Flugzeugkatastrophe von Madrid: Pilot brach ersten Startversuch ab - DER SPIEGEL
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Flugzeugkatastrophe von Madrid Pilot brach ersten Startversuch ab

Weshalb verunglückte Flug JK 5022? Nach dem Unglück in Madrid suchen Experten nach der Ursache der Katastrophe. Inzwischen ist klar: Schon vor dem Start vermutete die Crew Probleme, brach einen ersten Versuch ab - trotzdem fing beim zweiten das Triebwerk in einem kritischen Moment Feuer.
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Hamburg - Der Flieger stand bereits auf der Startbahn 36. Die Triebwerke heulten auf, es fehlte nur die Freigabe durch den Tower - da entschied sich Pilot Antonio Luna um 13.42 Uhr, doch zum Gate zurückzukehren.

So viel ist inzwischen klar. Doch welchen Fehler, der erfahrene Kapitän an seinem Jet vom Typ MD-82 festgestellt hatte, ist noch ungewiss.

"El País" berichtete unter Berufung auf Flugzeugtechniker, es habe eine Fehlfunktion der Außentemperaturanzeige gegeben. Eine kleine, unbedeutende Störung. Ein Gewerkschaftsvertreter sagte, sie habe sicherlich nichts mit dem späteren Ausfall einer Turbine zu tun. Gleichzeitig jedoch schreibt die Zeitung von vier unabhängigen Quellen, denen zufolge Probleme mit einem Triebwerk der Grund für den Startabbruch der Crew gewesen seien.

Die Fluggesellschaft bestätigte, dass an der Maschine ein Temperaturfühler defekt gewesen sei. Dieser sei repariert worden.

Die 166 Passagiere und neun Crewmitglieder des Spanair-Fluges JK 5022 warteten laut "El País" an Bord der Maschine die Arbeiten geduldig ab, ehe der Flieger um 14.25 Uhr erneut zum Start rollte.

Dann geschah es, um 14.45 Uhr, weit draußen auf der Startbahn 36, die sie nur "Die Insel" nennen, weil sie so abgelegen und schlecht einsehbar ist. Der Jet raste über die Piste des Flughafens von Madrid. Das linke Triebwerk der Maschine fing Feuer, der Pilot zog den Jet hoch, was zuerst passierte, ist nicht klar. Das Flugzeug kam ins Trudeln, driftete nach rechts ab, berührte mit dem Flügel den Boden, stürzte neben der Piste in einen Graben ab - und ging in einem riesigen Feuerball auf. So berichten es spanische Zeitungen unter Berufung auf Zeugen.

Die Internet-Seite der spanischen Zeitung "El Mundo" zitiert einen Flugkoordinator des Flughafens Barajas mit den Worten, der Unfall sei "kein Zufall". So seien die Piloten nach ihrem ersten Verlassen des Gates zur Parkposition zurückgekehrt, weil das linke Triebwerk Probleme gemacht habe. Zunächst habe man eine Reparatur in Erwägung gezogen, schließlich aber die Startgenehmigung erteilt, um weitere Verspätungen zu vermeiden. Der Flugkoordinator sagte weiter: "Zwei Flüge dieses Flugzeuges mussten in den vergangenen Tagen bereits wegen technischer Probleme gestrichen werden."

Auch ein Pilot einer anderen Fluggesellschaft sprach im Radio von einem ersten Startabbruch. Die Schwierigkeiten mit der Temperaturanzeige könnten nichts mit dem Triebwerksbrand zu tun haben, sagte der Mann.

Ein Spanair-Vertreter sagte dem spanischen Staatsfernsehen zufolge am Abend in Madrid, die MD-82 habe ihren jährlichen Check am 24. Januar absolviert. Dabei seien an der Maschine keine Auffälligkeiten festgestellt worden.

Auch Fachleute wie Mario Achermann vom Schweizer Pilotenverband rätseln noch über die Ursache der Katastrophe. Grundsätzlich sei jedoch bei Starts und Landungen die Unfallgefahr am größten, sagte Achermann dem Nachrichtensender n-tv. "Auch wenn diese Vorgänge zeitlich nur einen geringen Anteil ausmachen am gesamten Flug."

Die MD-80-Maschinen gelten eigentlich als zuverlässig, blieben aber bislang auch von schweren Unfällen mit insgesamt Hunderten Toten nicht verschont. Inzwischen haben viele Fluggesellschaften begonnen, Maschinen dieses Typs auszumustern und gegen moderne, spritsparendere von Airbus oder Boeing zu ersetzen. Vor Monaten musste American Airlines seine MD-80-Flotte zeitweise stilllegen, nachdem die US-Luftfahrtbehörde FAA Wartungsprobleme bei Verkabelungen bemängelt hatte.

"Der Start muss weitergeführt werden"

Im Fall Spanair müsse man nun die Untersuchungen abwarten. "Grundsätzlich sind beim Start zwei Geschwindigkeiten zu unterscheiden: V1, die sogenannte Entscheidungsgeschwindigkeit, und V2, die Abhebegeschwindigkeit."

Beschleunige ein Flugzeug, könne bei allen Geschwindigkeiten unterhalb der Entscheidungsgeschwindigkeit im Fall einer Störung der Start noch abgebrochen und mittels Schubumkehr gebremst werden. "Ist das Flugzeug aber schneller, muss der Start trotz allem weitergeführt werden, weil für eine Bremsung nicht genügend Platz mehr da ist auf der Piste."

Es könne durchaus sein, dass die verunglückte Maschine schon über die kritische Geschwindigkeit hinaus war, als die Piloten ein Feuer im Triebwerk bemerkt hätten. Auch ein spanischer Pilot wies auf elmundo.es darauf hin, dass dann ein Startabbruch nicht mehr möglich sei. Piloten seien ausgebildet, den Startvorgang dann selbst bei einem Brand fortzusetzen. "Das muss nicht mit einem Unfall enden", sagte Carlos Martinez. Das Feuer im Triebwerk sei wahrscheinlich nicht der einzige Grund für die Katastrophe, vermutet der Pilot.

Ähnlich sieht es der pensionierte Iberia-Pilot Javier del Campo, der anmerkte, dass Piloten alle sechs Monate genau solche Situationen üben: den Start mit einem defekten oder gar brennenden Triebwerk. "Es muss etwas anderes gewesen sein", sagte del Campo elmundo.es.

Indizien für einen "misslungenen Startabbruch"

Der unabhängige Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt aus Hamburg sagte n-tv, die Szene am Unfallort deute auf einen "misslungenen Startabbruch" hin, da das Flugzeug weit jenseits der Piste liege. Möglicherweise seien die Treibstofftanks oder eines der Triebwerke aufgerissen worden. Da die Tanks zum Start gut gefüllt seien, habe das zu einem besonders heftigen Feuer geführt.

Die spanische Fluggewerkschaft Seplan wies zurück, dass die Spanair-Crew womöglich schlecht ausgebildet war. Sie sei "perfekt qualifiziert und sehr erfahren" im Umgang mit Maschinen des Typs MD-82 gewesen.

Nach Angaben des spanischen Staatsfernsehens konnten die Flugschreiber des Jets inzwischen geborgen werden. Die Justiz habe Ermittlungen zur Unglücksursache eingeleitet. Auch Vertreter der spanischen Luftfahrtbehörde und der US-Aufsicht sind an den Untersuchungen beteiligt.

jdl/kaz