Feuerwahlkampf in Griechenland Regierung will Brandstifter wie Terroristen jagen
Athen - Die Regierung von Ministerpräsident Kostas Karamanlis steht unter Druck. Einer neuen, im Fernsehen veröffentlichten Umfrage zufolge liegen die oppositionellen Sozialisten nur noch 0,8 Prozentpunkte hinter der konservativen "Neuen Demokratie". Vor Beginn der Feuersbrunst, bei der mehr als 60 Menschen starben und eine Fläche vom doppelten Umfang Berlins vernichtet wurde, hatte der Abstand zwischen den Parteien noch knapp eineinhalb Prozentpunkte betragen.
Wie weiland Gerhard Schröder in Gummistiefeln durch das vom Hochwasser verwüstete sächsische Grimma stapfte, stattete auch Karamanlis den ersten von der Katastrophe betroffenen Gebieten einen Besuch ab - und tat, was Regierungschefs in Situationen wie diesen tun: Er sicherte den Opfern Hilfe zu und suchte nach der Tragödie angemessenen, staatstragenden Worten. "Wir Griechen müssen jetzt zusammenstehen", sagte Karamanlis. "Wie in der Vergangenheit müssen wir zeigen, dass wir eine gemeinsame Seele haben, dass wir eine Faust zeigen im Angesicht einer landesweiten Krise."
Gegen Versagensvorwürfe der Opposition verteidigte sich die Regierung: Man habe nicht schnell genug reagieren können, weil die Feuer von organisierten Brandstiftern gelegt worden seien. "Das kann kein Zufall sein", sagte Regierungssprecher Theodore Roussopoulos.
Die Regierung sah bereits am Sonntagabend Chaoten oder eine unbekannte Art von Terroristen als Drahtzieher einiger Brände vor allem im Raum Athen. Vyron Polydoras, Minister für Öffentliche Ordnung, sprach von einer Art "asymetrischen Bedrohung" - ohne zu sagen, wer dahinter stehen könnte. Bei der Suche nach den Brandstiftern würden der Geheimdienst und eine Anti-Terror-Einheit die Polizei unterstützen.
Es gebe etliche Hinweise auf Brandstiftung wie Zeugenaussagen und Beweismittel, die weitere Untersuchungen erforderten, erklärte Polydoras. Ein leitender Staatsanwalt ordnete inzwischen eine Untersuchung an, ob das vorsätzliche Entfachen eines Waldbrands als terroristischer Akt oder organisiertes Verbrechen eingestuft werden könne. Dies würde den Behörden mehr Befugnisse für Ermittlungen und Festnahmen geben.
Gebiete von der Fläche Luxemburgs verbrannt
Die Waldbrände, die seit Freitag im Süden des Landes wüten, haben nach vorläufigen Berechnungen von EU-Experten eine Fläche von der doppelten Größe Berlins vernichtet. Insgesamt wurde in diesem Sommer in Griechenland eine Fläche von insgesamt knapp 2690 Quadratkilometern durch Feuer zerstört. Das ist etwas mehr als Fläche Luxemburgs.
Und es brennt immer noch: Von Evros im Norden über die Inseln Korfu und Kefalonia im Westen bis zur Halbinsel Peloponnes im Süden - überall stehen Kiefernwälder in Flammen. Die Brände haben ganze Landstriche zu menschenleeren Ödnissen gemacht und mindestens 63 Menschen das Leben gekostet.
Mehrere hundert Menschen hatten am Montagabend in der Hauptstadt Athen gegen die Unfähigkeit der Politik demonstriert, mit der Katastrophe fertig zu werden. "Diese Regierung hat sich als total unfähig erwiesen. Wie alle Krisen ihrer vierjährigen Amtszeit hat sie auch diese nicht gemeistert", kritisierte Sozialistenchef George Papandreou.
Ruf nach Ursachenforschung
Der Ruf nach einer Klärung der Ursachen wird immer lauter. Fahrlässigkeit, Grundstücksspekulation und mangelndes ökologisches Bewusstsein gelten als Faktoren, die der Katastrophe den Weg bereiteten.
