Flutkatastrophe in Indonesien Hilfe mit Grenzen
Wer sich in Banda Aceh auskennt, meidet die Schudirna Street gegen 11 Uhr morgens und 17 Uhr Abends. Fast eine halbe Stunde benötigt man dann, um die wenige hundert Meter lange Strecke zu passieren, die an großen Villen vorbeiführt. Diese Straßenzeile wurde kaum zerstört - im Gegensatz zur Nachbarschaft. Die Szenen erinnern an eine asiatische Großstadt während der Rush-Hour. Fahrer großer Trucks versuchen, sich ihren Weg durch das Chaos zu bahnen. Hinter einem Lastwagen drängelt ein gut polierter, fast nagelneuer Jeep, der Fahrer hupt. Mit wilden Handzeichen weist er auf das blaue Emblem der Uno hin, das auf der Wagentür klebt. Offenbar hat er eine sehr wichtige Persönlichkeit an Bord.
Rechts und links an der Straße reihen sich große Banner aneinander. In vielen verschiedenen Sprachen weisen sie auf internationale Hilfsorganisationen hin. Die Vorgärten dahinter sehen noch gut aus, in diesen Teil der Stadt ist das Wasser mit all seinem Schutt und seiner tödlichen Gewalt nicht gekommen. Plötzlich kommt der schleppende Verkehr vollständig zum Erliegen. Indonesische Polizisten haben mit gellenden Trillerpfeifen die Autos gestoppt. Aus einer Einfahrt wird erstmal ein Jeep-Konvoi geleitet.
Das Chaos hat einen einfachen Grund: Auf dem Gelände hinter dem weißen Zaun haben die Vereinten Nationen seit einigen Tagen ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Jeden Vormittag und jeden Nachmittag kommen die Damen und Herren auf den Rücksitzen der Jeeps zur Uno, um endlich Ordnung zu schaffen.
Gemeinsam wollen sie ein immer größer werdendes Chaos auflösen, in dem momentan Hunderte Hilfsorganisationen arbeiten. Gemeinsam soll nun an einem Strang gezogen werden, lautet die Botschaft, die regelmäßig vor und nach diesen Runden ausgegeben wird. Konkrete Ergebnisse hingegen werden selten mitgeteilt. Der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die schon vor der Flut in Aceh tätig war, nimmt es mit ironischem Humor. "Wenn das hier alles normal laufen würde, wäre es ja keine Katastrophe", sagt John Lom, "das gilt für die Flut und die anlaufende Hilfe".
Das Chaos nach der Katastrophe
Die Aufgabe, welche die Uno in den kommenden Wochen bestreiten soll, ist komplex. Es ist beinahe unmöglich eine Übersicht darüber zu bekommen, welche Organisation was, wann und wo macht. Dazu kommt, dass so manche westliche und viele der islamischen Gruppen mit einer Uno-geführten Hilfsorganisation lieber nicht zusammen arbeiten wollen. Schon jetzt hagelt es Kritik an dem gerade erst begonnenen Uno-Einsatz. Viele sehen sich in ihrem Vorurteil bestätigt, die große Bürokratie der Vereinten Nationen könne eine solche Katastrophe nicht effektiv koordinieren. Und in der Tat ist die Uno erst jetzt, zwei Wochen nach der Katastrophe, halbwegs arbeitsfähig. Trotzdem fehlt es noch immer an einem schlüssigen Konzept, wie die Hilfe aufgeteilt werden soll. Die täglichen Meetings ändern daran nichts.
Im Garten der IOM-Villa wird mittlerweile der Platz rar. Bis unter die gelben Zeltdecken stapeln sich Reissäcke, Matratzen, Fertiggerichte und Benzinkanister. Und immer wieder bringen neue Trucks neue Hilfsgüter. Eigentlich sind diese für die ganze Region Aceh gedacht, sie enden aber doch meist in der Stadt. "Hier in der Stadt haben wir mehr als genug Hilfe", gibt auch IOM-Mann Lom zu, "doch die entscheidenden Wege ins Hinterland fehlen uns noch". Die Regionen außerhalb Banda Acehs und Meulabohs werden lediglich durch Hubschrauber versorgt, es ist die nötigste Hilfe aus der Luft, die Helikopter können nur wenig transportieren. Bisher haben die anderen Helfer noch keinen Weg gefunden, das in Banda Aceh angestaute Material auszuliefern.
