Flucht aus Haiti: "Nur raus hier" - DER SPIEGEL
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Flucht aus Haiti "Nur raus hier"

Er kam in Haitis Katastrophenzone, um sich um seine Mutter zu kümmern - Benoit Joseph reiste nach dem Beben eigens aus der Schweiz in seine alte Heimat. Jetzt ist er froh, das Land wieder zu verlassen. Wie er wollen viele vor dem Elend fliehen. Doch kaum einer bekommt die Chance dazu.
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Nach dem Erdbeben: Flucht aus Haiti

Foto: STR/ REUTERS

Noch einmal ein Blick auf die Trümmer, bevor es dämmert und die Dunkelheit auch einen Teil der Verwüstung verschluckt. Für Benoit Joseph sind es die letzten Stunden in Haiti. Er sitzt im Bus in die Dominikanische Republik, linke Seite, Fensterplatz, den blauen Vorhang hat er zur Seite geschoben.

Langsam rollt der Bus vom Schweizer Generalkonsulat in Port-au-Prince aus erst am Markt entlang, auf dem Frauen Reis mit Bohnen und etwas Fleisch anbieten, dann rechts ab, und bald schlängelt sich der Weg vorbei an Hausruinen. Vorbei an Familien, die draußen auf ihren Plastikstühlen hocken, nur ein paar Schritte von Schutt- und Müllbergen entfernt, in denen die Schweine stöbern. Vorbei an Männern, die mit vollgepackten Koffern am Straßenrand laufen, und an Frauen, die Wasserkanister auf dem Kopf tragen. Vorbei an dem kleinen Laden, dessen Aufschrift jetzt wie ein hohles Versprechen wirkt: "Total communications" - denn seit Tagen sind Telefon und Internet praktisch nicht brauchbar.

Es geht durch verstopfte Straßen, in denen wild gehupt wird, über Pisten, so holprig, dass die Busreisenden durchgeschüttelt werden wie in einer Achterbahn.

Die Grenze zur Dominikanischen Republik passiert der Bus ohne Kontrollen, irgendwann hält der Fahrer für einen Zwischenstopp an. Benoit Joseph reibt sich kurz die Augen und atmet tief durch. "Endlich", sagt der 34-Jährige, auch wenn er noch einen weiten Weg zu seiner Familie nach Europa vor sich hat.

"Haiti ging es noch nie so schlecht"

Lange hat er am Dienstag im Schweizer Generalkonsulat gewartet, das seit Tagen Ausreisen organisiert. An diesem Tag hatte der Bus Verspätung, vier Stunden. Josephs Frau schickte ihrem Mann immer wieder SMS. Ob es klappe, wann er rauskomme, ob er das Flugzeug nach Zürich nehme, fragte die Schweizerin.

Die beiden lernten sich in der Dominikanischen Republik kennen, zusammen haben sie ein Kind. Mitte der neunziger Jahre zog Joseph von Haiti in die Schweiz. "Ein gutes Land zum Leben", sagt er.

Als er vergangene Woche die Bilder vom Erdbeben sah, buchte er sofort ein Flugticket. Aus Sorge um seine Mutter, die in der Nähe von Port-au-Prince wohnt. Sie hat überlebt, es geht ihr gut, aber ihr Haus wurde vom Beben zerstört. Joseph hat sich um sie gekümmert und ihr so viel Geld dagelassen, wie er konnte. "Mehr kann ich zurzeit nicht tun", sagt er. Deswegen will er zurück nach Europa, zu Frau und Kind.

Zum Urlaub und Verwandtschaftsbesuch kommt Joseph regelmäßig nach Haiti. Aber ein ständiges Leben in seiner Heimat kann er sich kaum mehr vorstellen. "In der Schweiz verdiene ich gut", sagt er. Denkt er an Haiti, dann denkt er auch an Armut und Kriminalität. Und jetzt das Beben: "Haiti ging es noch nie so schlecht."

Auch Michelle Douyon, die durch den Erdstoß ihre Bleibe verloren hat, sieht die Lage ihres Landes skeptisch. Am Flughafen in Port-au-Prince beobachtet sie, wie die Maschinen aus den USA und anderen Ländern Hilfsgüter bringen, aber für sie selbst zählt jetzt nur der Weg hinaus. "Nur raus hier", sagt sie. Mit ihren beiden Kindern will Douyon zu ihrer Schwester nach Miami. Ob sie wiederkommt? "Vielleicht, irgendwann."

Keine genauen Flüchtlingszahlen

Viele Haitianer verlassen zurzeit ihre Heimat - auf dem Landweg, mit Schiffen, mit Flugzeugen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt.

Die USA bereiten ihren Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba für einen möglichen Ansturm von Flüchtlingen vor. Auf dem Gelände wurden etwa hundert Zelte für jeweils zehn Personen errichtet. Sollten Überlebende der Erdbebenkatastrophe in Massen ihr Land verlassen, stünden mehr als tausend weitere Zelte zur Verfügung.

Die Internatonal Organization for Migration (IOM) versucht, den Hunderttausenden Obdachlosen im Land Unterkünfte zu bieten. Sie geht davon aus, dass allein in der Hauptstadt etwa eine halbe Million Menschen ihre Häuser verloren haben. "Wer es sich leisten konnte, ein Fahrzeug hatte und in anderen Teilen des Landes unterkommen konnte, hat die Stadt verlassen", sagt IOM-Sprecher Jean-Philippe Chauzy. Doch die meisten Menschen seien in und um Port-au-Prince geblieben. "Dort haben sich in den vergangenen Tagen rund 400 spontane Siedlungen gebildet."

Die Organisation plant zusammen mit der haitianischen Regierung, rund 13 Kilometer nordöstlich von Port-au-Prince eine temporäre Siedlung zu errichten. "Die Idee ist, dort bis zu 100.000 Menschen unterzubringen, um sie aus den gefährlichsten Gegenden herauszuholen", erklärt Vincent Houver, der IOM-Koordinator in Haiti. Dazu bedürfe es aber der finanziellen Unterstützung anderer Länder.

In der Zwischenzeit unterstützen die IOM und andere Organisationen die Menschen mit Soforthilfe: Sie verteilen Hygienesets, Kochutensilien, Baumaterial und unterstützen beim Aufbauen von Übergangsunterkünften.

Samuel Rosilien würde sein Glück auch gern außerhalb von Haiti versuchen - aber er weiß nicht wo, wie und mit wessen Hilfe. Weil sein Haus zerstört wurde, lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Zelt auf einem Schulgelände. Rund 4000 Menschen sind dort derzeit behelfsmäßig untergebracht.

Beim Beben wurde Rosilien verletzt, als eine Kirche einstürzte und er von herabfallenden Steinen getroffen wurde. Sein rechtes Bein kann er seitdem nur unter Schmerzen bewegen, am Rücken hat er eine große Wunde. Ärztliche Hilfe hat der 31-Jährige bislang nicht bekommen: "Ich fühle mich sehr allein."

Mitarbeit: Simone Utler