Flugzeugabstürze über Russland: Ein zweifelhafter Zufall - DER SPIEGEL
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Flugzeugabstürze über Russland Ein zweifelhafter Zufall

Nicht mal zwölf Stunden nachdem zwei Passagierjets nahezu gleichzeitig abgestürzt waren, hat der russische Geheimdienst eine Terrorattacke ausgeschlossen. Später revidierten die Sicherheitsbehörden ihr Urteil, denn einige Indizien werfen Zweifel an der Zufalls-Theorie auf.
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Berlin - Die ersten Eilmeldungen über die beiden Flugzeugabstürze in Russland ließen böse Erinnerungen wach werden. Wie am 11. September 2001 war davon die Rede, dass die Flugüberwachung nahezu gleichzeitig den Kontakt zu den Maschinen verloren habe. Wenig später wurden die Wracks der russischen Jets gefunden. Sowohl die Tupolew 154 der Fluggesellschaft Sibir mit 46 Passagieren auf dem Weg von Moskau nach Sotschi als auch die TU 134 der Wolga-Aviaexpress mit 43 Menschen an Bord auf der Strecke Moskau-Wolograd waren fast gleichzeitig abgestürzt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich rund um den Globus die Nachricht - gekoppelt mit der Befürchtung, tschetschenische Terroristen könnten die Jets simultan entführt oder mit Bomben zum Absturz gebracht haben. Eindrucksvoll und gut terminiert wäre es ihnen damit gelungen, kurz vor den von Moskau anberaumten Wahlen in Tschetschenien Anschläge in einer Größenordnung zu verüben, die das russische Volk in Angst und Schrecken versetzt.

Sicherheit in nur wenigen Stunden

Am Morgen danach kamen die russischen Behörden rasch zu einem anderen Ergebnis. Nur wenige Stunden nach den verheerenden Abstürzen teilte der russische FSB - Nachfolger des gefürchteten Geheimdienstes KGB - mit, es gebe bisher keine Hinweise auf einen Terrorakt. Sergej Ignatschenko, Sprecher des noch in der Nacht von Präsident Wladimir Putin beauftragten Dienstes, erklärte, es handele sich offenbar um einen tragischen Zufall. Möglicherweise seien technische Probleme für den Absturz der Tupolew 154 und dem fast baugleichen Modell 134 verantwortlich. Ebenso aber könne die Unglücksursache sein, dass die Maschinen mit verunreinigtem oder gepanschtem Kerosin betankt worden seien.

Erstaunlich ist, wie schnell sich der FSB öffentlich auf eine Theorie festlegte. Keine zwölf Stunden hatten die Geheimdienstler Zeit, um die Wracks zu untersuchen. Noch nicht einmal die Magnetbänder aus den Flugschreibern, die am frühen Morgen geborgen wurden und nun in Moskau untersucht werden, lagen zu diesem Zeitpunkt vor. Nicht nur in Deutschland wundert sich deshalb so mancher Flugexperte und Beamte aus dem Sicherheitsapparat, dass der FSB diese "erstaunlichen Ergebnisse" in solch kurzer Zeit gewonnen hätte. Entweder, so ein deutscher Experte ironisch, habe der FSB ungekannte Fähigkeiten in der Unfallanalyse oder einen sehr guten Instinkt für die "richtige Wahrheit".

Generalstaatsanwalt will sich nicht festlegen

Am Nachmittag allerdings änderte sich die Lage. Putin, der wegen der Abstürze seinen Urlaub in Sotschi am Schwarzen Meer beendet hatte, empfing den Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow zu einer Unterrichtung über die Vorgänge. Im Gegensatz zum FSB drückte sich der Jurist wesentlich vorsichtiger aus. "Wir untersuchen alle möglichen Theorien: einen Terroranschlag und auch menschliches oder technisches Versagen", soll der oberste Strafverfolger Putin laut der Agentur Interfax mitgeteilt haben. Außerdem betonte Ustinow, dass keine der Theorien bisher ausgeschlossen werden könne. Noch immer untersuchen Hunderte von Experten die Wracks der Maschinen und werten die Flugschreiber aus.

Die Aussage des Generalstaatsanwalts macht deutlich, dass die frühe Aussage des FSB zumindest zweifelhaft ist. So blieben viele Fragen zunächst offen. Noch immer besteht beispielsweise Unklarheit über eine angebliche Entführungsmeldung aus einer der beiden Maschinen. Die Fluggesellschaft Sibir, die den Flug 1047 von Moskau ins Schwarzmeerbad Sotschi durchführte, bleibt dabei, dass sie von der Flugsicherung wenige Minuten nach dem Verschwinden ein Telegramm mit der vermeintlichen Entführungsmeldung bekommen habe. Darin, so die Internetseite der Airline, habe die Aufsicht mitgeteilt, in einem der Jets sei kurz vor dem Verschwinden ein "Hijacking Signal" ausgelöst worden.

