Fall Kampusch: "Sie ist wie ein äußerst zerbrechliches Glas" - DER SPIEGEL
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Fall Kampusch "Sie ist wie ein äußerst zerbrechliches Glas"

Wer von Natascha Kampusch nur die Stärke, den Witz, das Lächeln im Kopf behalten hat, der täuscht sich, sagt Körperpsychotherapeut Ulrich Sollmann im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Die 18-Jährige habe unbewusst gezeigt, wie traumatisiert und zerbrechlich sie sei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Hat Natascha Kampusch sie überrascht?

Sollmann: Überrascht nicht, aber erschüttert. Ich habe viel mit traumatisierten Menschen gearbeitet, insoweit war ich nicht überrascht. Aber mein Eindruck ist, dass Kampusch in ihrer Stimme, in ihrer Reaktionsweise, in ihrer Atmung, in ihrer Bewegung brüchig gewirkt hat. Ihre Stimme passte nicht zu der Ich-Stärke, die sie gezeigt hat, wenn sie zum Beispiel eloquent und differenziert mit Fremdwörtern umging. Auch die Art ihres Blickkontaktes und das Verdrehen der Augen passten nicht dazu. Da ist eine Diskrepanz, die darauf hindeutet, dass weder das eine noch das andere alleine gesehen werden darf. Diejenigen täuschen sich, die vor allem die eloquent redende junge Dame sehen und sagen: Wie stark muss die denn sein?

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an das Bild von Stärke?

Sollmann: Es kommt darauf an, was Stärke ist. Wenn jemand in so einer extremen Situation war und ein solches Verhalten zeigt, dann ist das eine "Überlebensfähigkeit", die aber nicht eine Souveränität in dem Sinne ausmacht, wie sie ein anderer Mensch und anderen "normalen" Umständen zeigt. Das darf man nicht verwechseln.

SPIEGEL ONLINE: Was genau haben sie in dem Interview beobachtet?

Sollmann: Ihre Stimme war sehr brüchig. Sobald eine Emotion hochkam, wirkte sich das unmittelbar in ihrer Stimme und ihrer Atmung aus, sie hörte auf zu atmen oder hat sich mitten im Satz unterbrochen. Oder sie hat die Erinnerung verloren an das, was sie drei Tage zuvor gemacht hatte. Das passt überhaupt nicht zu dieser Souveränität und Klarheit, mit der sie sonst wirkte. Nehmen sie die Augen: Frau Kampusch hat den Moderator zwar direkt angesehen. Bei Traumatisierungen kann es aber passieren, dass Flashbacks - unkontrollierte Erinnerungen - hochkommen. Dann musste sie auf zwei Ebenen gleichzeitig operieren. Sie war nicht in der Lage, den Blickkontakt zu halten. Das war zuviel für sie.

SPIEGEL ONLINE: War sie nicht vielleicht einfach nervös?

Sollmann: Ja und nein. Natürlich ist da Nervosität. Aber interessant ist doch zu sehen: Wie reagiert jemand unter Stress? Bei ihr ist es so, dass sie den Kontakt zu ihrem Gesprächspartner unterbricht. Andere klammern sich an ihr Gegenüber, bleiben im Kontakt. Ihre Art, zu reagieren, lässt aber den Rückschluss zu, dass sie überschwemmt wird von den inneren Bildern und Emotionen. Sie redet, und plötzlich presst sie die Lippen aufeinander, der Blick bewegt sich nicht mehr und sie hält die Atmung an. Das sind Reaktionen, die unter Stress wachgerüttelt werden, die aber natürlich auch als Auswirkungen dieser schrecklichen Situation zu verstehen sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist Natascha Kampusch erkennbar auf diesen Auftritt vorbereitet worden, oder haben wir sie gesehen, wie sie ist?

Sollmann: Sie sendet sozusagen zwei Signale gleichzeitig aus, sie zeigt eine Brüchigkeit - das war Natascha Kampusch, keine Frage. Sie hat sich nicht verstellt. Sie hat gleichzeitig aber gesagt, die Formulierung mit dem "Raum" statt "Verlies" komme von ihrem Psychiater. Es ist schon zu vermuten, dass sie gewisse Dinge übernommen hat, aber nicht im Sinne von Auswendiglernen. Da hat sie immer wieder glaubwürdig deutlich gemacht, wie sehr ihr an Unabhängigkeit liegt.

SPIEGEL ONLINE: Kam das Interview für sie zu früh?

Sollmann: Ganz eindeutig ja. Ich hätte ihr nicht dazu geraten.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Sollmann: Sie sagte ja sehr deutlich - und das kann ich nur unterschreiben - man solle ihr doch ihren Bereich lassen, der ihr gehöre. Sie hat ein existentielles Bedürfnis, geschützt zu werden. Sie jetzt quasi neben die Ermittlungsfotos auf die Bühne zu bringen, halte ich für verfrüht. Damit erreicht sie im Grunde genau das Gegenteil von dem, was sie bezweckt. Sie wollte in die Offensive gehen, sich den Fragen stellen, ihr Gesicht zeigen. Aber auch sagen: bis hierhin und nicht weiter. Das wird sie aber nur noch weiter in die Öffentlichkeit bringen, das kann man in der Medienwelt nicht mehr kontrollieren. Das hätten ihre Berater wissen und verhindern müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich aus dem Interview für ihre Zukunft ablesen?

Sollmann: Ich will keine Prognose geben, weil mir das nicht zusteht. Ich könnte mir vorstellen, dass sie gut beraten wäre, sich sehr, sehr bedeckt zu halten oder sich sogar zurückzuziehen. Sich nicht weiter so wie gestern Abend der Öffentlichkeit auszusetzen. Sie muss erst einmal mit ihren lebensnotwendigen Bedürfnissen wieder vertraut werden, mit ihrer Umwelt, das ist für sie ja so fremd. Man muss mit ihr umgehen wie mit einem äußerst zerbrechlichen Glas. Da kann die kleinste Erschütterung fatal sein.

Das Interview führte Sönke Klug