Feuersbrunst in Australien "Apocalypse, now"
Sydney - Es sollte der perfekte Überlebensplan sein, aber die Feuerfront war schneller. Peter Trapp hatte sich Hochdruck-Gartenschläuche zurechtgelegt und alle Pumpen kontrolliert. Er dachte, er habe genug Wasser. Er dachte, er sei gewappnet gegen das flammende Ungetüm, das sich seit vier Tagen durch die Wälder und Vorstädte von Melbourne frisst.
Aber noch bevor der 41-Jährige aus dem südaustralischen Bundesstaat Victoria überhaupt den Gartenschlauch aufdrehen konnte, stand schon der Vorgarten in Flammen. Trapp ließ alles stehen, rannte über die Straße zum Nachbarhaus, Funken überall, sein T-Shirt hatte längst Feuer gefangen.
"Die Hitze kam von allen Seiten und ich fühlte, wie meine Haut verbrennt", erzählt Trapp, der plötzlich nicht mehr klar denken konnte, nur noch weg wollte. Und während sich die Flammen über seinen Körper fraßen, spukte in seinem Kopf immer wieder dieser eine Satz: "Oh nein, ich werde all diese Narben davontragen."
Ans Überleben, sagte Trapp später dem "Daily Telegraph", habe er nicht gedacht. Peter Trapp aber entkam der Glutwalze. Er ist einer von Tausenden Verletzten, denen die schlimmste Feuertragödie in der Geschichte Australiens alles nahm - bis auf das Leben.
Leichen in Kühlschränken
181 Tote und mehr als 1000 zerstörte Häuser zählte die Polizei im Bundesstaat Victoria bisher. Und Beobachter gehen nun davon aus, dass die Zahl der Opfer auf bis zu 300 steigen könnte. Denn noch immer haben die Ermittler nicht all jene Ortschaften durchkämmt, in denen die verheerenden Buschbrände bereits wüteten.
Mit Mundschutz und Handschuhen suchen Expertentrupps nach Leichen, die sich zwischen verkohlten Trümmern und Aschebergen verbergen - dort, wohin sich die Menschen in ihrer Panik geflüchtet hatten: in Badewannen und Swimmingpools, in hastig geschlagene Löcher unter Bodendielen, manche sogar in Kühlschränke.
Und noch immer rasen Feuer übers ausgedörrte Land, über Steppen und durch Wälder, die sich nach Jahren ohne Regen wie Zunder entfachen. 4250 Feuerwehrleute aus verschiedenen Bundesstaaten kämpften nach Angaben der Country Fire Authority (CFA) am Mittwoch gegen 27 aktive Buschbrände.
Furcht vor neuer Feuerwand
Sollte der Wind drehen, könnten sich drei besonders große Brandkomplexe gar zu einer neuen Mega-Feuerwand zusammenschließen, fürchten die Einsatzleiter. Für zahlreiche, bislang unversehrte Ortschaften hat die CFA gerade akute Warnungen ausgesprochen.
Derart unfassbar ist die Katastrophe, dass Australier im ganzen Land nach Worten ringen. Schlagzeilen wie "Apocalypse, now" oder "Höllenwut" machen die Runde. "Es regnete Feuer", berichten Augenzeugen des Infernos mit bis zu 50 Meter hohen und im Kern bis zu 1000 Grad heißen Flammen.
Marysville, ein historisches Ausflugsörtchen inmitten einst malerischer Eukalyptuswälder, nennen viele nur noch "Ground Zero". Die Feuerfront machte das 519-Einwohner-Städtchen fast vollständig dem Erdboden gleich. 15 Tote bargen die Einsatzkräfte bisher, aber das ganze Ausmaß des Grauens ist noch nicht erfasst. Bis zu 100 Opfer sollen weiterhin in der völlig ausgebrannten Ortschaft liegen - jeder Fünfte in Marysville wäre somit ums Leben gekommen.
