Flutkatastrophe Angst vor neuen Beben
Port Blair - Der Gestank des Todes weist den Rettungskräften den Weg zu den verwesenden Leichen, die tief in den Dschungel der Andamanen und Nikobaren-Inseln gespült wurden. Auf der abgelegenen Inselgruppe werden jedoch noch bis zu 10.000 unentdeckte Todesopfer vermutet, bislang wurden erst 359 Leichen geborgen. Inzwischen haben Polizei und Armee damit begonnen, selbst nicht identifizierte Todesopfer zu bestatten, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern.
Die Einsatzkräfte kommen in der Region nur meterweise voran. Viele Tote lägen unter umgestürzten Bäumen, oft seien die aufgeblähten Körper unter den Schlammmassen begraben, erklärte der Gouverneur Ram Kapse gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die Suche konzentriert sich auf die 30 bewohnten der 572 kleinen, zu Indien gehörenden Inseln, auf denen etwa 350.000 Menschen leben. Mindestens 15 der Inseln und Felsformationen, so zeigen Satellitenbilder, sind einfach verschwunden.
In Indien, Sri Lanka und anderen Krisenregionen verzögerte sich die Suche nach Toten und Überlebenden am Morgen, weil die Behörden eine neue Tsunami-Warnung herausgegeben hatten. Am frühen Morgen erschütterten mehrere Erdstöße der Stärke 5,7 die Region vor der Küste von Sumatra.
Todesopfer nach Ländern*
| Indonesien | 98.489 |
| Sri Lanka | 30.680 |
| Indien | 15.782 |
| Thailand | 5291 |
| Somalia | 298 |
| Birma | 90 |
| Malediven | 82 |
| Malaysia | 74 |
| Deutschland | 60 |
| Schweden | 52 |
| Großbritannien | 41 |
| USA | 35 |
| Japan | 23 |
| Schweiz | 23 |
| Frankreich | 22 |
| Italien | 20 |
| Norwegen | 16 |
| Australien | 17 |
| Finnland | 15 |
| Südkorea | 11 |
| Tansania | 10 |
| Österreich | 10 |
| Russland | 10 |
| Südafrika | 10 |
| Singapur | 9 |
| Hongkong | 8 |
| Dänemark | 7 |
| Niederlande | 7 |
| Belgien | 6 |
| Kanada | 5 |
| Polen | 5 |
| Israel | 4 |
| China | 3 |
| Taiwan | 3 |
| Bangladesch | 2 |
| Brasilien | 2 |
| Argentinien | 2 |
| Neuseeland | 2 |
| Mexiko | 2 |
| Kenia | 1 |
| Kroatien | 1 |
| Irland | 1 |
| Tschechien | 1 |
| Chile | 1 |
| Kolumbien | 1 |
| Türkei | 1 |
Auch in Thailand und Birma wurde das Beben registriert. Auf den Andamanen und Nikobaren waren die Erdstöße ebenfalls zu spüren, sie versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Die Regierung in Neu Delhi forderte die Bevölkerung auf, die Strandgebiete zu verlassen. Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sind die bislang registrierten Nachbeben "nicht bedrohlich". Die Erdstöße reichten "bei weitem nicht aus, um eine neue Flutwelle zu verursachen", sagte der Sprecher der Bundesanstalt, Jörg Schlittenhardt, der Nachrichtenagentur ddp. Es gebe keinen Anlass zu neuerlicher Panik.
In den höher gelegenen Gebieten der Andamanen und Nikobaren harren Menschen aus, die seit Tagen nichts oder allenfalls ein paar Kokosnüsse gegessen haben. "Alles ist weg. Die meisten Leute sind auf die Hügel geflüchtet, sie haben Angst, wieder herunterzukommen", berichtet der 60-jährige Mohammad Yusef, dessen Heimatdorf komplett zerstört wurde - ebenso wie ein Dutzend anderer kleiner Siedlungen entlang der Küste.
Derweilen läuft die internationale Hilfe auf Hochtouren. Mit 53 Verletzten der Flutkatastrophe an Bord wird der Lazarett-Airbus "MedEvac" der Bundeswehr heute Abend in Deutschland zurückerwartet. Viele deutsche Touristen kehrten inzwischen aus dem Katastrophengebiet zurück: Der Tourismuskonzern Thomas Cook hat seit Montag insgesamt 2150 deutsche, von der Flutkatastrophe in Südasien betroffene Urlauber nach Deutschland ausgeflogen.
Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rudolf Seiters, lobte die hohe Spendenbereitschaft der Deutschen. Er stelle "voller Dankbarkeit" fest, dass in Deutschland sehr viel Hilfe aus der Bevölkerung komme, sagte Seiters im DeutschlandRadio Berlin. "Ich kann vor Silvester nur bitten, dass man uns weiterhin hilft, damit wir unsere Aufgaben bewältigen und das Leid mildern können."