EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Fisherman's Feind
Bob van Lawick ist nicht der Typ, der viel redet, und wenn er erzählen soll, wie er damals diesen Hai gefangen hat, dann macht er es so kurz wie möglich: »Das war nichts Besonderes«, sagt er, »ich fange hier andauernd Haie.«
Bob wohnt an der Ostküste Australiens, etwa 120 Kilometer nördlich von Sydney. Er ist jetzt 60, ein ehemaliger Marine-Offizier, und sein Boot hat er »Grumpy I« genannt. Grumpy heißt so viel wie »bärbeißig, mürrisch«, und »grumpy« ist eine ziemlich präzise Beschreibung für ihn.
Seit ein paar Jahren führt Bob van Lawick als zweiter Vorsitzender den Lake Macquarie Game Fishing Club - es ginge gewissermaßen gegen seine Clubehre als Sportangler, wenn er nicht andauernd Haie fangen würde.
Aber dieser eine, der Tigerhai von Ende April, der war etwas Besonderes, oder? »Nee«, sagt Bob. »Drei Meter lang, 369 Kilo schwer. Ich hatte schon größere und ich hatte schon kleinere.«
Die kleineren dürfen zurück ins Meer. Sie kriegen eine Markierung angeheftet, mit Größenangaben, Datum und Fangort - Daten für die Wissenschaft. Und die größeren? »Die töte ich«, sagt er. »Den Tigerhai haben wir damals auch getötet.«
Damals, das war der 20. April, ein Herbsttag in Australien. Morgens um 6.45 Uhr verlässt die sieben Meter lange »Grumpy I« ihren Liegeplatz am Blacksmith Beach. Mit an Bord sind Lawicks Sohn Nicholas, 35, ein Freund aus dem Angelclub sowie Robert Brown, Bobs Nachbar. Mr. Brown hat noch nie einen großen Fisch gefangen.
Gegen neun Uhr driftet die »Grumpy I« rund 25 nautische Meilen vor der Küste über dem Rand des Festlandsockels. Hier ist Hai-Gebiet. Die Mannschaft wirft Köder aus: Ein Tunfischkopf, schön blutig, soll die Räuber anlocken.
Der Sport beim Sportangeln besteht darin, mit einer möglichst dünnen Schnur einen möglichst dicken Fisch zu fangen. Robert Brown hat eine Zehn-Kilogramm-Schnur ins Wasser gehängt - wenn der Zug zehn Kilogramm übersteigt, würde die Schnur reißen. Allein der Tunfischkopf wiegt schon vier.
Gegen 13.50 Uhr beißt der Tigerhai zu. Robert Brown hat 369 Kilo an seiner Zehn-Kilogramm-Schnur.
Tigerhaie gelten als Allesfresser, als Müllschlucker der Meere. Ihr Gebissraum ist vernarbt von all dem Unzerkaubaren, auf dem sie herumgebissen haben. Im Magen von Tigerhaien hat man schon Autobatterien gefunden.
Tigerhaie sind keine geborenen Jäger. Sie nehmen auch Aas.
Robert Browns Angel ist so eingestellt, dass sie Schnur freigibt, falls der Zug zu groß wird. Wenn der Fisch näher kommt, rollt die Schnur wieder auf. Der Hai soll sich müde schwimmen.
Nach mehr als zweieinhalb Stunden Kampf ist es so weit. Die Fischer nehmen den Hai auf einen Eisenhaken und ziehen ihn an Deck. Am Bauch fällt ihnen eine seltsame Ausbuchtung auf.
Vom Liegeplatz der »Grumpy I« am Blacksmith Beach sind es nur ein paar Meter bis zu Bobs Garage. Dort wollen sie den Hai aufschneiden. Nicholas van Lawick, der Sohn, führt das Messer: Ein gleichmäßiger Schnitt von den Kiemen bis zur Schwanzflosse, genau über die mysteriöse Beule am Bauch hinweg.
Als Erstes ploppt ein Walknochen heraus, im gleichen Augenblick erfüllt ein furchtbarer Gestank die Garage.
An der Schnittstelle hängt nun ein großes, undefinierbares Fleischstück fest, einer der vier zieht es heraus, und dann flutscht es noch zweimal - auf dem Boden der Garage liegen ein Menschenarm und ein Schädel.
»Sah nicht schön aus«, sagt Bob van Lawick in seiner knappen Art. Robert Brown, der eben noch stolz war auf den ersten Hai seines Lebens, übergibt sich. Bob ruft die Polizei.
Am nächsten Tag untersuchen Ärzte in der Gerichtsmedizin des nahen Städtchens Newcastle den Schädel, den Arm, ein Stück Rückgrat, einen Beckenknochen, ein paar Rippen sowie Kleidungsreste. Die Polizei nimmt sich die Akten ungeklärter Todesfälle vor - gut möglich, dass es sich bei dem Toten um ein Mordopfer handelt.
Die Mediziner finden schnell heraus: Der Tote ist ein Mann, etwa 50 Jahre alt. Er war schon tot, als der Hai ihn fraß.
Zwei Tage später liest der 23-jährige Young Lee in Sydney die Nachricht in der Zeitung: »Fischer finden Knochen in Menschenfresserhai.« Instinktiv weiß Lee in diesem Moment, dass sie seinen Vater gefunden haben. »Ich spürte das ganz deutlich«, sagt er.
Zwei Wochen lang war sein Vater vermisst: Kang Suk Lee, Einwanderer aus Korea, Stahlarbeiter, vor 14 Jahren nach Sydney gekommen, 52 Jahre alt. Er war, wie so oft, zum Fischen gefahren, an einen Strand 90 Kilometer südlich von Sydney. Dort, wo Sandstrand und Felsen sich abwechseln, stand er immer mit seiner Angel auf den feuchten Steinen. Gewöhnlich ging er auf Zackenbarsche und kleine Rochen. Rochen sind übrigens eng mit den Haien verwandt.
Wahrscheinlich ist Kang Suk Lee ausgerutscht und ins Meer gestürzt. Auch gute Schwimmer werden hier von der Strömung unter den Felsen gedrückt. Schätzungsweise trieb er zehn Tage im Wasser, bevor der Tigerhai ihn fand, fraß und 210 Kilometer schwamm, um seinen eigenen Tod zu finden.
Young Lee muss sich die Überreste seines Vaters nicht ansehen. Der Schädel ist gut genug erhalten, um Kang Suk Lee anhand der Akte seines Zahnarztes zu identifizieren. »Ich war nur froh, dass die Ungewissheit vorbei war«, sagt der Sohn heute. »Und dass wir etwas zum Beerdigen hatten.« ANSBERT KNEIP