Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.
Das Schöne am Fliegen mit der Familie: Unter-Zweijährige reisen kostenlos. Die Eltern bezahlen trotzdem. Mit geschundenen Nerven und einem irre schlechten Gewissen gegenüber allen Mitreisenden.
Ich habe auch noch keinen Unter-Zweijährigen getroffen, der dieses Privileg, umsonst um die Welt fliegen zu können, genossen hätte.
Im Gegenteil.
Als ich mit Jana - damals noch ohne Kinder - mehr als 36 Stunden nach Neuseeland flog, begleitete uns ein junges Paar in der Economy-Class samt einjähriger Tochter. Schon beim Start war die offenbar nicht mit dem Flugstil des Kapitäns einverstanden und machte ihrem Unmut Luft. Das änderte sich auch in den folgenden 36 Stunden nicht, von ein paar - kurzen - Schlafpausen abgesehen. Am Ende war die Einjährige heiser und der Rotwein in der Economy Class vergriffen.
Es ist ja auch erschreckend: eingesperrt, mit Gurten fixiert in einer Aluminiumröhre, die mit 800 Kilometern in der Stunde über den Wolken dahinrast, 10.000 Meter über dem Erdboden, angetrieben von 350.000 Litern brennbarem Treibstoff.
Vielleicht sind Unter-Zweijährige schlicht die einzigen, die den Wahnwitz des modernen Flugverkehrs wirklich begreifen. Wir Erwachsenen sind einfach zu abgelenkt vom Bordprogramm und Tomatensaft mit Pfeffer. Was nicht hilft, wenn man als Elternteil selbst einen dieser Unter-Zweijährigen auf dem Schoß sitzen hat. So wie ich schließlich auf einem Flug nach Wien vor zwei Jahren.
Schreien, wüten, um sich schlagen
Es war Sommer und es war zum Verzweifeln. Frederik war damals anderthalb. Es ist nicht so, dass wir uns nicht vorbereitet hatten - gegen den berüchtigten Druck auf den Ohren hilft ja vor allem kauen, schlucken und ablenken: Also hielten wir drei Milchfläschchen, Kekse, Spielzeug und Kinderfilme auf dem iPad bereit. Aber das Flugzeug hob ab - und Frederik drehte auf. Das volle Programm: schreien, wüten, um sich schlagen.
Zeit ist ja relativ und an den Raum gekoppelt. Würden Astronauten in einer Rakete mit konstanter Beschleunigung nach Wien reisen (mit einem Umweg über den etwa zwei Millionen Lichtjahre entfernten Andromeda-Nebel), wären auf der Erde vier Millionen Jahre vergangen. Im Raumschiff hingegen nur 56 Jahre. Paradox.
Auf diesem Flug mit Frederik habe ich es genau andersrum erlebt: Auf der Erde mögen gerade einmal anderthalb Stunden vergangen sein, die die Menschen in Wien sicher im Fiaker mit einem Glas Heurigen in der Mittagssonne verbracht haben. Über den Wolken allerdings, in dem Flugzeug, das unsere Kleinfamilie in die österreichische Hauptstadt brachte, vergingen die Minuten wie Tage.
Film auf dem iPad? Null Effekt.
Kekse? Keine Chance.
Spielzeug? Landete sofort auf dem Boden.
Vier Millionen Jahre später
Selbst als die wirklich bemühte Stewardess eine Extraportion Schokolade lockermachte, ließ sich Frederik nicht beruhigen. Schokolade! Nicht, dass er sie nicht gegessen hätte, weitergewütet hat er trotzdem. Als Elternteil sind einem auf solchen Flugreisen zwei Dinge sicher:
1. Das - oft mit ein wenig Häme gemischte - Mitgefühl anderer Eltern, die so klug waren, ihr Kleinkind vor dem Flug zur Oma zu geben.
2. Die Missgunst aller Nicht-Eltern.
Praktisch, wenn auch etwas unhandlich wäre an dieser Stelle eines dieser Sandwich-Schilder gewesen, die oft in der Fußgängerzone zur Bewerbung von Schuhgeschäften oder religiösen Einzelmeinungen eingesetzt werden: Vorne "Es tut uns leid." Hinten: "Nein, Oma hatte keine Zeit."
Nachdem vier Millionen Jahre im Flugzeug vergangen waren, landeten wir in Wien. Sobald die Räder den Boden berührten, war Frederik wie ausgewechselt, schäkerte mit der Stewardess und strahlte, den Mund schokoladenverschmiert. Zeit ist relativ, ja. Aber nichts im Vergleich zur Laune von Unter-Zweijährigen.
Jonas Ratz,
Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)
Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).
Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone
Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.
Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .
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