Flugzeugabsturz in Nepal "Man hat nur einen Versuch"
Hamburg - Fünf Jahre flog Ang Zangbu Sherpa, 51, Flugzeuge vom Typ Twin Otter für die Royal Nepal Airlines: zweimotorige Turboprop-Maschinen, die wegen ihres schnellen Take-offs auf kurzen Start-und Landebahnen eingesetzt werden.
Weit über hundertmal hat Sherpa den Flughafen Lukla in Nepal angeflogen. Er gilt als einer der gefährlichsten der Welt, weil es keine Möglichkeit gibt, bei Problemen etwa mit den Triebwerken die Landung abzubrechen und in einer Rechts- oder Linkskurve auszuweichen - die Felswand hinter der Landebahn ist zu nah. Der Talkessel von Lukla kann zur Falle werden.
Der Flugplatz von Lukla, wo für zwölf deutsche Touristen der Start zu einer Wanderung beginnen sollte und in einer Tragödie endete, wird alljährlich im Herbst der Ausgangspunkt für Tausende, die Trekking-Touren in der Everest-Region unternehmen. Sie buchen in Katmandu Flüge mit Fluggesellschaften, die Shangri La, Cosmic, Buddha Air oder Yeti Airlines heißen. Die Sicht auf die Sieben- und Achttausender ist jetzt, im Herbst, am besten, die Temperaturen sind angenehm.
Wenn nur der Landeanflug auf Lukla nicht wäre.
Piloten wählen ihre Worte mit Bedacht: Nicht "gefährlich" sei der Anflug auf Lukla, sondern "anspruchsvoll", sagt Sherpa, "alle Flugzeugführer, die die Twin Otter fliegen, sind doch hervorragende, erfahrene Piloten." Sherpa selbst war jahrelang Co-Pilot auf einer Boeing 747 der taiwanischen Fluggesellschaft EVA, heute fliegt er eine Boeing 767 der britischen Charterfluglinie Britannia.
Die meisten Passagiere scheinen beim Flug in den kleinen Maschinen nach Lukla gelassen zu bleiben.
"Die Leute, mit denen ich dorthingeflogen bin, hatten keine Angst", sagt Thomas Hartmann, 48. Der Hamburger hat für das Reiseunternehmen Hauser 16 Gruppen durch die Everest-Region geführt. "Was jetzt passiert ist, ist schrecklich. Aber es passiert auf diesen spektakulär gelegen Flugplätzen doch wirklich wenig, Lukla ist ein besonderer, aber ein sicherer Flugplatz", sagt Hartmann. Zudem habe Yeti Airlines über Nepal hinaus einen sehr guten Ruf.
Für Ang Zangbu Sherpa war es fünf Jahre lang Routine. Sherpa stammt aus Jorsale, einer kleinen Siedlung, an der der Everest Nationalpark beginnt, ein paar Stunden Fußweg von Lukla entfernt. 1977 lernte Sherpa seine deutsche Ehefrau Annette kennen - damals arbeitete er als Lastenträger. Er wollte Geld verdienen, um sich seinen Traum zu erfüllen: Pilot werden. Die Deutsche war zum Wandern nach Nepal gekommen. Heute lebt die Familie mit drei Kindern in Baden-Württemberg.
Sherpa hat zigmal den Start mit der zweimotorigen kanadischen Twin Otter in Katmandu absolviert, den Co-Piloten neben und 18 Passagiere hinter sich. Fast alle waren Trekking-Touristen aus Europa, Amerika, Australien und Japan, viele Deutsche. Im Gepäckabteil die Rucksäcke der Urlauber und Reis, Gemüse, Tee und Bier für die kleinen Dörfer der Region.
Dann Kurs in nordöstliche Richtung auf Lukla, dem Tor zur Khumbu-Region, über der der 8850 Meter hohe Mount Everest trohnt. Der rund 40-minütige Flug ist spektakulär, der Blick auf die schneebedeckten Riesen, die zur Linken 6000 bis 7000 Meter in den Himmel ragen, faszinierend. Recht nah scheinen die Tragflächen mitunter den Bergwänden zu kommen, dann geht es kurz vor Lukla in einer Linkskurve in das Tal des Dudh Kosi, eines reißenden Flusses, der vom Schmelzwasser der Gletscher gespeist wird.
Dann folgt eine Rechtskurve und der atemberaubende Teil des Fluges: der Landeanflug auf die kurze, schmale Piste von Lukla, rund 2800 Meter hoch gelegen. Rund 120 Häuser mit zumeist blauen Dächern rechts und links der Landebahn, die auf einem kleinen Felsvorsprung über einem Abgrund beginnt und vor einer hohen Felswand endet.
"Man hat nur einen Versuch", sagt Ang Zangbu Sherpa, "Durchstarten ist nicht möglich. Aber für die Piloten sind die Flüge reine Routine."