Feuersbrunst Griechen werfen ihrer Regierung Versagen vor
Athen - Griechenland erlebt die schlimmste Umweltkatastrophe seit Jahrzehnten. Nach offiziellen Angaben sind seit Ausbruch des ersten Großbrands am vergangenen Freitag 61 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 3000 Menschen sind obdachlos. Mindestens vier Großbrände und Dutzende kleinere Feuer loderten nahe Olympia im Westen, Kalamata im Südwesten und Sparta im Südosten.
Die Wut auf die griechische Regierung unter Ministerpräsident Kostas Karamanlis, die dieser Katastrophe scheinbar hilf- und ratlos begegnet, wächst. "Alle haben uns im Stich gelassen. Die Regierung ist unfähig, uns zu schützen. Die Organisation der Lösch- und Evakuierungsarbeiten war miserabel. Chaos und Schande", schrie ein aufgebrachter Mann aus der Ortschaft Artemida auf Westpeloponnes in die TV-Mikrofone. Allein in seinem Dorf hatten am Samstag 14 Menschen ihr Leben verloren.
In der Provinzhauptstadt Pyrgos und der am schwersten getroffenen Stadt Zacháro wurden Zelte für Obdachlose aufgestellt. Rotes Kreuz und Militär verteilten Essen, wie das Fernsehen zeigte.
Doch zumeist scheinen die Hilfsmaßnahmen wenig durchdacht, beinahe willkürlich. "Hilfe kommt entweder von Verwandten, Bekannten oder einfach nur von Nachbarn, aber nicht von den verantwortlichen staatlichen Stellen", schreibt eine Leserin aus Griechenland SPIEGEL ONLINE. "Eine Mutter, die mit ihrer Tochter auf der Flucht vor den Flammen war, sollte für eine Übernachtung im Hotel 150 Euro bezahlen. Der Landkreis hatte zwar Räume organisiert, aber niemand wusste Bescheid."
Zahlreiche Familien verloren ihre Existenz: Oliven- und Zitrusbäume wurden ein Opfer der Flammen, Schafe und Ziegen verbrannten. "Alle, alle meine Lieblinge sind weg", sagte eine 70 Jahre alte Frau nahe Zacháro im Westen des Peloponnes und zeigte auf ihren verkohlten Hund, mehrere tote Ziegen und Hühner. "Ich habe nichts mehr in diesem Leben."
Die Kritik an der Regierung ist gewaltig, auch in den Medien: Der Staat habe nicht funktioniert, kommentiert die Zeitung "Ta Nea". "Unfähig", titelte die linksliberale "Eleftherotypia" und veröffentlichte auf der ersten Seite ein Bild von den Zerstörungen in der antiken Stätte von Olympia. Das regierungsnahe Blatt "Eleftheros Typos" forderte dagegen zu "Eintracht und Solidarität" auf.
Die Regierung beschuldigte "Chaoten" oder "eine unbekannte Art von Terroristen", einige Brände vor allem im Raum Athen gelegt zu haben. "Diese Feuer können durchaus auf Bauspekulanten und Brandstifter zurückgehen, die Wald roden wollten, um billiges Bauland zu erschließen", sagte der Deutschland-Korrespondent der Zeitung "Eleftherotypia", Pandelis Valassopoulos, SPIEGEL ONLINE. "Aber für die ebenfalls stark betroffenen Bergregionen macht das keinen Sinn. Wer will denn da bauen?" Er gehe davon aus, dass diese Feuer von Pyromanen gelegt oder durch Unfälle verursacht worden seien, so Valassopoulos.
Am 16. September soll in Griechenland ein neues Parlament gewählt werden. Oppositionsführer Giorgos Papandreou warf der Regierung Versagen vor. Die Zeitung "Kathimerini" schrieb auf ihrer Internetseite, niemand könne einschätzten, wie die Wähler nach diesen "apokalyptischen Bildern" reagieren werden. Der Ministerpräsident versprach allen Geschädigten finanzielle Hilfe.
