkonzerne, die sich in den ehrwürdigen Hallen eingemietet haben. Das Schauspiel-Ensemble selbst flieht für drei Wochen, wegen des andauernden Lärms unmittelbar vor der Tür wäre an Vorstellungen ohnehin nicht zu denken.
Verpatzte Generalprobe
Noch aber weiß so recht niemand, wie es tatsächlich sein wird, wenn Hunderttausende Fans die als Weltkulturerbe geschützte Innenstadt belagern, wie die Fahrzeugkolonnen bewältigt werden, wo es doch auch an normalen Tagen schon nervenaufreibende Verkehrsprobleme gibt.
Die Generalprobe jedenfalls ging gründlich schief: Beim Freundschaftsspiel Österreich gegen Deutschland Anfang Februar war die Stimmung im Ernst-Happel-Stadion zwar prächtig, die Organisation aber ließ zu wünschen übrig. Busse und Straßenbahnen hatten - wenig EM-reif - Mühe, den Ansturm der herbeiströmenden Fans zu fassen. Nach einem Tumult an einer Würstelbude kam selbst die Polizei nicht durch - die zuständige Elitetruppe steckte hilflos im Stau. Abhilfe, versichern die Stadtväter, werde die eigens für die EM ausgebaute neue U-Bahn-Linie schaffen, die die Fans im Vierminutentakt unmittelbar bis zum Stadion kutschiert.
Auch die für ihre Ruppigkeit bekannte Wiener Exekutive bereitet sich seit Monaten intensiv auf den Ansturm ausländischer Gäste vor. Orientierung bietet ein in Deutschland erarbeitetes Sicherheitskonzept: Dialog, Deeskalation, Durchsetzung, so die Schlagworte. Die 3-Ds wurden schon bei der WM erfolgreich angewandt, nun sollen sie auch in Österreich ein friedliches Miteinander gewährleisten.
Bislang schienen Wiener Polizisten selbst in Alltagssituationen heillos überfordert: Da wurden Asylbewerber schon mal zu Tode gedrückt oder urlaubende Rentner aus Deutschland wie Kriminelle abgeführt, mit vorgezogener Waffe und Handschellen. Um in den kommenden Wochen auch heiklere Situationen meistern zu können, arbeiten die österreichischen Beamten für die Dauer des Turniers mit Kollegen aus anderen EU-Nationen zusammen, allein aus Deutschland werden an der Donau 800 Beamte ihren Dienst schieben.
Benchmark im Blitzen
Punkten will Wien auch in einer anderen Disziplin: Die Stadt gelte als eine der saubersten Europas, das werde auch während der heißen Fußballphase so bleiben, versprechen die Verantwortlichen. Über Nacht solle alles jeweils wieder blitzblank sein. "Darin san ma a benchmark."
Dann kann es ja losgehen, nach Lust und Laune auch mit Wimpeln und Fahnen am fahrbaren Untersatz. Eine Selbstverständlichkeit? Nicht im Alpenland.
Austriakische Verfassungsjuristen ließen die Öffentlichkeit mit Blick auf den Paragrafen 54 des Kraftfahrtbundesgesetzes jüngst wissen, dass das Schmücken von Autos mit Bundesadler lediglich höchsten Staatsrepräsentanten, etwa dem Bundespräsidenten, vorbehalten sei. Bei Nichtbeachtung drohten empfindliche Strafen.
Noch ehe die Diskussion weitere groteske Kapriolen schlagen konnte, sprach Verkehrsminister Werner Faymann ein Machtwort und setzte für die Dauer des Turniers die Regelung außer Kraft. Der Weg ist also frei für rot-weiß-roten Patriotismus. Es darf, höchst offiziell, geflaggt werden.