Explosion in Enschede Noch immer zahlreiche Vermisste
Enschede - 15 Tote waren nach Aussage der Behörden bis Sonntagabend gefunden, drei davon konnten identifiziert werden. Elf der Verletzten befanden sich nach Angaben des niederländischen Fernsehens am Abend noch in kritischem Zustand. Experten schlossen Brandstiftung als Ursache des verheerenden Unglücks nicht aus, die Staatsanwaltschaft leitete nach Aussage eines Sprechers entsprechende Ermittlungen ein.
Die Katastrophe hatte mit einem kleineren Feuer begonnen. Die Feuerwehr sei mit drei Wagen angerückt, berichtete der Kommandeur der Feuerwehr, Aad Gross.
Als die Flammen den in der Fabrik der S.E.Fireworks gelagerten Sprengstoff erreichte, gab es zwei gewaltige Detonationen. Vermutlich rund 100 Tonnen Sprengstoff gingen in die Luft. Vier Feuerwehrleute waren sofort tot, zwei wurden verletzt. Ein Flammenmeer verwüstete den Stadtteil, zurück blieben ausgebrannte Ruinen, ausgeglühte Autowracks und mit Scherben übersäte Straßen.
Die niederländische Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass der Gesamtschaden mehrere hundert Millionen Mark beträgt. Allein die Wohnungsbaugesellschaften schätzen den Schaden auf rund 100 Millionen Gulden (88 Millionen Mark), berichtete das Fernsehen.
Durch die Brände wurde Krebs erregendes Asbest frei gesetzt. Die Bevölkerung sollte verstaubte Kleidung waschen und möglichst nicht fegen, warnte Enschedes Bürgermeister Jan Mans. Eine am Sonntagmittag gesichtete Asbestwolke sei nicht mehr so groß.
Unklar war, bis wann die äußeren Bezirke des von rund 2500 Menschen bewohnten betroffenen Gebiets wieder bezogen werden konnten. Mans unterstrich, ein "innerer Ring" um die Fabrik sei total zerstört. Er äußerte die Hoffnung, dass die ersten Obdachlosen an diesem Montag wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können. In dem "äußeren Ring" untersuchten Experten am Sonntag, welche Häuser einsturzgefährdet sind.
Auch am Tag nach der Katastrophe suchten die Retter, darunter viele Helfer aus Deutschland, bis zum Einbrechen der Dunkelheit in den Trümmern nach Überlebenden. Die Suche sollte an diesem Montag nach Sonnenaufgang fortgesetzt werden. Die Aussichten, Verschüttete noch lebend zu finden, ist allerdings gering.
Was mit den 200 noch Vermissten geschehen ist, war nach Angaben von Behördenvertretern völlig ungeklärt. Sie müssten nicht zwangsläufig zu den Opfern gehören, sondern könnten auch auf Urlaubsreisen oder bei Freunden und Verwandten sein, hieß es.
Zusammen mit der niederländischen Königin Beatrix machte sich Regierungschef Wim Kok am Sonntag ein Bild vom Ausmaß des Unglücks. "Das packt einen an der Kehle. Hier und da steht noch ein Schornstein, oder ein Stück vom Giebel. ... Es ist das Schlimmste, was passieren kann", sagte Kok.
Um die Bergungsarbeiten zu erleichtern, wollten die Behörden das Katastrophengebiet einzäunen. Die Stadt setzte eine Notverordnung in Kraft, um Katastrophentourismus zu verhindern. Zum Absperren des Gebiets wurde Militär angefordert. Am Sonntagabend waren nach Angaben der Feuerwehr rund 400 Polizisten, 300 Feuerwehrleute und 200 Sanitäter im Einsatz.