Fall Joseph Neues Gutachten angefordert
Dresden - Der Verdacht gegen die drei Beschuldigten, die Ende vergangener Woche festgenommen worden waren, schwäche sich ab, sagte Claus Bogner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden. "Die Tendenz in Richtung Verfahrenseinstellung ist da."
Es werde auch untersucht, ob Zeugen beeinflusst wurden, so Bogner. In den vergangenen Tagen waren Vorwürfe gegen die Eltern aufgekommen, sie hätten Aussagewilligen Geld für deren eidesstattliche Erklärungen gezahlt. Nach Bogners Angaben sind mittlerweile alle Zeugen vernommen worden, die eine schriftliche Erklärung zu den Vorgängen im Juni 1997 abgegeben hatten. "Alle sind abgerückt von ihren Versionen", so der Staatsanwaltschaftssprecher. Jetzt sollten alle Zeugen vernommen werden, "die irgendwie denkbar mit den Ereignissen im Schwimmbad zu tun haben." Gegen die Eltern gebe es keine Ermittlungen.
Josephs Familie fühlt sich einer "Hetzkampagne" ausgesetzt. Darstellungen in den Medien, wonach die Zeugen Geld für ihre Aussagen erhalten hätten, seien Lügen, sagte der Vater des 1997 unter mysteriösen Umständen gestorbenen Kindes. Auch Meldungen über eine Herzmuskelentzündung seines Sohnes entsprächen nicht der Wahrheit.
Vater, Mutter und Tochter halten sich derzeit nicht in Sebnitz, sondern an einem geheim gehaltenen Ort im Allgäu auf. Dort werde die Familie von etwa zwölf Menschen betreut, darunter ein Pfarrer, ein Psychologe, ein Arzt und Sicherheitsleute, sagte der Vater. Die Polizei in Kempten bestätigte die Aussagen des Vaters. "Wir wissen, wo die Familie ist", so ein Polizeisprecher am Nachmittag. Ein Beamter sei bei der Familie. Mit ihm stehe die Polizei in Kempten in Kontakt.
Die von den Eltern in Auftrag gegebene zweite Obduktion des Kinderleichnams hat dem Fall eine Wende gegeben. "Es deutet darauf hin, dass der Junge an einer chronischen Herzmuskelentzündung litt", sagte Staatsanwaltschaftssprecher Bogner. Es sei allerdings unklar, inwieweit die Erkrankung im Zusammenhang mit dem Tod des Kindes stehe. "Das Gutachten ist da recht hypothetisch." Zur Klärung der Fragen habe die Anklagebehörde ein drittes gerichtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben.
Der Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts an der Dresdner Universitäts-Klinik räumte unterdessen Versäumnisse bei der ersten Obduktion ein. "Der Herzmuskel des Jungen ist nicht untersucht worden", sagte Professor Erich Müller. Normalerweise werde auch dieser Muskel untersucht, gerade bei Kindern oder möglicherweise Ertrunkenen.