Evangelischer Kirchentag: Rostock - Gewalt = Köln - DER SPIEGEL
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Evangelischer Kirchentag Rostock - Gewalt = Köln

Der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag in Köln ist der Anti-G-8-Gipfel: Die Gläubigen möchten das Gewissen der Globalisierung sein und Signale nach Heiligendamm senden. Gewaltlos, ohne Medienrummel, aber mit Pop.
Von Tobias Schreiter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln - Alle tragen an diesem Tag das orangefarbene Halstuch. 400.000 Menschen. So muss Amsterdam bei einem WM-Spiel der niederländischen Fußballnationalmannschaft ausgesehen haben. Doch das Meer in Orange schwappt heute nicht durch Amsterdam, sondern durch Köln. Es geht um Glauben, Globalisierung, Gemeinschaft und nicht um Fußball und Fans. Köln, sonst fest in katholischer Hand, ist in diesen Tagen die Metropole der Protestanten – und inoffizielle Anti-G-8-Hauptstadt.

Cornelia Bors, 47, steht vor einer Bühne auf dem Heumarkt im Herzen Kölns. Einer von drei großen Gottesdiensten soll hier gehalten werden, die Vorbereitungen laufen. Die Band auf der Bühne probt den Song "Nur ein Wort". Bors sagt: "Wenn ich Worte an die G-8-Teilnehmer richten könnte, dann würde ich fordern, dass sie sich nicht nur um die Wirtschaft, sondern auch für die Armen der Welt einsetzen." Sie hofft, dass die Stimme des Kirchentags bei den Staats- und Regierungschefs in Heiligendamm Gehör findet: "Wir sind eine Massenveranstaltung ohne Krawall. Wenn so viele Menschen friedlich zusammenkommen, dann muss man doch was bewegen können." Köln müsse Heiligendamm seinen Stempel aufdrücken.

Während sich der Heumarkt langsam füllt, verteilt Claudius Dreyer Liedtexte für den Gottesdienst. Der 19-Jährige trägt eine graue Pfadfinderkluft und das Halstuch, das heute alle tragen. Er ist einer von vielen ehrenamtlichen Helfern. Auch er sieht eine politische Bedeutung des Kirchentags: "Wir behandeln hier ja fast die gleichen Themen wie auf dem G-8-Gipfel, doch wir zeigen Alternativen zur Politik der mächtigen Staaten." Der Abiturient aus der Nähe von Freiburg wäre auch an die Ostsee zu Gegendemonstrationen gefahren. Doch erstens gehe der Kirchentag vor. Und zweitens habe er keine Lust gehabt, in gewaltsame Proteste verwickelt zu werden. "Die Gewalt der Autonomen ist jetzt leider eine Rechtfertigung für die Polizei, härter durchzugreifen. Die Friedlichen sind nun die Gelackmeierten." Beim Kirchentag in Köln werde es keine Ausschreitungen geben, ist sich Dreyer sicher.

Man kann es vielleicht auf die Formel "Rostock minus Gewalt gleich Köln" bringen. Denn der Evangelische Kirchentag profiliert sich als inoffizieller Anti-G-8-Gipfel. Vergleicht man Köln mit den Demonstrationen an der Ostsee, ergibt sich folgendes: Mehr Menschen, viele politische Veranstaltungen, kaum Polizei, keine Krawalle. Nicht acht Regierungschefs diskutieren in Köln über Globalisierung, Armut und Umweltschutz, sondern 400.000 Menschen. Statt G8 tagen die K400.000, die "Kleinen" 400.000. Politikwissenschaftler nennen dies einen Bottom-up-Ansatz: Ideen und Themen sollen von unten nach oben wandern – also vom Volk zur Regierungsspitze. Doch wer hört die Stimmen der K400.000? Kanzlerin Merkel kommt zwar zum Kirchentag, aber erst am Samstag nach dem Ende des G-8-Gipfels. Die Medien schauen nur mit einem Auge nach Köln.

"Das Schöne ist: Der Kirchentag hat keinen Zaun."

Seit Stunden pilgern Gläubige aus der Innenstadt zu den Poller Wiesen. Helfer mit Flüstertüten versprechen, dass der Fußweg nur dreißig Minuten betrage. Eisverkäufer nutzen das gute Wetter, säumen mit ihren bunten Wagen den Straßenrand und versorgen die Menschen mit Eis. Polizisten beantworten gelassen Fragen und freuen sich, nicht an der Ostsee Dienst leisten zu müssen. Vereinzelt verteilen Missionare kleinerer Religionsgruppen ihre Traktate. Auch Amnesty International zeigt Präsenz – als selbst ernannte "Gewissensschärfer", wie eine Broschüre verrät. Amnesty wird in den kommenden Tagen auf die Probleme der Globalisierung hinweisen und ist damit nicht allein. Von den 3000 Veranstaltungen des Kirchentags sind viele politisch gefärbt. Bundespräsident Horst Köhler wird ebenso erwartet wie Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus.

Rund um den Kölner Dom finden nach den Gottesdiensten Live-Konzerte statt. Wolfgang Niedecken, Frontmann von BAP, tritt auf. Die Innenstadt ist an diesem Abend ein Jahrmarkt der Religion, aber auch der Politik. An einem Stand verweist die UN-Millenniumkampagne auf acht ehrgeizige Ziele der Vereinten Nationen. So soll bis 2015 die Zahl der Menschen, die in Armut leben, halbiert werden. Einen Stand weiter steht das Bibelmobil. Hier soll eine handgeschriebene Bibel entstehen. 34.000 Menschen sollen je einen Vers der Heiligen Schrift abschreiben. Seit sieben Jahren läuft das Projekt, ein Viertel der Verse habe man schon, sagt ein Veranstalter. Bratwurstgeruch umgibt die Bibelschreiber, denn gegenüber verkauft das Diakonische Werk Würste für zwei Euro das Stück. Einige Straßen weiter bietet die Evangelische Jugend Bad Honnef Reibekuchen an. Später werden sie alle, egal ob Wurstverkäufer oder Millenniumkampagnenreferentin, Köln in ein Lichtermeer verwandeln. Links und rechts des Rheins halten sie 100.000 brennende Teelichter in die Höhe.

Am späten Abend sitzt Landeskirchenamt-Pressesprecher Jens Peter Iven auf dem Boden des Informationsstandes der Evangelischen Kirche im Rheinland. Iven lässt seine Beine von der Bühne baumeln. Der 40-Jährige ist seit den frühen Morgenstunden im Einsatz. Für Gläubige, die mit dem Zug nach Köln kommen, ist sein Stand zwischen Hauptbahnhof und Dom die erste Anlaufstelle. Iven ist erschöpft, aber zufrieden: "Bis jetzt läuft alles gut. Das Schöne ist, dass der Kirchentag keinen Zaun hat."