Flucht vor "Rita" "Niemand wird kommen und euch retten"
Houston - "Rita" könnte eine Brandung von über 15 Metern verursachen, warnte Galvestons Stadtdirektor Steve LeBlanc. Der Schutzdamm für die texanische Inselstadt sei aber nur wenig höher als fünf Meter. Die Stadt, in der 60.000 Menschen leben, befindet sich auf einer vorgelagerten Insel, die nur 2,5 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Sollte die Stadt direkt getroffen werden, wird sie vermutlich zum größten Teil oder sogar ganz überflutet werden, sagte der Direktor des Nationalen Hurrikanzentrums, Max Mayfield. In Galveston ereignete sich im September 1900 die schlimmste Naturkatastrophe der USA. Ein Hurrikan traf auf die Stadt, und bis zu 12.000 Menschen kamen ums Leben.
Galveston glich heute einer Geisterstadt, berichtet der Fernsehsender "KTRH". Die meisten Menschen haben ihre Häuser bereits verlassen. Die Bevölkerung nehme die Warnungen sehr ernst, sagte Bürgermeisterin Lyda Ann Thomas dem Nachrichtensender CNN. Die Behörden hätten auch aus den Maßnahmen vor und nach dem Hurrikan "Katrina" gelernt. Viele Menschen in New Orleans hätten sich damals geweigert, die Stadt zu verlassen, weil es ihnen nicht erlaubt worden sei, ihre Haustiere mitzunehmen. Die aus Galveston fliehenden Menschen dürften dagegen die bereit stehenden Busse mit Hund, Katze und Kanarienvogel im Schlepptau besteigen.
In Houston waren alle nach Norden und Westen führenden Straßen verstopft, die meisten Wagen waren schwer beladen. Dort halten sich außerdem noch zahlreiche Opfer von "Katrina" auf, die in der texanischen Millionenstadt Zuflucht fanden. "Wir sind die bestvorbereitete Stadt des Landes, aber nichts von dieser Größe ist hier willkommen", sagte Bürgermeister Bill White dem Sender ABC. "Gegen solche Windgeschwindigkeiten kann man nichts machen." Aus den Behörden der betroffenen Regionen war überall die gleiche Parole zu hören: "Macht es nicht so wie bei 'Katrina' und wartet einfach ab. Niemand wird während des Sturms kommen und euch retten."
Hurrikan-Alarm: Rita wütet auf Kuba
Die US-Regierung hat "Rita" zur nationalen Notlage erklärt. Am Morgen wurden Windgeschwindigkeiten von etwa 280 und Spitzenböen bis zu 345 Stundenkilometern gemessen. Der Wirbelsturm befindet sich noch über dem Golf von Mexiko etwa 790 Kilometer südöstlich von Galveston. Nach Berechnungen von Experten könnte "Rita" morgen am späten Abend oder frühen Samstagmorgen auf die texanische Küste bei Galveston treffen. Wo genau der Sturm das Land erreichen wird, lässt sich nach Angaben des Hurrikanzentrums möglicherweise erst morgen sagen. Noch sei von Nordmexiko bis zum südwestlichen Louisiana alles möglich.
Präsident George W. Bush hatte bereits gestern vorsorglich für die Bundesstaaten Texas und Louisiana den Notstand ausgerufen. Damit ist unbürokratische Bundeshilfe möglich. Der amtierende Chef der US-Behörde für Katastrophenmanagement, David Paulison, erklärte, die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Dutzende Lastwagen mit Fertigmahlzeiten und Wasser sowie medizinische Fachleute seien schon vor Ort. Das Pentagon sei mit der Einrichtung von Lazaretten beauftragt.
"Rita" wird als so gefährlich eingestuft, dass für 1,3 Millionen Menschen in niedrig gelegenen Küstenabschnitten von Texas die Zwangsevakuierung angeordnet wurde. Betroffen sind davon auch Teile der Millionenstadt Houston. Einige hundert Stadtbusse seien für die Evakuierung vorgesehen, sagte ein Behördensprecher. Die Autobahnen seien als Evakuierungsrouten ausgezeichnet worden. Und entlang der Routen stünden Schutzräume zur Verfügung. Auf den Autobahnen haben sich bereits kilometerlange Staus gebildet.
Der Gouverneur von Texas, Rick Perry, sagte: "Es gibt keinen Grund zur Panik." Man sei gut vorbereitet und habe derartige Katastrophenfälle oft geübt. Medienberichten zufolge befinden sich in Texas 5000 Nationalgardisten in Bereitschaft. Der Leverkusener Chemie-Konzern Bayer schließt aus Sicherheitsgründen seine Anlagen in Baytown in der Nähe von Houston. Dort arbeiten rund 1100 Angestellte.
Auch Louisiana und Mississippi rüsten sich für einen möglichen zweiten Hurrikan binnen vier Wochen. "Katrina" hatte dort verheerende Verwüstungen angerichtet. Die Zahl der Todesopfer liegt inzwischen bei mehr als tausend, dürfte aber noch deutlich ansteigen, da die Bergungsarbeiten andauern. Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, hat die Bevölkerung in den Küstengebieten des Staates beschworen, sich vor "Rita" in Sicherheit zu bringen. "Geht nach Norden, Texas ist zu gefährlich", sagte Blanco heute in Baton Rouge. Es seien gut sechs Meter hohe Flutwellen und somit "ernste Folgen" für den bereits von "Katrina" heimgesuchten Staat zu erwarten. "Es ist sehr wichtig, dass jetzt alle gehen."
Alarmstimmung herrscht auch wieder in New Orleans. Nach den Überflutungen durch "Katrina" wächst die Sorge, dass "Rita" auch noch bei einem Vorbeizug in größerer Entfernung so viel Regen und Sturm mit sich bringen könnte, dass die strapazierten Dämme nicht halten. Bürgermeister Ray Nagin hatte deswegen bereits am Montag die Rückkehr Tausender zuvor geflüchteter Einwohner gestoppt. Mit Hochdruck wird an einer Verstärkung der Deiche gearbeitet.