ist das Ziel einer internationalen Bewegung, die sich »People Forever« nennt. Die deutsche Zentrale »Phönix« in München veranstaltet Tagungen und Seminare zur physischen Unsterblichkeit und vermittelt Wißbegierige an Gruppen in Köln, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Einmal im Monat treffen sich Unsterbliche aus ganz Europa zu einem eintägigen Erfahrungsaustausch in London, München, Wien oder Amsterdam; die Eintrittspreise liegen bei 80 Mark. Reise- und Hotelkosten zahlen die Teilnehmer selbst. Darüber hinaus wird kein Mitgliedsbeitrag verlangt. Weltweit haben sich rund 4000 Menschen der von drei Amerikanern in Scottsdale (Arizona) begründeten Bewegung angeschlossen, in Deutschland sind es etwa 100.
*GESCHICHTE-3 *RUBRIK:
Esoterik *ÜBERSCHRIFT: REVOLUTION GEGEN DEN TOD *UNTERZEILE: SPIEGEL-Redakteurin Angela Gatterburg über die europäische Versammlung der »Unsterblichen« *
Die »Unsterblichen« treffen sich morgens um elf, und die meisten streben nach Pünktlichkeit. Wie sehen Erdlinge aus, die für immer auf diesem Planeten leben wollen? Wie Menschen, die zu einer Betriebsversammlung eilen. Nur gucken sie erwartungsvoller.
Die Damen zeigen ihre unsterblichen Formen in engen Catsuits und Röcken, die Herren tragen zur frisch gefönten Frisur dezente Herbstgarderobe. Senioren gibt es kaum; die meisten Klubmitglieder sind zwischen 25 und 50 Jahren. Man plaudert auf englisch und ist keinesfalls dick.
Die angebotene Verpflegung, welche die »Gemeinschaft der Unsterblichen« für ihr Europäisches Treffen in Amsterdam gewählt hat, ist sehr gut für die Linie: Außer einigen Karaffen mit Leitungswasser gibt es nichts.
Die Angereisten - es sind über 80 Abgesandte von Unsterblichkeitsgruppen in London, Amsterdam, Brüssel, München, Köln, Stuttgart, Hamburg und Wien - stört das wenig. Sie sind gekommen, um ihr unendliches Leben zu feiern und ihr geheimes Wissen miteinander zu teilen.
Die Versammlung beginnt mit innigen Umarmungen, begleitet von gerührtem Schweigen oder, häufiger, von schrillen Jauchzern des Entzückens. I am so thrilled. Oh, dear. I feel love for you. Alle sind ergriffen, begeistert, bewegt.
Sylvia, eine 33jährige Computerfachfrau aus Hessen, nimmt zum erstenmal an so einem »event« teil. Sie ist auf diese Gefühlsausbrüche nicht vorbereitet und schwankt zwischen Bewunderung und Befremden. Die Unsterblichen, die sie kürzlich im Schwarzwald kennengelernt hat, waren weniger exaltiert. Und haben Sylvia beeindruckt, weil sie so gesund und jung aussehen.
Sylvia hat keine Lust aufs Älterwerden. Der Mensch an sich stirbt ungern, glaubt sie. Wer ist schon scharf darauf, daß trotz intensiver Wartung des Körpers die Krähenfüße kommen und der Popo zu wabbeligem Joghurt wird?
Aufmerksam verfolgt die Hessin jene Reden, die vorn auf der Bühne gehalten werden. Es geht um die Philosophie der Bewegung, und Sylvia begreift: Unsterblichkeit ist schön. Macht aber viel Arbeit.
»Jeder Mensch ist unsterblich«, brüllt Ashok ins Mikrofon. Mit flackernden Augen zwingt der Holländer seinen Zuhörern die Botschaft in strapaziöser Phonstärke auf. Der Körper habe das vergessen, und deshalb müßten die Zellen stimuliert werden, ihre wahre Bestimmung zu erkennen.
Erfahrungsgemäß, lernt Sylvia, vollzieht sich die Erweckung durch solche, die bereits im Besitz der Wahrheit sind. Durch Menschen, die einfach wissen, daß der Tod ihnen nie begegnen wird. Menschen wie Ashok.
Doch der Glaube allein genügt nicht. »Der wahre Unsterbliche«, erklärt ein Redner namens Otto, müsse in jeder Sekunde fühlen, daß er sich in zellulärer Verbundenheit mit der gesamten Menschheit befinde: Er sei Teil eines globalen Bewußtseins und eines gigantischen Gesamtkörpers.
Otto Siegel, Münchner Biologe, kam über die Naturwissenschaften und die neuesten Erkenntnisse in der Altersforschung zur Unsterblichkeit. Es sei erwiesen, doziert er, daß Ratten bei entsprechender Diät doppelt so lange leben wie Artgenossen, die normal gefüttert werden.
