Fall Joseph Schadenersatz in Millionenhöhe?
Dresden/Hamburg - Sachsens Regierung hat Behauptungen der "Bild"-Zeitung über Schadenersatzforderungen des Freistaates wegen der Berichterstattung im Fall Joseph scharf zurückgewiesen. "Bild"- Vize-Chefredakteur Karl Günther Barth hatte in einem am Freitag vorab veröffentlichten Interview der Fachzeitschrift "Message" gesagt, dass die Regierung in Dresden unter Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) mit Blick auf Forderungen "in amerikanischen Dimensionen, also in Millionenbeträgen", denke.
"Herr Barth redet dummes Zeug. Er weiß genau, dass eine Entschädigung in Millionenbeträgen in Deutschland weder üblich noch möglich ist", sagte Regierungssprecher Michael Sagurna. Dennoch werde pflichtgemäß geprüft, ob eine Schadenersatzklage wegen der Berichterstattung sinnvoll und möglich sei.
Die "Bild"-Zeitung hatte über den Tod des sechsjährigen Joseph im Juni 1997 im Sebnitzer Schwimmbad am 23. November 2000 mit der Schlagzeile "Neonazis ertränken Kind" berichtet. In der Unterzeile hieß es unter anderem: "Und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen". Bisher liegen der Staatsanwaltschaft keine Erkenntnisse vor, dass Joseph einem Verbrechen zum Opfer fiel. Die Ermittler gehen vielmehr von einem Badeunfall aus. Kurzzeitig waren allerdings drei junge Leute wegen Mordverdachts festgenommen worden.
"Hohes Maß an Heuchelei"
In dem Interview warf Barth den Behörden und Biedenkopf ein "hohes Maß an Heuchelei" vor. "Seine Justiz hat drei Monate ermittelt, dann verhaftet - um dann in weniger als einer Woche festzustellen, dass die Beschuldigungen gegen die Verhafteten und damit implizit die Vorwürfe gegen die Stadt Sebnitz nicht länger aufrecht zu erhalten seien." Heute würden Biedenkopf und sein Justizminister so tun, als hätten die Medien die Verhaftungen vorgenommen.
Barth sieht auch in der Kritik anderer Medien an der Berichterstattung von "Bild" als dem angeblichen "Leitmedium" im deutschen Journalismus viel Heuchelei. "Ich hätte zu gern gewusst, was die Kollegen von der "FAZ" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") oder der "SZ" ("Süddeutsche Zeitung") dazu sagen, die in eigenen Reportagen auch ohne Fragezeichen (über die angebliche Beteiligung von Neo- Nazis) berichtet haben. Die meisten wollen damit doch nur verdecken, dass sie selbst nicht recherchiert haben."