"Sie schlugen mit den Fäusten gegen unser Löschfahrzeug"
Feuerwehrmann John Munday steht unter Schock. Am Samstagabend kurz vor 18 Uhr Ortszeit hatte sein Löschteam den kleinen Ort erreicht, zu spät, um noch etwas ausrichten zu können. Binnen zehn Minuten war die Feuerfront über sie hinweggefegt; Munday und seinen Kollegen blieb gerade noch so viel Zeit, die eigene Haut zu retten.
"Menschen schlugen mit den Fäusten gegen unser Löschfahrzeug. Wir sollten umkehren zu den Häusern, wo noch Leute eingeschlossen waren. Wir konnten nicht, sonst wären wir jetzt auch tot", berichtete Munday der Zeitung "The Australian".
Während er selbst im sicheren Löschwagen saß, explodierten um ihn herum die Eukalyptusbäume, barsten kreischend die Gas-Tanks angrenzender Häuser, fraß sich das Feuer durch die Nachbarschaft. "Da liefen Kinder die Straße runter mit Flammen im Rücken. Es war die Hölle. Ich will nie wieder dorthin. Nie wieder."
In vielen Gemeinden hat das Rote Kreuz Pinnwände aufgestellt, damit Überlebende ihren Angehörigen Nachrichten hinterlassen können. "Bitte melde Dich" steht auf gelben Post-It-Zetteln. Und in den Zeltlagern, die das Militär für die Tausenden von Obdachlosen errichtet hat, kursieren die Geschichten derer, die der Feuersbrunst widerstanden haben.
Wie Alan Mitchell in Steels Creek, dem beim Versuch, sein Haus zu schützen, das Wasser ausging und der im roten Funkenregen geistesgegenwärtig seine letzten Biervorräte über Hab und Gut goss. Nur einen Moment lang habe er überlegt, ob er das Bier nicht lieber trinken und sich seinem Schicksal ergeben solle, erzählt Mitchell später mit Galgenhumor.
Viele seiner Nachbarn schafften es nicht. Sie waren im Auto umgekommen, weil sie sich für die Flucht entschieden hatten. Im dichten schwarzen Smog aber verloren sie die Orientierung, prallten gegen Bäume oder andere Fahrzeuge. Andere mussten zusehen, wie ihre Autos unter den blitzartig herannahenden Flammen einfach wegschmolzen: erst der Lack, dann die Reifen, schließlich das Glas der Fensterscheiben.
Mehr als 1000 Häuser vernichtet, 5000 Menschen obdachlos
Für einen Moment hat es sich abgekühlt in Melbourne, am Mittwochmorgen hat es leicht genieselt. Trotzdem könnte es noch Wochen dauern, bis alle Brände restlos gelöscht sind, sagt die Feuerwehr in Victoria. Ihre Kollegen im Bundesstaat New South Wales haben bereits angeregt, einen SMS-Service einzurichten, um Anwohner künftig schneller vor Buschbränden zu warnen.
In den beiden schwer betroffenen Ortschaften Kinglake und St. Andrews aber hätte dies wenig genützt: Die Brände hatten beide Städtchen noch vor den Radiowarnungen ausradiert.
Die ersten Bewohner kehren nun wieder nach Kinglake zurück. Von ihren Häusern und ihrem Hab und Gut ist nur ein Haufen Asche übriggeblieben. "Wo fängt man an? Wo fängt man an?" sagte Peter Denson vor den Ruinen seines Hauses. Mindestens 39 Menschen kamen hier in den Flammen ums Leben.
Die Behörden hatten betroffene Orte wie Kinglake bislang gesperrt, weil zuerst noch die Leichen aus den zerstörten Häusern geborgen und die Ermittlungen abgeschlossen werden sollten. Der Regierungschef des Staates Victoria, John Brumby, zeigte sich besorgt über die möglichen emotionalen Reaktionen der Rückkehrer auf die Zerstörung. Mehr als 1000 Häuser wurden von den Flammen vernichtet, rund 5000 Menschen sind obdachlos.
Für das Wochenende erwarten Meteorologen wieder höhere Temperaturen.