Eine Frage der Interpretation?

Ein solches SOS-Signal ist in der internationalen Luftfahrt standardisiert und wird durch eine Zahlenkombination per Funk übertragen. Gleichwohl gab es über die Bedeutung der Meldung verschiedene Meinungen. Das Signal der TU 154 deute lediglich auf eine "gefährliche Situation an Bord" hin, erklärte Oleg Jermolow, der stellvertretende Leiter des Zwischenstaatlichen Luftfahrtausschusses in Russland. Denkbar seien sowohl ein gravierendes technisches Problem an Bord als auch eine Entführung der Maschine. Die Fluggesellschaft "Sibir" schließt jedoch auf ihrer Website einen terroristischen Anschlag nicht aus.

Dass die Fluggesellschaften nach Abstürzen schnell Terrorverdacht erheben, ist nicht überraschend. Denn ein Absturz wegen technischen oder menschlichen Versagens kostet das Unternehmen das Vertrauen der Kunden und wirtschaftlichen Erfolg. Die beiden russischen Airlines betonten jedenfalls, der Zustand der Maschinen sei gut gewesen. Ein Sprecher der Sibir Airlines teilte mit, dass die weit verstreuten Trümmerteile auf den ersten Blick eine Explosion in großer Höhe wahrscheinlich machten. Dazu passen Berichte von Augenzeugen, die einen Knall vor dem Absturz gehört haben wollen.

Ein Zufall, den es noch nie gab

Zwischen dem Verschwinden der ersten und dem der zweiten Maschine von den Radarschirmen der Flugüberwachung lagen gerade mal drei Minuten. Mehrere Flugexperten sprachen von einem sehr unwahrscheinlichen Zufall, den es bei technischen Problemen so noch nie gegeben habe. Allerdings wollte sich niemand mit Know-how ohne weitere Ermittlungsergebnisse auf eine Terrortheorie festlegen. Nach diesen Einschätzungen bleibt allerdings die Frage, warum der FSB mit der Unfalltheorie so schnell an die Öffentlichkeit ging.

Auch bei den Passagierlisten gab es Merkwürdigkeiten. So erfuhren die Nachrichtenagenturen in Moskau, dass die Behörden nach sechs Passagieren suchten, die am Dienstagabend für den Flug der Tupolew-154 nach Sotschi eingecheckt wurden, aber nicht an Bord gegangen waren. Möglicherweise, so der Verdacht, hätten die fehlenden Passagiere eine Bombe an Bord gebracht. Ein Flughafensprecher dementierte dies. "Das Gepäck der sechs verspäteten Passagiere wurde von Bord genommen", sagte er. Diese Maßnahme gehört im internationalen Flugverkehr zum Standard-Prozedere und sorgt bei den Airlines wegen der Verspätungen immer wieder für Verdruss.

Erinnerungen an Madrid

So verwirrend die Faktenlage am Mittwochabend auch war, so merkwürdig blieb die schnelle Festlegung des FSB. Allerdings dürfte der mächtige Geheimdienst in der Tat kein Interesse daran haben, den Drahtziehern des tschetschenischen Terrors vor der Wahl in Grosny am kommenden Sonntag einen weiteren Erfolg zuzuschreiben, meinen Kenner der Region.

Doch auch diese Theorie ist durch die Fakten nicht gedeckt. Zum einen schätzt kaum ein Terror-Experte die tschetschenischen Rebellen so stark ein, dass sie einen gut geplanten und aufwendigen Anschlag durchführen könnten. Außerdem beteuerten mehrere Sprecher der Rebellen-Führer, sie hätten mit den Attacken nichts zu tun.

Doch selbst wenn die Abstürze nicht von tschetschenischen Rebellen herbeigeführt wurden - schließt dies einen Anschlag ganz allgemein aus? Könnten nicht auch andere Gruppen, zum Beispiel aus dem kriminellen Millieu oder Gegner des Putin-Regimes, einen solchen Anschlag verüben?

Präsident Putin wäre gut beraten, wenn er seine Behörden zu einer umfassenden und vor allem ergebnisoffenen Recherche anhält. Spätestens seit den Terroranschlägen in Madrid, als die konservative Regierung aus politischen Gründen der Eta die Verantwortung zuschob und anschließend die Wahl verlor, müsste dem russischen Präsidenten ein altes Sprichwort seines Vorgängers Boris Jelzin wieder gewahr werden. "Alles, was geheim ist, kommt irgendwann mal raus", wusste der langjährige KPdSU-Funktionär. Der ehemalige KGB-Agentenführer Putin müsste dies eigentlich am allerbesten wissen.