Flugzeugentführung Neunte Geisel in London freigelassen
London - Auch nach zwei Tagen hätten die Entführer der im afghanischen Kabul gekidnappten Maschine noch keine politischen Forderungen gestellt, sagte die Polizei. "Es gab bisher keine besonderen Bitten außer um Lebensmittel, Wasser und Medikamente", sagte John Broughton, einer der Leiter der Polizeiaktion. Er fügte hinzu, man führe jetzt Gespräche über bestimmte "Themen", die zu einer Beendigung der Krise führen könnten. Broughton bestritt, die Motive der Entführer zu kennen und sie geheim zu halten. In den britischen Medien wurde darüber spekuliert, die Entführer wollten Asyl beantragen.
Die Verhandlungen könnten sich tagelang hinziehen. Eine gewaltsame Befreiung der Geiseln will die britische Regierung nach Presseberichten erst dann in Erwägung ziehen, wenn die Entführer mit dem Erschießen von Geiseln drohen sollten. Die Lage an Bord sei ruhig, die Entführer verhielten sich nach anfänglicher Aggressivität inzwischen "vernünftig".
Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar schloss Verhandlungen weiterhin aus. "Wir werden weder mit den Entführern reden noch irgendwelche Forderungen akzeptieren", sagte er. Die Boeing 727 war am Sonntag auf einem Inlandsflug in Afghanistan gekapert worden. Nach einem Irrflug über Usbekistan, Kasachstan und Moskau landete sie Montagfrüh in London-Stansted.
Die britische Presse machte die afghanische und die indische Regierung für die Entführung mitverantwortlich: Im Dezember hatten Moslem-Extremisten ein indisches Passagierflugzeug in die afghanische Stadt Kandahar entführt und die Freilassung von drei Häftlingen aus indischen Gefängnissen erpresst. Die Taliban-Regierung ließ die Luftpiraten entkommen.
"Wenn die afghanischen und indischen Behörden beide eine härtere Linie verfolgt hätten, wären die heutigen Entführer wahrscheinlich weniger waghalsig", schrieb der "Independent". Nach übereinstimmender Ansicht der Zeitungen muss Premierminister Tony Blair nun dringend wieder deutlich machen, dass Luftpiraten nichts zu gewinnen haben.
Unbestätigten Berichten zufolge hatten die Entführer zunächst die Freilassung des Taliban-Gegners Ismail Khan verlangt, der seit 1997 in Kandahar in Haft sitzt. Taliban-Führer Omar deutete an, dass der Anführer der letzten in Afghanistan verbliebenen Anti-Taliban-Miliz, Ahmed Schah Massud, hinter der Entführung stecken könnte. Dessen Sprecher bestritt dies.