Experten Bombe versenkte "Estonia"-Fähre
Rostock/Papenburg - Zu diesem Urteil kommt die von der Meyer-Werft eingesetzte Expertenkommission in ihrem Abschlussbericht, berichtet die Rostocker "Ostseezeitung" in ihrer Donnerstagausgabe. 852 Menschen waren im September 1994 bei dem Untergang der Fähre ums Leben gekommen, die von Tallinn nach Stockholm unterwegs war.
Den Experten zufolge hatte sich die Bugklappe der "Estonia" nicht, wie bisher behauptet, durch Seegang gelöst, sondern wurde durch mindestens zwei heftige Detonationen unterhalb der Wasserlinie abgesprengt. Mit dem Anschlag sollte ein Waffentransport von russischer Seite verhindert werden, heißt es in dem Bericht der 13-köpfigen Kommission.
Das Expertenteam wird seinen Bericht nach Weihnachten dem Stockholmer Gericht vorlegen, das mit dem Fall beschäftigt ist. Nach Angaben des Hamburger Kommissionsmitglieds Kapitän Werner Hummel seien auf Videos, die Taucher vom Wrack anfertigten, deutlich zwei Sprengstoffpakete zu sehen, die nicht detoniert waren, berichtet die Zeitung.
Dem Gutachten einer unabhängigen schwedischen "Fakten-Gruppe" vom Sommer dieses Jahres zufolge war die Fähre nicht seetauglich gemäß internationalen Vorschriften, als sie am 27. September 1994 den Hafen der estnischen Hauptstadt Tallinn zum letzten Mal verließ. Der erste Bericht des fünfköpfigen Gremiums, darunter Fachleute für Schiffbau und Seerecht, befasste sich mit einer Mängelliste, die kurz vor Abfahrt der "Estonia" von einem Inspektor des schwedischen Schifffahrtsamtes erstellt worden war.
Ergebnis seiner Prüfung: Nach international gültigen Seerechtskonventionen ("Safety Of Life At Sea" und "Memorandum Of Understanding On Port State Control") hätte ein Auslaufen der Fähre verhindert werden müssen. Die Mängel wurden allerdings erst festgestellt, als schon ein Großteil der Passagiere und Fahrzeuge an Bord war. So sei ein notwendiges Alarmsystem für Kursabweichungen nicht installiert gewesen, Alarm- und Sicherheitspläne seien, soweit überhaupt vorhanden, nicht in der Sprache der Besatzung (Estnisch) verfasst gewesen, und das Brückenpersonal habe nicht ausreichend über die vorhandenen Kontrollsysteme Bescheid gewusst.
Diese Ergebnisse stehen allerdings auch in Widerspruch zum Abschlussbericht der offiziellen Havariekommission im Dezember 1997: Die "Estonia" sei seetüchtig gewesen, es gab "keine Beanstandungen seitens der Behörden oder Klassifikationsgesellschaften". Die Mängelliste aus Tallinn war der Kommission zwar bekannt, wurde aber nur unzureichend berücksichtigt und nicht mit den geltenden Seerechtskonventionen abgeglichen.