Explosionen in Tianjin: Kritik an Behörden wächst - DER SPIEGEL
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Katastrophe von Tianjin "Wir wollen unseren Sohn sehen - ob tot oder lebend"

Ihre Männer, Väter und Söhne waren als Erste am Einsatzort - dann verwandelte sich die Brandstelle in ein Inferno: Von 85 Feuerwehrleuten im chinesischen Tianjin fehlt jede Spur. Die Angehörigen prangern die Informationspolitik der Behörden an.
Katastrophe von Tianjin: "Wir wollen unseren Sohn sehen - ob tot oder lebend"
Katastrophe von Tianjin: "Wir wollen unseren Sohn sehen - ob tot oder lebend"

Katastrophe von Tianjin: "Wir wollen unseren Sohn sehen - ob tot oder lebend"

Foto: Ng Kong/ dpa
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Nach den verheerenden Explosionen am Hafen der nordchinesischen Stadt Tianjin wächst die Kritik an der Informationspolitik und dem Krisenmanagement der Behörden. Das Ausmaß der Katastrophe und die Gefahren durch Schadstoffe in Luft und Wasser werden nur langsam bekannt.

So teilte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf die Behörden erst jetzt mit, dass noch 95 Menschen vermisst werden, darunter 85 Feuerwehrleute. Damit werden deutlich mehr Feuerwehrleute vermisst als ursprünglich eingeräumt. Die Zahl der bestätigten Toten wird mit 112 angegeben.

Die höhere Zahl an Vermissten wurde erst nach Protesten aufgebrachter Angehöriger bekannt gegeben. Sie beklagten, dass nicht alle in den Explosionen verschwundenen Helfer mitgezählt würden, weil sie nur angeheuert waren und nicht den offiziellen Status als Feuerwehrmann besaßen. Die Verwandten beklagen einen Vertuschungsversuch und lieferten sich vor dem Verwaltungssitz des Binhai Wortgefechte mit Polizisten, die sie wegdrängen wollten.

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Explosionen in China: Proteste in Tianjin

Foto: CHINA DAILY/ REUTERS

Der Tod von mehr als 20 Feuerwehrleuten ist bereits bestätigt. Nie zuvor in der Geschichte der Volksrepublik sind bei einem Unglück so viele Feuerwehrleute ums Leben gekommen wie in Tianjin. Der chinesische Generalstaatsanwalt will prüfen, ob illegale Praktiken zu der Katastrophe führten. Er werde zusammen mit örtlichen Behörden Belege für Machtmissbrauch oder Amtspflichtverletzung suchen, berichtete Xinhua.

Webseiten für Verbreitung "unbegründeter Gerüchte" bestraft

Wütende Anwohner sowie Angehörige Vermisster gingen zu einer Pressekonferenz, um Informationen einzufordern und Verantwortliche zur Rede zu stellen. "Wir wollen unseren Sohn sehen - egal, ob tot oder lebend", sagte Liu Ruwen laut Xinhua. Sein 19-jähriger Sohn Liu Zhiqiang gehört zu den Vermissten.

Vor einem Hotel, in dem die Pressekonferenz stattfand, sagte die Frau eines weiteren Vermissten: "Sie haben nichts gesagt. Wir wissen nichts. Uns wurde nichts mitgeteilt." Ein anderer Mann verlangte Auskunft von einem Behördenmitarbeiter. "Wir sind seit drei Tagen hier und haben nicht mal ein kleines bisschen Information bekommen."

Medien können sich keinen eigenen Eindruck von der Katastrophe verschaffen. Zeitungen dürfen quasi nur Xinhua-Berichte übernehmen und nicht selbst recherchieren. Die starke Zensur verstärkte den Eindruck in der besorgten Bevölkerung von Tianjin, dass die Behörden ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen.

50 Webseiten wurden bestraft, weil sie angeblich Gerüchte oder unbestätigte Informationen veröffentlicht und damit Panik ausgelöst hätten. Auch wurden Webseiten bestraft, weil sie Nutzern ermöglicht hätten, "unbegründete Gerüchte" zu verbreiten. Die Internetaufsicht warnte laut Xinhua, sie verfolge für solches Verhalten eine "Null-Toleranz"-Linie.

Die Regierung will sich als Herr der Lage zeigen, doch manche Maßnahmen wirken wie Aktionismus. So wurden landesweit Inspektionen im Umgang mit gefährlichen Chemikalien und Explosivstoffen angeordnet. Das Unglück "enthüllt einen Mangel an Sicherheitsbewusstsein bei Unternehmen und eine lockere Umsetzung von Sicherheitsvorschriften", zitierte Xinhua aus einer Anweisung der Kommission für Sicherheit am Arbeitsplatz.

Armee schickt 3000 Soldaten

Die Katastrophe hatte am späten Mittwochabend begonnen. Feuerwehrleute waren zu einem Feuer in dem Gefahrgutlager geeilt. Sie hatten mit ersten Löscharbeiten begonnen, als es etwa 40 Minuten nach dem ersten Alarm zu den massiven Explosionen kam. Den Einsatzkräften soll nicht bekannt gewesen sein, welche Gefahrgüter dort lagerten. Auch setzten sie Wasser ein, was bei Chemikalien wie dem unter anderem dort gelagerten hochgiftigen Natriumcyanid explosive Reaktionen auslösen kann. In dem Gefahrgutlager waren nach Angaben des Militärs 700 Tonnen der Chemikalie eingelagert.

Im Video: Amateur filmt gewaltige Explosionen

Auch daran gibt es Kritik. Warum erlaubten die Behörden, Gefahrgüter so nah an Wohngebieten zu lagern - obwohl Vorschriften einen Mindestabstand von 1000 Metern vorsehen? Bei einer Demonstration forderten Bewohner einer betroffen Wohnanlage Entschädigung.

Verwirrung herrschte bei Evakuierungen der Wohngebiete nahe dem Unglücksort. Obwohl Polizeiwagen am Samstag über Lautsprecher zur Räumung in einem Umkreis von drei Kilometern aufgerufen hatten, bestritt ein Behördenvertreter, dass eine Evakuierung angeordnet worden sei.

Aus Angst vor giftigen Gasen in der Luft und einem Wechsel der Windrichtung wurden allerdings unter anderem die Menschen in einer Notunterkunft in einer nahe gelegenen Grundschule in Sicherheit gebracht. Auch wurden Straßensperren eingerichtet. Konvois mit Soldaten rollten zur Verstärkung in die Stadt - nach offiziellen Angaben wurden 3000 Armeeangehörige entsandt, um die Aufräumaktionen zu unterstützen.

Die Katastrophe wird offenbar auch von Trittbrettfahrern ausgenutzt. Im Süden Chinas wurde eine junge Frau festgenommen. Sie soll vorgetäuscht haben, ihr Vater sei in Tianjin gestorben und mit der Geschichte im Internet rund 12.500 Euro Spenden eingesammelt haben. Laut Polizei kam die 19-Jährige aber nicht an das Geld, weil ihr Internetkonto gesperrt wurde, nachdem andere Nutzer sie als verdächtig gemeldet hatten.

Im Video: Drohnenaufnahmen von der Unglücksstelle

ulz/dpa/AP/AFP