Außerdem erneuere sich der Körper unentwegt. Magenschleimhautzellen regenerieren sich alle drei Tage, in jeder Sekunde entstehen sechs Millionen neue Blutkörperchen, und sechs Millionen werden abgebaut; selbst die eigene DNS erneuert sich. Folglich brauche der Mensch nicht zu altern. Otto: »Die Bremse ist im Kopf.«
Noch kann die Bewegung keinen 200jährigen in Topform präsentieren. Auch Falten- und Glatzenbildung hat man noch nicht so recht im Griff. Aber, sagt Otto, irgendwann stoppe der Altersprozeß von allein - Skeptiker sollten sich noch etwas gedulden.
Daß ewiges Leben einer Revolution gleichkäme angesichts der jetzt schon recht brüchigen Sozial- und Rentensysteme, nimmt Biologe Siegel mit lässigem Achselzucken hin. Die Menschheit würde, sobald sie aus ihrer Unwissenheit erwacht sei, für das Problem der Überbevölkerung eine Lösung finden. Schon bald, sagt Siegel, werde die Unsterblichkeit so selbstverständlich akzeptiert wie die Schwerkraft.
So lange aber, das haben die Unsterblichen erkannt, müssen sie ihre Lebensenergie wie eine Batterie permanent aufladen, im Austausch mit den anderen Gläubigen.
Deshalb geht es bei ihnen - wenn sie sich nicht gerade in ihrer wöchentlich stattfindenden Gruppe umarmen und herzen - zu wie in einer fröhlich lärmenden Großfamilie mit weltweit verstreuter Verwandtschaft, und alle besuchen einander unentwegt: John aus England fährt zu Charlie nach Australien, Titia aus Holland beglückt Cristiana in Bayern, Kevin aus Belgien sucht jede Menge Freunde in Frankfurt, Köln und New York heim.
Eine gräßliche Vorstellung für jeden, der mit der eigenen Familie schon genug um die Ohren hat. Doch bei den Unsterblichen gilt der sympathische Grundsatz, daß jeder Mitmensch nett zu behandeln sei. »Bei uns heißt das Liebe, Wertschätzung, Respekt, bedingungslose Toleranz für andere und jede nur denkbare Unterstützung«, sagt die Ärztin Karin aus Köln.
Als wäre das nicht schon schwer genug, bedeutet der Marsch in die Unendlichkeit des Seins auch noch stetige Wachsamkeit gegenüber der kollektiven Todeserwartung, die in den Zellen einprogrammiert ist. Geburtstage zum Beispiel sind nur numerierte Vergänglichkeit - und können daher ausfallen. »Wir switchen das Todesprogramm einfach um«, sagt die Holländerin Titia. Wie? Ganz einfach: »Lebe mit 100prozentigem Einsatz in jedem Moment.«
Vibrierend vor Energie brüllen die Redner ihre Erkenntnisse ins Mikrofon. Besteht das Dasein nicht häufig nur aus Karriere, Konsum, Kollaps? Yeah. Leben nicht zu viele Menschen lauwarm, flau und verdruckst vor sich hin? Yeah. Kurz und bündig, in leidenschaftlicher Naivität, tragen die Unsterblichen ihre Glaubenssätze vor: Alle sollen teilhaben an der neuen Art zu leben, mehr Sein als Haben, living together forever. Unnachgiebig wird der Satz wiederholt: »We are one body.«
Mittags wird der Gemeinschaftsbody mit Butterbroten, Äpfeln und Keksen gefüttert. Und gestreichelt und gelobt wie ein junger Hund. Die Unsterblichen beflügeln sich gegenseitig mit Komplimenten und stufen den anderen immer höher ein, als der sich selbst fühlt. Denn dann wird er auch besser.
Ohne die Pioniere der Bewegung, auf die jeder Redner ehrfürchtig verweist, wird es mit der Unsterblichkeit wohl doch nichts werden. Jedenfalls meint das Veronika, die aus dem Schwarzwald angereist ist und die drei Chefideologen seit Jahren kennt. CBJ, wie die Amerikaner Chuck, Bernie und Jim liebevoll genannt werden, gelten als radikale Wegbereiter in Sachen Unsterblichkeit.
Chuck dämmerte es bereits im Alter von 17 Jahren, daß die Menschheit ein globaler Organismus und der Tod eine Illusion sei. Seine Lebensgefährtin Bernie und sein Freund Jim, ebenfalls überzeugte Immortals, wie die Unsterblichen in den USA heißen, hatten gleichfalls Offenbarungserlebnisse und helfen Chuck nun, dem Volk die frohe Botschaft zu verklickern.