Vor den Toren der Hauptstadt Athen ist auf dem Berg Hymettos ein neues Feuer ausgebrochen, weniger als zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Der Brand war durch starke Winde angefacht worden. Dank des schnellen Einsatzes von 45 Feuerwehrleuten mit 15 Einsatzfahrzeugen und einem Löschhubschrauber habe das Feuer unter Kontrolle gebracht werden können, erklärten die zuständigen Behörden.
Der heutige Montag gilt als ein "Schlüsseltag" im Kampf gegen die Flammen. "Wir müssen sie heute massiv mit Wasser bombardieren. Wir brauchen endlich einen Erfolg, um den Menschen Mut zu machen", sagte ein Feuerwehrmann. Vielerorts sei die Lage noch außer Kontrolle.
Die Bundeswehr hat am Morgen drei Hubschrauber vom Typ CH-53 in die Unglücksregion entsandt. Wie ein Sprecher des Heeresführungskommandos in Koblenz SPIEGEL ONLINE sagte, verließen die Maschinen des Hubschrauberregiments 25 gegen kurz nach 10 Uhr ihren Stützpunkt im baden-württembergischen Laupheim. Sie würden nach mehreren Zwischenstopps gegen Mitternacht die Militärbasis Elefsis erreichen, etwa 30 Kilometer westlich von Athen, hieß es.
Die Hubschrauber seien mit Wasserbehältern ausgerüstet, die jeweils 5000 Liter fassen könnten, so der Sprecher. Gleichzeitig würden zur Stunde Material, Techniker und "Wechselbesatzungen" für die Helikopter mit Transall-Transportflugzeugen nach Griechenland geflogen. Insgesamt würden 50 Soldaten eingesetzt. "Wir gehen davon aus, dass wir helfen können", sagte der Sprecher. Das Ende der Mission richte sich nach der Entwicklung der Brände.
Bei den Löscharbeiten helfen auch Mitglieder deutscher freiwilliger Feuerwehren. Die sechs Feuerwehrleute sind eigentlich zu einer Ausbildung im Waldbrandeinsatzcamp der Hilfsorganisation Esepa angereist. Morgen sollen die Deutschen mit drei Kollegen aus Österreich und einem aus der Schweiz zu Einsätzen auf den Peloponnes reisen, bestätigte Esepa-Präsident Nikos Sachinidis SPIEGEL ONLINE.
Seine Organisation fördert freiwillige Feuerwehren in Griechenland, wo lange Zeit allein Berufsfeuerwehren existierten. Die Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo das zweigliedrige System etabliert ist, geben im Sommercamp neben der ihrer Waldbrandausbildung Praxiswissen weiter.
Im Rahmen dieser privaten Initiative kommen insgesamt jährlich etwa 150 deutschsprachige Feuerwehrleute während der Hauptwaldbrandsaison nach Griechenland, bleiben jeweils zwei Wochen lang und helfen im Notfall auch bei Löscharbeiten.
Seit 2001 jedes Jahr vor Ort ist Lutz Obermann, 32, freiwilliger Feuerwehrmann aus dem rheinland-pfälzischen Neuwied. Vor zehn Tagen war er noch selbst im Löscheinsatz vor Athen. Er schildert SPIEGEL ONLINE seinen Eindruck so: "Die griechischen Kollegen sind sehr gut ausgebildet, sehr engagiert, obwohl man natürlich merkt, wie sechs Wochen Dauereinsatz an den Menschen zehren."
Obermann findet die Kritik an den Einsatzkräften nicht gerechtfertigt, man müsse die Umstände beachten: "Wenn Löschflugzeuge wegen der Windverhältnisse nicht aufsteigen können, kann daran auch das größte Engagement nichts ändern." Obermann erklärt, er habe als Feuerwehrmann "den größten Respekt" vor der Leistung der griechischen Kollegen. Vor allem angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophe: "So etwas habe ich noch nicht erlebt dort unten."
In Olympia patrouillieren inzwischen sogar Soldaten zum Schutz vor Brandstiftungen. Nachdem ein Großaufgebot der Feuerwehr die antiken Stätten gerettet hatte, hielten 60 Feuerwehrleute und sechs Löschfahrzeuge dort Wache, um neue Brände zu stoppen. Zur Ergreifung der Brandstifter wurden Belohnungen von bis zu einer Million Euro ausgesetzt.
pad/jdl/kon/dpa/Reuters/AP