Experten überrascht Mit Feuer rechnete niemand
Frankfurt/Main - Das furchtbare Ausmaß der Brandkatastrophe in der Seilbahn am Kitzsteinhorn sei auch für Feuerwehrexperten überraschend gewesen, sagte der Frankfurter Branddirektor Reinhard Ries. Er hält es für möglich, dass Mängel bei der Vorsorge für einen Brandfall zu den schweren Folgen beigetragen haben. In Deutschland würden Züge auf keinen Fall im Tunnel stehen bleiben. Die Lokführer sollten "cool bleiben und auf jeden Fall weiterfahren". Möglicherweise aber sei das Personal der Seilbahn völlig überrascht und kopflos wie die Passagiere gewesen.
Geschulte Zugbegleiter hätten Türen öffnen und die Fahrgäste auf Rettungsmöglichkeiten hinweisen können, sagte Ries. In Deutschland und Europa sei man sehr technikgläubig. So würden die Autos für alle denkbaren Zwischenfälle ausgerüstet, aber eine Schulung der Fahrer sei nicht Pflicht. Die Katastrophe zeige, dass die Szenarien denkbarer Brände "gar nicht hart genug beschrieben werden können", betonte Ries. Die Brandschutzmodelle seien bisher in der Industrie stiefmütterlich behandelt worden. Doch das ändere sich langsam, weil erkannt werde, dass ein Vorfall den Ruf eines Unternehmens nachhaltig beschädigen kann.
Es gab keine Brandschutzvorrichtungen
Im Tunnel am Kitzsteinhorn hat es keinerlei Brandschutzvorrichtungen gegeben, wie der technische Leiter der Betreibergesellschaft, Manfred Müller, in Kaprun berichtete. Auch in der Bahn habe es keinerlei Schutzmaßnahmen gegeben; ein Feuer in der Standseilbahn galt als äußerst unwahrscheinlich.
Dabei gab es "unglaublich viele Stoffe, die brennbar sind", betonte Feuerwehrchef Ries. Verwendet wurde zwar schwer entflammbares Material, "aber wenn man ein Feuerzeug dranhält, brennt es genauso". Auch seien alle Kabel brennbar und unter dem Zug die Mischung aus Öl, Metallabrieb, Staub und Holzschwellen. Auch die Ski-Anzüge aus Kunstfasern und die Ausrüstung wie etwa 180 Paar Ski oder Snowboards aus Kunststoff hätten dem Feuer Nahrung gegeben.
Fahrgäste gingen den "falschen Weg"
Ries nannte die Standseilbahn "einen schräg gelegten Aufzug" mit einem extremen Luftdurchzug "selbst bei geschlossenen Toren, behaupte ich mal". Die Tunneltore am Ein- und Ausgang der Röhre standen zur Brandzeit möglicherweise offen. Ein österreichischer Fachmann, der Ingenieur Klaus Eisenkolb aus Linz, sagte den "Lübecker Nachrichten": "Wenn die Tore auf beiden Seiten geschlossen gewesen wären, wäre der Kamineffekt nicht möglich gewesen." In der ARD sagte Eisenkolb, erst der Brand habe den "Zug" für den Kamineffekt entstehen lassen.
Ein Großteil der Passagiere war aus der Bahn ausgestiegen und eine Treppe nach oben gegangen. "Das war der falsche Weg", sagte Müller. Der giftige Rauch stieg in dem Tunnel nach oben. Nach nur wenigen Atemzügen wurden die Opfer bewusstlos.
Zur Sicherheit in einem Tunnel gehören nach Ansicht des Frankfurter Feuerwehrchefs der Bau eines Nottunnels oder Notausstiegs. Für Hochhäuser sei ein zweiter Rettungsweg vorgeschrieben. "Die Situation im Tunnel ist noch schwieriger." Der 3200 Meter lange Tunnel der Standseilbahn von Kaprun hat keinen Notausstieg. Inge Treichel, AP