»Aber irgendwie«, sagt Veronika, »sind die Amerikaner anders.« Zum Beispiel mit ihrer Ernährung »sind s' arg sorglos«. Sie wollen den Körper einfach nicht entsäuern. »Da hat halt der ,mind', das Bewußtsein, seine Schranken.« Dem Chuck, der jetzt 57 ist, sind die Haare ausgefallen, und »da mußte ein Toupet her«. Und als Bernie, 56, fand, daß ihr Gesicht ein paar Falten zuviel warf, »ging's zum Facelifting«.
Aber da die Unsterblichen ehrlich zueinander sein wollen, bekennen sich Bernie und Chuck fröhlich zu ihren kosmetischen Korrekturen. Und das sei doch, sagt Veronika strahlend, irgendwie sehr schön.
Die drei Geschäftsleute, die früher in der Werbebranche tätig waren, touren als Handlungsreisende in Sachen Unsterblichkeit durch die Vereinigten Staaten, Neuseeland, Südamerika und neuerdings auch Europa und haben inzwischen Tausende von Anhängern.
Die deutsche Zentrale »Phönix« in München koordiniert die Gruppen, die sich jetzt vermehrt in Deutschlands Städten bilden, und organisiert Tagungen. »Eine Sekte«, beteuert Phönix-Mitarbeiterin Cristiana Soravia, »sind wir nicht.« Es gebe keine Mitgliedsbeiträge, keine Verpflichtungen; wer will, könne Geld für CBJ spenden, damit diese sich ihren Vorträgen widmen können. Wer der Bewegung überdrüssig sei, könne nach Hause gehen und sich unbehelligt aufs Sterben vorbereiten.
Und viele tun das auch, nachdem sie eine Weile mit dem ewigen Leben geliebäugelt haben. Es fehlt ihnen plötzlich an Glauben, Geld und Leidenschaft. Und mancher Mann gesteht seinen Mitstreitern vertrauensvoll: »Ich würde schon gern, aber nicht mit der öden Alten an meiner Seite.« Bei Frauen heißt es entsprechend: »nicht mit dem alten Langweiler«.
Mit der Philosophie geht es aber auch aus anderen Gründen nicht überall gleich schnell voran. So sorgt sich Hannelore in Amsterdam um die neu entstandene Gruppe in Wien. Denn die Wiener, mit ihrem Hang zum Morbiden, sind leider nicht so ohne weiteres vom ewigen Leben zu überzeugen. »Dös is' arg schad«, sagt Hannelore, »da braucht's halt a' ,support', eine Hilfe.«
Bei allem Liebesgesäusel kommen die Unsterblichen manchmal nicht drum herum, einem Bruder oder einer Schwester den Marsch zu blasen. Ungern. Denn lieber haben sie es, wenn ein Meeting ohne Brüche verläuft, geradlinig, in Richtung stetig wachsender Einigkeit. Aber es muß sein: In Amsterdam wird eine dunkelhaarige Schönheit zusammengestaucht, weil sie zu spät kommt.
Dann aber wird wieder Liebe beschworen, Leidenschaft, Begeisterung. Bernhard will bei allen Menschen »einen inneren Flächenbrand entfachen«. Rainer bekennt mit tränenerstickter Stimme: »Ich bin total getoucht.« Die anderen jubeln: »Oh, yeah, I feel it.«
Manch einer fühlt gar nichts. Komplizierten Gemütern geht das Geschnaufe und Gebrüll auf die Nerven. »Schade eigentlich«, sagt Biologe Siegel kopfschüttelnd, »schade, wenn die Zellen nicht kochen.« Es passiert nämlich übers Feeling, das Erwachen der Zellen, so eine Art wohliger Schauer, der einen durchrieselt.
Newcomerin Sylvia fühlt ein Kribbeln und Krabbeln in ihrem Bauch, räumt aber ein, daß das nicht unbedingt die Zellen sind, die langsam aus tiefem Schlaf erwachen. Es kann auch schiere Verwirrung sein, »weil da so vieles arg kraß in meinen Kopf reinhämmert«.
Colette, eine junge Studentin aus Amsterdam mit nachdenklichen Augen, wollte, genau wie Sylvia, mal reinschnuppern in die Unsterblichkeit. Sie findet die Leute sehr freundlich. »Aber sie erzählen mir nichts Neues.« Daß Menschen einander tolerieren und helfen sollen, weiß sie schon lange. Und was das ewige Leben angeht, Colette schüttelt den Kopf, »das ist Unsinn«. Jeden Tag sterben Leute, das sei doch nicht zu leugnen.
Den klügsten Satz zum Thema des Treffens hat schon 1959 der Filmregisseur Jean-Pierre Melville gesprochen. Auf die Frage, was er im Leben erreichen wolle, antwortete er: »Unsterblich werden - und dann sterben.« Y
»Schade eigentlich, wenn die Zellen nicht kochen«