Fall Joseph Lichterkette gegen Rechts abgesagt
Sebnitz - Die Verwaltung der rund 10.000 Einwohner zählenden Stadt habe Drohungen aus der linken und rechten Szene erhalten, hieß es. Die Entscheidung, die Lichterkette doch nicht stattfinden zu lassen, sei in Absprache mit dem sächsischen Innenministerium und dem Verfassungsschutz gefallen, sagte Oberbürgermeister Mike Ruckh im MDR.
Sebnitz war in den vergangenen Tagen wegen des ungeklärten Todes des sechsjährigen Joseph vor dreieinhalb Jahren in die Schlagzeilen geraten. "Bild" hatte berichtet, dass der Junge deutsch-irakischer Abstammung im Sommer 1997 von 50 Neonazis im Sebnitzer Freibad überfallen und zu Tode gequält worden sei. Das Boulevardblatt hatte den Bürgern der Stadt vorgeworfen, nicht in den Überfall eingegriffen und die wahren Hintergründe von Josephs Tod verschwiegen zu haben.
Sebnitz wollte sich gegen diese Anschuldigungen mit der Lichterkette zur Wehr setzen. "Wir sind keine Stadt der Neonazis", war immer wieder zu hören. Nun holt die Verwaltung zum Gegenschlag aus. Man werde Klagen gegen jene Medien prüfen, die dem Ruf Sebnitz' geschadet hätten, hieß es aus dem Rathaus. "Der Image-, Wirtschafts- und auch seelische Schaden muss rasch wieder von der Stadt genommen werden, um vorurteilsfrei die weitere Entwicklung der Stadt zum Wohle der Bürger gestalten zu können", hatte Bürgermeister Ruckh mitteilen lassen.
Ermittlungen gegen die Mutter
Die Ermittlungen im Fall Joseph gehen derzeit in alle Richtungen weiter. Die Aussagen der von Josephs Eltern angeführten Zeugen wurden inzwischen relativiert oder widerrufen. Den Ermittlern liegen bislang keine Beweise für eine Straftat vor.
Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft richten sich jetzt auch gegen die Mutter des Kindes und drei Zeugen. Der Verteidiger eines der Tatbeschuldigten habe Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung gestellt, teilte die Behörde mit. Nach Angaben der "B.Z." sollen die Ermittlungen auch erhellen, ob und wie das Mittel Ritalin in den Körper des Jungen gekommen ist. Ein drittes medizinisches Gutachten soll nun klären, wie der Junge im Schwimmbad gestorben ist.
Die Familie des Jungen floh unterdessen aus Angst vor einer "Hetzkampagne" ins Allgäu. Der Psychologie-Professor Reinhard Tausch hat im Fall Joseph vor einer vorschnellen Verurteilung der Mutter gewarnt. "Sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr belastet, der Tod ihres Sohnes ist sicherlich ein starker Stressauslöser gewesen", sagte Tausch, der an der Universität Hamburg lehrt.