Fame Fatale: Flirt mit der Unterwelt - DER SPIEGEL
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Fame Fatale Flirt mit der Unterwelt

Aus der Schattenwelt ins Rampenlicht: Die US-Reality-Show "Mob Wives" widmet sich dem Alltag von Mafiosi-Frauen. Der Inhalt der Serie ist allerdings nicht fatal, sondern eher banal - und der Flirt der Popkultur mit dem organisierten Verbrechen hat einen weiteren Tiefpunkt erreicht.
Von Steffi Kammerer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Egal welche amerikanische Zeitung man in diesen Tagen aufschlägt, Mafia-Folklore überall. Da ist zum einen die Frage, ob Lindsay Lohan neben John Travolta im Film über John Gotti mitspielen wird, dem einstigen König der New Yorker Unterwelt. Es heißt, Gottis Tochter wolle, dass Lohan sie darstelle. Bei der Pressekonferenz zum Film posierten die beiden bereits im Partnerlook. Kurz danach wurde vermeldet, nichts sei entschieden. Vermutlich wollen die Produzenten erst mal abwarten, wie das Urteil des Gerichts ausfällt: ob die Schauspielerin im wahren Leben ins Gefängnis muss, wegen Schmuckdiebstahls. Die Dreharbeiten jedenfalls sollen im Oktober beginnen.

Passend zum Thema - und als hätten sich zwei Marketingabteilungen abgesprochen - startete am Sonntag eine wöchentliche Mafia-Serie im Fernsehen, ein neuer Tiefpunkt des US- Reality-Genres: "Mob Wives" auf VH1 hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns Heim und Herd der Mafiosi näherzubringen.

Es geht um vier Damen aus Staten Island, New York, dem bevorzugten Wohnsitz der organisierten Verbrecher. Die vier kennen sich ihr ganzes Leben, sie alle sind Töchter oder Ehefrauen von Männern im Knast, produziert wird die Serie von einer weiteren Mafia-Tochter. Eine von ihnen hat 16 Jahre in Arizona gelebt. Dorthin war ihr Vater geflüchtet, ein Verbrecher mit dem klingenden Namen "Sammy the Bull", der Gotti (dessen Tochter nun vielleicht von Lohan gespielt werden soll) zuvor an die Behörden verraten hatte. Auf Staten Island nennen sie ihn seither Ratte.

Die Tochter der "Ratte" wird nun dabei gefilmt, wie sie zurückkehrt. Man sieht sie zuerst mit Freundinnen in Arizona, denen sie ihr Staten-Island-Leben erklärt. Ob man sie dort auf der Straße erkenne, wollen die Mädchen wissen. Oh ja, sagt sie mit dem Stolz einer Königstochter und lacht. Ihr Vater Sammy hat gestanden, 19 Menschen umgebracht zu haben. Sie sagt, sie wolle nun ein Buch über ihr Leben schreiben.

Die Mafia kommt in der Mitte der Gesellschaft an: im Büro, im Museum

Wäre ihr Vater ein Einzeltäter, der anderen Leuten Kugeln in den Kopf jagt, hielte sich die Faszination wohl in Grenzen. Bei Mafia-Killern ist das anders, vielleicht weil es ja um die angebliche Ehre geht. Die Verherrlichung begann vor Jahrzehnten mit Coppolas "Godfather", es folgten "Goodfellas" und "Casino" und die "Sopranos". Die Medien jedenfalls haben das kommerzielle Potential der Cosa Nostra längst entdeckt. Auch über die Gottis gab es schon eine Reality-TV-Serie, sie wurde aber 2005 nach eineinhalb Jahren eingestellt, vielleicht war die Zeit noch nicht reif.

Dann wurde es plötzlich schick, Mafia-Musik zu hören. Auf Facebook gibt es Fangruppen für die Cosa Nostra. Abermillionen sind "Mafia Wars"-süchtig und tun im Büro, was richtige Mafiosi auch machen: Gegner ausschalten, Macht und Reichtum ausbauen, egal wie. Vor zwei Wochen eröffnete in Las Vegas das Tropicana Casino auf dem Strip seine interaktive 25-Millionen-Dollar-"Mob experience". Zu sehen sind Familienfotos und andere Mafiosi-Memorabilia, präsentiert wie in jedem anderen Museum. Zur Eröffnung kam Pamela Anderson.

Es ist ein Flirt mit der Unterwelt, mit dem Bösen. Zum Reality-TV mit Pädophilen, Drogendealern, Menschenschmugglern ist es jetzt nur noch ein kleiner Schritt. Wobei man auch hier dahin ausweichen könnte, nur die Welt der Frauen zu zeigen, der Gruselfaktor ist gegeben, aber eben nur indirekt.

"Wer loyal ist, hat recht"

Man sieht Kochtöpfe, Make-up und Pelzmäntel - und denkt sich die Blutlachen doch mit. Von Glorifizierung kann im Fall der "Mob Wives" aber keine Rede sein, eher von Trivialisierung. In der echten Mafia-Welt erinnert nichts an das mondäne Dasein von Diane Keaton in der Longfellow Road. Die echten Mafia-Damen sehen hart aus und früh gealtert. Wenn sie nicht weiter wissen, ziehen sie sich an den Haaren und brüllen: Mafia-Schlampe. Jeder ihrer Sätze ist mit Pieptönen versehen, weil die ***** Ausdrücke so sind, dass man sie in den ****** Medien nicht wiederholen kann.

Sie sagen, sie wollen raus aus dem Schatten, mal ihre Sicht der Dinge schildern, jammern in die Kamera, sie seien ganz normale Frauen, mit Problemen wie alle. Wie andere Mütter auch schleppen sie abends müde die Einkaufstüten nach Hause. Nur dass sie dann noch die Essensbestellung für den Mann im Gefängnis aufnehmen müssen: Vanille Cola soll es sein. Überhaupt das Gefängnis: es sei ein ganz normaler Ort, halt einer, wo man seine Familie trifft.

Was wohl jene Zuschauer denken, die ihre Familien durch die Männer dieser Normalo-Frauen verloren haben?

Erstaunlich an dieser ganzen eigenartigen Serie ist nur, dass die Mafia-Bosse ihr zugestimmt haben. Aber sie werden gewusst haben, dass sie nichts zu befürchten haben. Dass ihre Frauen nichts mitzuteilen haben, außer dem, was ihnen von Kindheit an eingetrichtert wurde. Sätze wie dieser, den eine in die Kamera spricht: "Wer loyal ist, hat recht."

Es ist ein wenig wie bei Fußballer-Ehefrauen (passenderweise eine andere Serie auf VH1). Die sitzen auch dekorativ auf der Tribüne und warten, bis ihre Männer fertig sind. Genau das tun die Mafia-Frauen. Sie warten auf ihre Männer. Die sind entweder im Gefängnis oder mit schmutziger Arbeit beschäftigt.

Man sollte sich deshalb nicht vom vulgären Gekreische der Damen verleiten lassen, ihr Familiengeschäft harmlos zu finden. Da ist aufschlussreicher, was der frühere Boss des Bonanno-Clans vor wenigen Tagen vor Gericht erklärte, ganz sachlich: "Wenn du jemanden töten lassen willst, brauchst du verschiedene Arbeiter. Es sind alle möglichen Fleischsorten nötig, um eine gute Sauce zu machen."