Flugzeugunglücke: Russen rätseln über Doppel-Absturz - DER SPIEGEL
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Flugzeugunglücke Russen rätseln über Doppel-Absturz

Zwei Flugzeuge stürzen zeitgleich über Russland ab, 89 Menschen sind tot. Während viele Russen und ausländische Experten an einen Terrorakt tschetschenischer Rebellen glauben, bemüht sich die Staatsmacht, diesen Verdacht zu zerstreuen, und spricht von einem unglücklichen Zufall. Die Indizien sprechen für einen Anschlag.
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Moskau - "Zuerst konnte man ein Brüllen hören, als ob die Maschine sehr niedrig flog. Dann folgte eine Explosion, es klang wie Donner. Wenige Sekunden später gab es zwei weitere Explosionen. Und das war's", sagte ein Augenzeuge dem britischen Fernsehsender BBC. Der Mann hatte den Absturz einer Tupolew-134 beobachtet, in der in der Nacht 43 Menschen starben. Weitere Zeugen sagten, es habe die Flugzeuge in der Luft zerrissen, die Trümmer seien weit verstreut.

Angesichts der Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien, die am Sonntag stattfinden, glauben viele an einen Terroranschlag. Die Rebellen wollen die Einsetzung eines Kreml-treuen Präsidenten verhindern und bekämpfen die Abstimmung mit aller Kraft. Vertreter der tschetschenischen Rebellen bestreiten jedoch, für die Abstürze verantwortlich zu sein. "Unsere Führung hat damit nichts zu tun. Unsere Aktionen richten sich ausschließlich gegen das Militär", sagte der Führer der tschetschenischen Separatisten gegenüber dem arabischen Fernsehsender al-Dschasira.

Und auch die russische Staatsmacht bemüht sich, einen Terrorverdacht zu zerstreuen. Präsident Wladimir Putin setzte erst den Inlandsgeheimdienst FSB und dann zivile Verkehrsexperten auf die Ermittlungen an. "Die Untersuchung der Flugzeugtrümmer wies keine Merkmale eines Terroraktes oder einer Explosion auf", sagte FSB-Sprecher Sergej Ignattschenko heute. Wahrscheinlich seien die Unfälle auf Pilotenfehler, technische Probleme oder mangelhaftes Flugbenzin zurückzuführen.

Zweifel an dieser Version gibt es viele. Technische Defekte an gleich zwei Flugzeugen seien wenig wahrscheinlich, sagte ein westlicher Luftfahrtexperte in Moskau. Die Trümmer der Flugzeuge seien wie nach einer Explosion in der Luft weit verstreut worden. Auch die Gleichzeitigkeit der Unfälle deute auf absichtlich verursachte Abstürze hin, sagte er.

"Diese technische Version ist äußerst unwahrscheinlich", erklärte auch der russische Abgeordnete und Sicherheitsfachmann Gennadi Gudkow. "Es gibt in diesem Land einen gut organisierten terroristischen Untergrund, der diesen minutiös geplanten Anschlag verübt hat."

Fest steht: Beide Maschinen starteten vom selben Flughafen Domodedowo in Richtung Süden. Gestern um 22.56 Uhr Ortszeit verschwand die eine vom Radarschirm, zwei bis drei Minuten später die zweite. Vom größeren Flugzeug, einer Tupolew-154, war kurz zuvor ein Alarm gesendet worden. Die Maschine sollte in den Ferienort Sotschi am Schwarzen Meer fliegen, wo Putin gerade Urlaub macht. Das Wrack wurde im Gebiet Rostow am Don gefunden.

Die zweite Maschine, eine kleinere Tupolew-134, startete ebenfalls in Domodedowo und sollte mit 43 Menschen an Bord nach Wolgograd fliegen. Sie stürzte 200 Kilometer südlich von Moskau ab. An den beiden 600 Kilometer von einander entfernten Unglücksstellen bargen Retter heute zahlreiche Leichen. Viele der Todesopfer sind noch in den Trümmern der zerstörten Jets eingekeilt. Überlebt hat nach offiziellen Angaben niemand.

Das Notsignal interpretieren Experten unterschiedlich. Oleg Jermolow, der stellvertretende Direktor des Zwischenstaatlichen Luftfahrtausschusses, sagte, das Signal deute lediglich auf eine "gefährliche Situation an Bord" hin. Dabei könne es sich um eine Entführung oder ein gravierendes technisches Problem handeln. Die Fluggesellschaft Sibir erklärte auf ihrer Website, sie habe eine Nachricht von der militärischen Abteilung der Flugüberwachung erhalten, wonach das Signal für eine Entführung der Maschine aktiviert worden sei. Das Unternehmen "schließt die Theorie eines terroristischen Aktes nicht aus", hieß es weiter.