Fleischverarbeitungsmaschine
So ein gut aussehender Mann. Dass der das nötig hat? Stets tief gebräunt im Gesicht, die Mundfalten sorgfältig drapiert, das dunkle Haar fließt in glänzenden Wellen nach hinten. Diese raumgreifende Stimme. Und jener leidend-eitle Blick, den Menschen der Welt entgegenbringen, für die sie eigentlich viel zu schön und edel sind. Dass der das nötig hat, einen Zuhälter zu verteidigen?
Er tut es. Der Berliner Rechtsanwalt Klaus Gedat verteidigt im Moabiter Landgericht den Angeklagten Borys B., genannt »Borja«. Vorgeworfen werden ihm und seinen Gehilfen Mariusz M. und Krzysztof M. schwerer Menschenhandel, Urkundenfälschung, gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern und Nötigung. Einer ihrer Kunden war Michel Friedman.
Mit dem Rollkragenpulli, dem Cordjackett und der Brille sieht Borja, Klaus Gedats Mandant, so aus wie ein Anglistiktutor. Aber die Frauen glaubten Borja, wenn er sagte: »Sonst vergrab ich dich im Wald.« »Drohung mit einem empfindlichen Übel« nennt es die Staatsanwältin.
In ihrer Anklageschrift steht, dass die Frauen als Haushaltshilfen oder zur Ernte angeworben worden seien. Die später als »naturgeil« umetikettierten und mit Telefonnummern versehenen Ukrainerinnen sind in Taxis quer durch Polen an die Oder transportiert worden, bei Gubin durch den Fluss getrieben und am anderen Ufer von Borys B. und Mariusz M. im Opel Kadett abgeholt worden. Eine war noch so jung, dass sie nur ihren Kinderausweis dabei hatte.
»Beruf?«, hat der Richter gefragt.
»Fleischverarbeitungsmaschinenmeister«, hat Mariusz M. geantwortet.
Borys B. ist kein Großhändler. Er arbeitete en détail, fuhr selbst zur Warenannahme, kümmerte sich um die Bilanzen und die Abrechnungen. Die Frauen sollen 3000 Euro für die falschen polnischen Pässe gezahlt beziehungsweise abbezahlt haben müssen. Von 75 Euro Stundenlohn sollen sie ein Drittel bekommen haben. Einen »paritätischen Anteil« hat das Borys' Verteidiger gegenüber der »Bild«-Zeitung genannt. Kein Freier durfte ihnen zu schmutzig und zu eklig sein. Bei mehreren Buchungen gab es offenbar Rabatt. Ihr Handwerkszeug, Handschellen oder Peitsche, mussten sie sich wohl selbst besorgen.
Krzysztof M. und Mariusz M. sitzen stumpf neben ihrem Chef und ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als regnete es. Keiner von ihnen schaut auf die Bank gegenüber.
Wie Rachegöttinnen sitzen dort die Rechtsanwältinnen der verschleppten Frauen. Sie sind aus Überzeugung hier. Man kann ihnen nichts vormachen und Mann schon gar nicht. In ihren Köpfen ist das Wissen um die gute Sache, in ihren Blicken Verachtung, in ihren Akten liegt die Liste.
Es ist die Liste der 3875 abgehörten Telefonanrufe, die von den »BZ«-Anzeigen »Ukrainische Nymphen« und »Neu! Naturgeile Ukrainerinnen 24h« angelockt worden waren. Darunter seien, so heißt es, auch Nummern aus dem Bundestag, Namen von Prominenten. »Sämtliche Telefonnummern sind mit den dazugehörigen Fotos aufgelistet. Die sind Ihnen ausgehändigt worden«, hat die Staatsanwältin gesagt und erklärend hinzugefügt: »Das sind so kleine Männlein.« Eines ließ sich Paolo Pinkel nennen.
Der erste Zeuge ist ein junger Mann im Jeansanzug, mit langen gegelten Haaren: »Ich bin Kriminalbeamter«, sagt er. Dann berichtet er, wie dem Bordell »Blechtrommel« in Steglitz die Frauen ausgingen - »die wollten nicht, die hatten keine Lust, sag ich mal« - und wie dann »die Firma von Borys B.« aushelfen musste: »Die riefen in der Ukraine an und bestellten neue Fernseher, zur Begutachtung in Polen.« Das sei das Codewort gewesen.
Einmal habe ein Stammfreier, der verliebte Herr Pf. aus Spandau, »eine der Frauen kaufen« wollen. Borys B. sei persönlich zur Preisverhandlung zum Flughafen Tegel gefahren.
Dass die verkaufte Frau Ewa öfters in eine Luxussuite im Hotel Interconti bestellt worden war, zu dem sehr eleganten und immer tief gebräunten Michel Friedman, dass ihr dort, wie sie später versichern würde, Kokain angeboten worden sei - all das spielte bei den Preisverhandlungen offenbar keine Rolle, weswegen man sich schließlich auf eine Kaufsumme von 25 000 Euro in bar einigte. Borys B. brauchte ein neues Auto.
Klaus Gedat, der in diesem Verfahren so verwirrend anders aussehende, der so sehr dem unsichtbaren, doch allgegenwärtigen Michel Friedman ähnelnde Anwalt, ergreift zuletzt das Wort. Er befragt den Zeugen über die Betreuung der aussagewilligen Frauen. Sie blieben in der Regel vier Wochen bei einer Hilfsorganisation. Dann erst seien sie psychisch in der Lage, gegen ihre Zuhälter auszusagen. Gedat erscheint das sonderbar: »Sagen Sie mal - wird hier Gehirnwäsche betrieben?!«
Er hat sich über den Verteidigertisch gebeugt, die Nase nach vorn gereckt, als wollte er an dem Zeugen schnuppern, und stößt seinen Worten den Zeigefinger hinterher. Eine gekonnte, eine perfekte Talkshow-Geste.
Bis vor kurzem hat man sie noch ernst genommen. ALEXANDER SMOLTCZYK