Fashion Week New York: Der Wächter der Modewelt - DER SPIEGEL
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New York Fashion Week: Von luftig bis ledern

Foto: Christopher Lane / Getty Images

Fashion Week New York Der Wächter der Modewelt

Wer keines der begehrten Tickets für die Fashion Week in New York ergattert hat, versucht es eben ohne - und muss an Ty Yorio vorbei. Der Ex-Kommissar ist Chef der Sicherheitsfirma, die das große Hauptzelt bewacht. Niemand kennt die Tricks der Möchtegern-Einschleicher so gut wie er.
Von Wlada Kolosowa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Banane war Schuld. Die Einreisepapiere sind in Ordnung, die Akkreditierung für die Fashion Week bestätigt, aus dem Flughafenfenster kann ich schon den Himmel über New York sehen. Doch dann bleibt ein Spürhund neben mir stehen, schnuppert an meiner Handtasche und wedelt mit dem Schwanz. "Ma'am, haben Sie Pflanzen, Fleisch, Obst oder Drogen dabei?", fragt der Beamte in einem Tonfall, der eher nach Verdacht auf Kapitalverbrechen klingt.

Wegschmeißen darf ich meine aus Deutschland eingeschmuggelte Banane nicht. Über sie (und mein) Schicksal soll der Zoll richten. "BANANA" schreibt die Dame in Großbuchstaben quer über mein Zollformular. Ich muss mich an einer anderen Schlange anstellen, werde dann nochmals samt Gepäck durchleuchtet und durchsucht. Aber schließlich darf ich doch einreisen.

Die Top 3 der beliebtesten Ausreden

Bis ich im Epizentrum der Modewoche bin, den Zelten der Mercedes Benz Fashion Week am Lincoln Center, muss ich noch ein paar Hürden bewältigen. Vor dem Eingang scannen die Security-Leute die Menschenmenge genau so akribisch wie es die amerikanische Einreisebehörde tut, sie mustern jedes Bändchen, jede Einladung zweimal.

"Hi, ich habe eine Verabredung mit Ty Yorio", sage ich zu einem Grauhaarigen im schnittigen Anzug.

"Dann komm rein!", winkt er mich überraschend lässig durch.

"Wie, Sie wollen mich einfach so reinlassen?" Ich bin perplex. "Ohne mein Presse-Bändchen zu sehen?"

"Wenn du ein Einschleicher wärst, wärst du ein ziemlich dreister - oder ein ziemlich dummer. Ich bin Ty."

Ty Yorio war früher Mordkommissar bei der New Yorker Polizei. Heute leitet er "Citadel Security" - eine New Yorker Sicherheitsfirma, die seit 19 Jahren die Zelte der Fashion Week bewacht. Sein Sohn David - früher Mathe-Lehrer und Basketballtrainer - ist seine rechte Hand. Und obwohl sie über 70 Sicherheitskräfte koordinieren müssen, stehen die beiden auch mal persönlich an der Eingangstür.

Die Yorios haben keine Türsteher-Gesichter. Sie zeigen ihre Zähne so oft, dass man denkt, ihr Dentist hätte sie für Werbung bezahlt. Dabei lächeln nicht alle zurück. In den mehr als 20 Jahren, die Vater und Sohn für die Fashion Week arbeiten, wurden sie schon angeschrien, angespuckt, verflucht und mit kernigen Schimpfwörtern überschüttet. Inzwischen sind die Yorios dagegen immun, genauso wie gegen Ausreden: "Ich habe die Einladung im Taxi vergessen." "Meine Assistentin hat sie." Und natürlich, der Klassiker: "Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?"

Die Trickkiste der Einschleicher

Die uneingeladenen Gäste erkennen die Yorios meistens schon an ihrer Körpersprache: Sie sei betont nachlässig oder besonders aggressiv. "Den Einschleichern fehlt die Geschmeidigkeit", sagt Ty. "Dieses ganz gewöhnliche In-der-Schlange-stehen-Gesicht."

Die uneingeladenen Gäste greifen tief in die Trickkiste: Manche kommen zu einer kleineren Show am Morgen und bleiben dann für den Rest des Tages, um sich in andere Schauen zu schleichen. Manche geben sich als Stars aus und verkleiden sich entsprechend. Einmal hat eine gekündigte PR-Mitarbeiterin aus Rache die Bilddatei der Einladung ins Internet geladen, mit der genauen Beschreibung der Papiersorte, auf der sie ausgedruckt werden soll. Plötzlich standen doppelt so viele Gäste wie geplant vor der Tür - Tys Team musste die Fälschungen aussieben. "Früher haben die Menschen sogar versucht, unter dem Zelt durchzukriechen, aber das hat Gott sei Dank aufgehört."

Super Bowl der Mode

Mindestens 25 uneingeladene Gäste fängt David pro Tag. Er bringt sie mit einem Lächeln nach draußen. "Ich will niemanden erniedrigen", erzählt er. Die öffentliche Beschämung sei Strafe genug. "Ich bin nett, sehr nett", erklärt er seine Strategie. "Kennst Du den Spruch: Nettigkeit tötet?"

Von Tränen haben sich die Yorios zwar noch nie erweichen lassen. Dabei können sie die Anziehungskraft der Mode durchaus verstehen. David trägt einen Anzug von Michael Kors, Ty erzählt stolz, dass er schon mit den Designern Naeem Khan und Max Azria Hände geschüttelt hat, und dass er regelmäßig die "Woman's Wear Daily" liest.

"Für alle, die sehen und gesehen werden wollen, ist die Fashion Week der Super Bowl der Mode", sagt Ty Yorio. "Es ist mehr", sagt sein Sohn. "Für Sportveranstaltungen und Konzerte kann man Tickets kaufen. Hier brauchst du eine Einladung." Exklusivität, die man nicht mit Geld bezahlen kann, ist umso mehr wert - manchen auch das Risko, beim Reinschleichen erwischt zu werden.

Das Ballett der Absperrungen

"Leute draußen zu halten, ist nur ein kleiner Teil davon...", sagt David.

"... die Sicherheit drinnen zu garantieren", sagt Ty.

Vater und Sohn vervollständigen einander ihre Sätze, wie zwei Hälften eines Gehirns. Sie steuern ein beachtliches Personal: Mehr als 70 Feuerwehrmänner, ehemalige Polizisten, Offiziere arbeiten als Security für die Mercedes Benz Fashion Week. Laut Ty strömen während der Modewoche 120.000 Gäste durch das Zelt.

Ty führt mich stolz durch das Zelt und zeigt das, was er das "Absperrungs-Ballett" nennt - ein ausgeklügeltes System, das den Publikumsfluss in der Lobby regelt, und für jede Show neu angepasst wird. Backstage überwacht die Security die Kollektionen, Frauen kümmern sich um den Bereich, in dem sich Models umziehen - "es gibt tatsächlich Menschen, die versuchen, Fotos von ihnen zu schießen", sagt Ty.

"In Amerika nehmen wir es ziemlich Ernst mit der Security", sagt Ty. "Neulich war ich in Griechenland, da könnte ich das Pantheon hochklettern, ohne dass mich jemand aufhält." Ich kann da nur zustimmen und erzähle Ty die Bananengeschichte am Zoll. "Bei uns hättest du sie schon mitnehmen dürfen", sagt Ty. Aber ohne Einladung nutzt die Banane auch nichts.