Der Direktor von Greenpeace Griechenland, Nikos Haralambidis, fordert Maßnahmen zur Erneuerung der ländlichen Wirtschaft. "Sonst werden Tausende Menschen als Umweltflüchtlinge in die Städte ziehen", warnt Haralambidis. "Etwa 110 Dörfer sind völlig zerstört, zusammen mit der Ernte, Olivenplantagen und Vieh." Die eine Katastrophe könnte zudem schon den Keim für die nächste in sich tragen. Die verbrannten Gebiete sind der Erosion durch Regen und Wind schutzlos ausgesetzt. Die Folge könnten einmal gewaltige Erdrutsche sein.
Forscher hatten bereits vor einem Jahr angesichts einer starken Zunahme der Waldbrände in den USA vor einem Teufelskreis gewarnt: Je mehr Bäume verbrennen, desto weniger Kohlendioxid wird demnach absorbiert - und die Erde erhitzt sich immer schneller, was wiederum die Zahl der Feuersbrünste steigen lässt.
Nach Einschätzung von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie trägt die Landflucht in vielen Regionen Südeuropas zu den massiven Waldbränden bei. "Das Land liegt brach, wächst zu und verbuscht", sagte Johann Goldammer von der Arbeitsgruppe für Feuerökologie in Freiburg. Da ländliche Regionen weniger bewirtschaftet werden, gebe es mehr brennbares Material im Wald. Dies habe auch weltweite Auswirkungen. Weniger Wälder nähmen auch weniger Kohlendioxid auf. "Wenn wir diese Wälder verlieren, ist dies ein Nettobeitrag zum Treibhauseffekt." Um Flächen zu erhalten, müssten Gewinne aus der Forstwirtschaft häufiger zu deren Schutz eingesetzt werden.
Bodenspekulation als Motiv für Brandstifter
Als Motiv der Brandstifter in Griechenland gilt die Bodenspekulation. Die Erschließung von neuem Bauland durch Brandstiftung sei vor allem dort zu beobachten, wo die Immobilienpreise hoch seien - etwa in den Küstenregionen oder in der Umgebung von Athen, sagte Theodota Nantsou vom griechischen Zweig der Umweltorganisation WWF. "Jeder kann dann bauen und die Beamten der Forstbehörde oder des Planungsamts bestechen", sagt Nantsou. "Schließlich holt man sich einen Notar, der die Sache dann juristisch absichert." Wenn erst einmal ein Haus auf dem Grundstück gebaut sei, werde es kaum wieder abgerissen.
Die Vereinigung von Immobilienmaklern in Athen schließt sich dieser Analyse an und empfiehlt deshalb die Einrichtung eines nationalen Waldregisters. "Es ist jetzt ziemlich spät, aber der Staat sollte die betroffenen Gebiete sofort wieder aufforsten, in eine Karte eintragen und ohne weiteren Aufschub ein Waldregister erstellen", sagt Verbandspräsident Yiannis Revythis. Wenn ein Stück Land erst einmal offiziell als Waldgebiet ausgewiesen sei, werde es auch nicht in Brand gesetzt. Schließlich wäre es auch nach einem Brand weiter als Waldgebiet registriert.
Auf der Halbinsel Peloponnes aber ist die Bodenspekulation als Motiv für Brandstiftung eher unwahrscheinlich. "Die betroffenen Gebiete sind keine vorrangigen Regionen für die Landentwicklung", sagt der Forstexperte Nikos Bokaris. "Das sind Bergregionen, in denen die Bodenpreise nicht besonders hoch sind." Was auch immer im Einzelfall die Ursachen und Motive sind - für die kommenden Generationen sind die verbrannten Wälder ein bedrückendes Erbe. "Neben den ökologischen Konsequenzen haben diese Brände auch eine irreparable soziale und wirtschaftliche Katastrophe verursacht", sagt Bokaris.
Seit Freitag haben die Behörden elf Personen wegen des Verdachts der Brandstiftung verhaftet. Unter ihnen ist ein älterer Mann, dem vorgeworfen wird, ein Feuer gelegt zu haben, in dem sechs Menschen umkamen. Ein anderer Mann soll seine brennende Zigarette achtlos weggeworfen haben. Und eine Großmutter muss sich gegen den Vorwurf verantworten, beim Kochen im Hof einen ausgedehnten Waldbrand verursacht zu haben. Für Hinweise auf Brandstifter hat die Regierung Belohnungen bis zu einer Million Euro ausgesetzt.
pad/AP/dpa/Reuters