Fliegen in Pakistan Der Fluch der Mangos
Islamabad - Im Süden der pakistanischen Provinz Pandschab erstreckt sich am Indus und an dessen großem Nebenfluss Sutlej ein Meer exotischer Bäume. Ihre Kronen sind halbkugelförmig und ähneln damit Sonnenschirmen aus der deutschen Kaiserzeit. Es sind Mangobäume, die hier Schatten spenden. Ihre Früchte sind das beliebteste Frischobst Pakistans, und Mangosaft ist als Dosen-Softdrink überall zu haben. Das Fruchtfleisch wird aber auch zu Marmelade und dem berühmten Mango-Chutney verarbeitet, der Beigabe zu Curry-Gerichten aller Art.
Umso erstaunlicher ist nun, dass die leckeren Früchte im Verdacht stehen, die Ursache beim Absturz eines Passagierflugzeugs der staatlichen Gesellschaft Pakistan International Airlines (PIA) zu sein. Die Maschine hatte am Montag voriger Woche kurz nach dem Start in der Mango-Metropole Multan an Höhe verloren und zerschellte auf einem Feld. 41 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
Die fast vollbesetzte Maschine war womöglich überladen, weil einige der Passagiere Kisten mit an Bord nahmen, die randvoll mit Mangos waren, spekuliert die Tageszeitung "Dawn". Bei Flügen von Multan aus sei das "alltägliche Praxis". Den Mango-Bauern geht es darum, die leicht verderbliche Ware schnell an den Zielort - in diesem Fall die Millionenstadt Lahore - und dort zum Verkauf zu bringen.
Das englischsprachige Blatt "The News" notierte gar, dass sich "Hunderte" Mango-Kartons, Luftfracht offenbar, an Bord befunden hätten - ein schweres Handicap für eine zweimotorige Maschine, die bei großer Hitze und damit auch weniger Auftrieb starten musste.
Experten des Triebwerkherstellers Rolls Royce untersuchen derzeit einen Motor der Fokker-27, dem es jedenfalls an Leistung fehlte. Das aber beflügelt Kritiker nur noch mehr, die wegen des Unfalls kein gutes Haar an der Staatslinie und ihren Fokker-27 lassen. Denn immerhin stürzten seit 1970 fünf der Maschinen über den Wüsten und in den Gebirgen des islamischen Halbmond-Landes ab - und eine davon, die mit 54 Menschen besetzt war, blieb bis heute verschwunden. Sie war auf dem Flugfeld von Gilgit gestartet, dem Handelszentrum am berühmten Karakorum Highway, und verirrte sich vermutlich in das gewaltige Massiv des Nanga Parbat (8127 Meter), das wie ein Bollwerk nahe der Flugroute nach Islamabad aufragt.
Seitdem und nach vielen anderen Zwischenfällen deuten PIA-Passagiere das Kürzel ihrer Airline anders, als es diese gerne hätte. "Please inform Allah", scherzen vor dem Einsteigen ausländische und pakistanische Fluggäste. Wie eine Retourkutsche mutet da an, dass vor dem Start von PIA-Maschinen eine Sure des Korans durch die Lautsprecher schallt, um die Fluggäste zur meditativen Konzentration zu zwingen. Und vor dem Flugziel wird auf die gleiche Weise angekündigt, man werde - "Inschallah" (zu Deutsch: "So Gott will") - bald landen.
Die Maschine zitterte "wie ein alter Mann mit Parkinson"
Den Piloten freilich vertrauen die Passagiere blind. Sie sind erfahren und mit Routen vertraut, die zu den schwierigsten der Welt gehören. Als junge Flugzeugführer erlernten die meisten das Handwerk beim Militär und bei anspruchsvollen Flügen in den Gebirgen des Nordens, wo die Gipfel im Normalfall fast bis an die Flugzeuge heranreichen und manchmal sogar durch Schluchten eine Piste angesteuert werden muss.
Doch erst der Crash von Multan weckte grundsätzliche Zweifel daran, ob die Fokker-27 noch lufttüchtig seien. Denn das Unglücksflugzeug war, wie alle Maschinen dieses PIA-Typs, ein betagter Veteran. Bereits 1979 wurde er in Dienst gestellt - ein Schicksalsjahr für Pakistan, in dem im benachbarten Afghanistan die sowjetische Armee einrückte und in Islamabad General Zia ul-Haq die Macht übernahm. Der bigotte Zia schuf ein Weltproblem, indem er Koranschulen förderte, aus denen später wiederum die Taliban hervorgingen.
In Wirklichkeit aber war die Maschine von Multan sogar schon 42 Jahre alt. Sie war, wie sich nun herausstellte, 1964 in den Niederlanden gebaut worden und zeigte zuletzt verdächtige technische Gebrechen. Ende Juni etwa waren auf der Bergpiste von Chitral beide Triebwerke kurz nach dem Anlassen ausgefallen, und kurz davor widerfuhr das gleiche einem der beiden Propeller.
Seine PIA-Fokker habe während des Reiseflugs "gezittert wie ein alter Mann mit einem schweren Fall von Parkinson", höhnte ein Vielflieger, der Ex-Abgeordnete Shafqat Mahmood aus Lahore. Mahmood: "Schon vor Jahren hätte man sie stilllegen müssen." Da half auch der Hinweis der PIA-Führung nicht, wonach in der Welt noch 450 Fokker-27 in Betrieb seien - und das auch bei der pakistanischen Marine und Luftwaffe. Die freilich verlor vor drei Jahren gleichfalls eine ihrer Fokker-27, wobei der Chef der Luftwaffe und dessen Frau den Tod fanden.
Nun aber ist das Ende der formschönen Hochdecker mit der langen Nase und dem stolzen Leitwerk gekommen. Präsident Pervez Musharraf hat einen Untersuchungsbericht zu dem Multan-Unfall angefordert. Und Musharrafs Kabinett ordnete an, die letzten sieben PIA-Fokker ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Die Flotte soll nun mit ATR-42-Flugzeugen aus französisch-italienischer Herstellung modernisiert werden.
Für einige der ausrangierten Veteranen soll es aber doch noch eine weitere Verwendung geben - als Frachtflugzeuge. Mangofrüchte könnten dann tonnenweise mit ihnen befördert werden.