Fußballabend: 1:1 im Irish Pub
EM-Abend im Irish Pub Go! Go! Go!
Hamburg - "Hey, ist das da dein Freund?", fragt Barkeeper Richard Canning. "Nein, nur ein Kollege", sagt die junge Frau, die an der Theke auf ihren Cider wartet. Canning zwinkert. Die Frau muss grinsen. Der 48-Jährige ist auf Anhieb mit jedem im Gespräch. Schlank und groß, die dunklen Haare leicht verschwitzt, steht Canning hinter der Theke und zapft Bier um Bier - immer mit einem Lächeln. "Das Schönste ist, dass man jeden Tag neue Menschen kennenlernt", sagt er.
Auf den Leinwänden und Fernsehbildschirmen im Irish Pub Finnegan's Wake läuft das EM-Vorrundenspiel Frankreich gegen England. Die Zuschauer in den englischen Trikots sind klar in der Überzahl. Es ist stickig und feucht. Auf der Leinwand erscheint die Anzeige: "The Projector is overheated." Doch die Übertragung läuft weiter.
Ein Auge ständig auf das Spiel gerichtet, drängen die Fußballfans an die Theke - bis schließlich fast jeder ein halbes Pint in den Händen hält. 180 Liter gehen in den zwei Stunden während des Spiels über die Ladentheke, schätzt Canning.
Der gebürtige Neuseeländer ist rumgekommen: In Sydney und London arbeitete er in Pubs, auf den Fidschi-Inseln in einer Beach Bar. "Aber da war es mir einfach zu heiß. Da musste ich wieder weg", sagt Canning. Seit 2003 ist der 48-Jährige in Hamburg. "Ich habe eine wundervolle deutsche Frau kennengelernt", sagt er, "und sieben Jahre später wurde ich wieder geschieden". In Hamburg ist er trotzdem geblieben.
Der 48-Jährige liebt es, während der Fußballspiele zu arbeiten, er ist die rechte Hand von Pub-Besitzer John Kerr. Die Kneipe, die es seit 18 Jahren gibt, steht während der ersten EM-Woche unter Cannings Verantwortung - der Chef ist in Polen, um die irischen Spiele zu sehen. Canning ist ebenso sportverrückt: In Neuseeland hat er selbst Fußball und Rugby gespielt. In seinem Heimatort Invercargill gab es allein sieben Fußballvereine. Canning hat dort in der örtlichen zweiten Liga gespielt - "aber nicht so gut".
"Die Engländer haben Angst vor uns"
Jetzt schaut er lieber den Profis zu, wenn er Zeit findet. Denn während alle Besucher Franck Ribéry und John Terry beim Passen und Flanken zuschauen, muss Canning Bestellungen entgegennehmen, zapfen, abkassieren, in die Küche rennen und sich den Weg durch die Menge bahnen. "Die Atmosphäre bei uns ist einfach klasse. Probleme gibt es nie. Wir sind alle Freunde", sagt Canning. "Bei uns ist jede Nation willkommen."
EM-Gruppe D: Ribéry und Co. gehen gegen England die Ideen aus
Die 52-jährige Lorraine Leeson aus Manchester und ihre Kollegin Margarete Ygge aus Göteborg kommen regelmäßig, um sich Fußballspiele anzusehen. Beide arbeiten im Kunden-Service der Reederei Hamburg Süd. Bei der EM wird ihre Freundschaft allerdings auf die Probe gestellt - England und Schweden spielen in einer Gruppe. "Solange England weiterkommt, verstehen wir uns weiterhin ", sagt Leeson und lacht.
Inmitten der England-Fans mit dem Three-Lions-Logo auf der Brust stehen zwei Männer in einem blauen Trikot: Der 25-jährige Thomas Demoulinger aus Lothringen und der 24-jährige Guillaume Meyer aus Mulhouse. Die beiden Wirtschaftsingenieure glauben an ihr französisches Team. "Die Engländer haben Angst vor uns." Ein England-Fan widerspricht sofort. "Go! Go! Go!" werden die "Three Lions" angefeuert. Doch alles Mitfiebern, Applaudieren und die guten Zurufe haben am Ende nichts gebracht - das Spiel endete 1:1.
Canning findet das Ergebnis gerechtfertigt und freut sich eher an der guten Stimmung in seinem Pub. "Ich bin eigentlich gelernter Bankkaufmann, aber ich könnte mir nie vorstellen, in diesen Beruf zurückzukehren. Ich war so gelangweilt", sagt er. Dann habe er sich an seinen alten Erdkundelehrer erinnert, der ihm geraten hatte: "Wenn du was von der Welt lernen willst, dann bereise sie."
In Hamburg ist er nun offenbar angekommen. "Hier haben die Leute Respekt voreinander - im richtigen Leben und im Fußball", sagt er. Nur die deutsche Spielweise, die mag er nicht. "Es sieht einfach immer aus wie ein langweiliges Schachspiel."