Flut auf dem Balkan: Verschobene Minenfelder werden zum Problem - DER SPIEGEL
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Überschwemmungen auf dem Balkan: Kampf gegen das Hochwasser

Foto: Fehim Demir/ dpa

Gefahr auf dem Balkan Die Flut bringt den heimtückischen Minen-Tod

Wo sind die Minen? Die Flutkatastrophe hat die tödlichen Waffen aus den Balkan-Kriegen nicht nur an die Oberfläche gespült, sondern auch auf einer großen Fläche verteilt. Auf die Experten wartet viel Arbeit, der Bevölkerung droht Gefahr.
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Ahdin Orahovac versucht gar nicht erst, die Situation schönzureden: "Das ist ein Riesenproblem, das größte Problem seit dem Krieg. Es wird uns Monate, wenn nicht gar Jahre beschäftigen." Der Chef des bosnischen Minenaktionszentrums MAC ist angesichts der Jahrhundertflut auf dem Balkan nicht nur wegen der Wassermassen besorgt, sondern auch wegen der Gefahren, die lange Zeit im Boden lauerten und jetzt durch die Flut an die Oberfläche gespült wurden: explosive Hinterlassenschaften der Balkan-Kriege.

"Minen und andere nicht-explodierte Kriegsmittel, wie etwa Granaten, sind durch die Flut und Erdrutsche verschoben worden, die Warnschilder sind alle zerstört. Alles, was wir in den vergangenen zehn Jahren gemacht haben, ist weg. Wir müssen von vorne anfangen", sagt Orahovac SPIEGEL ONLINE.

Wieviele Minen es tatsächlich in der Balkan-Region gibt, kann niemand genau sagen. Experten gehen schätzungsweise von drei Millionen aus, die in Bosnien-Herzegowina in den neunziger Jahren vergraben wurden, ebensoviele in Kroatien - und auch an der serbischen Grenze gibt es sie. Viele Minenfelder liegen in den von der Flut betroffenen Gebieten, etwa 7000 sind bislang erfasst worden. Noch heute sollen angeblich 120.000 Minen im Boden liegen.

"Minen und Granaten für die Ewigkeit gemacht"

Dabei hatte sich das Risiko, das von den Minen ausging, in den vergangenen Jahren eigentlich verringert: "Wir hatten eine relativ gute Eingrenzung, wo sie liegen", sagt etwa Stuart Maslen, Experte für Minenräumung und Mitglied der internationalen Kampagne zur Verbannung von Landminen. Auch in einem Statement des Auswärtigen Amtes zur Minen- und Kampfmittelräumung auf dem Balkan ist zu lesen: "Da diese Minenfelder in ihrer Lage und Ausdehnung bekannt sind, geht von ihnen nur eine geringe Gefährdung für die Zivilbevölkerung aus."

Doch diese relative Sicherheit ist nun vorbei: "Die Flut kompliziert die bereits sehr schwierige Suche und Entsorgung der Landminen erheblich. Orte, von denen man dachte, sie seien minenfrei, müssen neu untersucht werden", sagt Maslen. Die Gegenden um Doboj und Olovo, die besonders vom Hochwasser betroffen sind, gelten nach wie vor als stark vermint. Dort könnten sich die Gefahrenzonen nun verschoben haben.

"Das Problem ist, dass diese Minen und Granaten für die Ewigkeit gemacht sind. Sie funktionieren natürlich noch", sagt Orahovac, und auch Maslen bestätigt die Funktionsfähigkeit. Beide befürchten nun neue Todesopfer durch die verlagerten und hervorgespülten Minen. Dabei war die Zahl der Toten durch Landminen auf dem Balkan in den vergangenen Jahren zurückgegangen, 1996 starben in Bosnien und Herzegowina noch über 600 Menschen, 2011 waren es nur noch 22.

Direkt gefährdet sind über eine halbe Million Menschen. Orahovac ist besonders besorgt um Kinder und um Rückkehrer, die versuchen, ihre Häuser aufzuräumen: "Ich kann die Menschen und Helfer nur davor warnen, ohne Rücksprache mit den örtlichen Behörden in Gebiete oder Häuser zurückzukehren", appelliert Orahovac. Die Areale müssten zunächst allesamt neu kontrolliert und markiert werden. "Und das so schnell wie möglich".

Ursprünglich verlangte die Ottawa-Konvention zum Verbot von Antipersonenminen, dass alle Minen in Bosnien-Herzegowina bis 2009 geräumt werden müssen. Dieses Ziel war aufgrund der großen Dimension des Minen-Problems jedoch verfehlt worden. Eine neue Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass die Fläche, auf der Minen vermutet werden, über 1.200 Quadratkilometer groß ist. Das sind rund 2,4 Prozent der Landesfläche Bosnien-Herzegowinas. Ein riesiges Areal - das sich nun noch vergrößert hat.

Die betroffenen Regionen wollen das Problem gemeinsam lösen. "Wir arbeiten natürlich mit unseren Nachbarländern Serbien und Kroatien zusammen. Am Freitag gibt es ein Treffen, auf dem wir ein gemeinsames Komitee einrichten werden", sagt Orahovac vom bosnischen Minenaktionszentrum. Es sei schließlich ein grenzübergreifendes Problem: "Die Minen bewegen sich ja auch von Land zu Land."

Mit Material von dpa