Keine westliche Hilfe außerhalb der Städte
Ein riesiges Warenlager befindet sich am Flughafen von Banda Aceh. Überall stehen Zelte, teilweise lagern Kartons und Paletten sogar ohne Schutz vor dem täglichen Regen im Freien. Mehr als 200 Flugzeuge, davon viele voll gestopft mit Nahrung und Medizin, landen jeden Tag auf dem kleinen Airport. Vor der Flut wurden hier gerade mal drei tägliche Flüge abgewickelt. Doch obwohl die etwa ein Dutzend Navy-Hubschrauber der US-Amerikaner, der Australier, der Armee aus Singapur und mehrere aus Indonesien im Minutentakt abheben, reicht die Luftbrücke nicht aus. Viele Gebiete sind noch immer unterversorgt - oder noch gar nicht erreicht. Banda Aceh erweist sich in den vergangenen Tagen mehr und mehr als Nadelöhr für einen gewaltigen Hilfsstrom, der nun in der Provinzhauptstadt zu verrotten droht.
Gerade deshalb war für viele westliche Helfer der gestrige Tag ein besonders schlechter Tag. Zum ersten Mal wurde offiziell mitgeteilt, dass die indonesische Regierung jeglichen Einsatz von westlichen Organisationen außerhalb von Banda Aceh und Meulaboh verhindern will. Die Kämpfer der Separatisten-Organisation GAM seien zu gefährlich, als dass das indonesische Militär für die Sicherheit der Helfer garantieren könne, lautete die Begründung. Mit demselben Argument waren Tage zuvor auch schon kleinere Erkundungsmissionen der Bundeswehr in Küstenorte verhindert worden. Nun scheint es, als ob auch die Arbeit von nichtstaatlichen Helfern stark eingeschränkt werden soll: Die indonesische Regierung kündigte an, dass alle Einsätze von Ausländern von nun an gemeldet werden müssten.
Die Waffenstillstandserklärungen der Rebellen werden an der Haltung der Regierung kaum etwas ändern. Sie will offenbar hauptsächlich verhindern, dass mit den Helfern Beobachter in die Regionen kommen, die seit Jahren abgeschottet ist. Dort fürchtet die Bevölkerung die Militärs nicht nur wegen ihres harten Vorgehens gegen die GAM, sondern auch wegen der vielen Plünderungen durch Soldaten. Mehrere Vertreter von großen Organisationen wie der Welthungerhilfe betonten auch deshalb, dass sie auf keinen Fall unter Schutz des indonesischen Militärs dorthin fahren würden. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen arbeitet bewusst nicht mit den lokalen Militärs zusammen, um das Vertrauen der Bevölkerung zu behalten. Nach Angaben eines Vertreters der Welthungerhilfe hat es bis heute keinen einzigen Angriff auf die Konvois gegeben.
Für viele der Helfer ist die neue Ankündigung der Regierung nur ein weiterer Schritt der Nicht-Kooperation. Sowohl die Bundeswehr als auch das Technische Hilfswerk (THW) hadern seit Tagen mit der indonesischen Seite. Zunächst erhielten die beiden THW-Chartermaschinen vom Typ Iljuschin keine Landeerlaubnis. Inzwischen sind die Hilfsgüter zwar eingetroffen, doch der Kampf mit der Bürokratie geht weiter. Technisches Material wird als teures Übergepäck berechnet und die Absprachen mit den Behörden sind zehrend. Viele der schon weit gereisten THW-Helfer zeigen sich frustriert. "Wir haben so etwas noch nie erlebt", sagt einer von ihnen, "normalerweise empfängt man uns mit offenen Armen, doch hier muss man die Tür eintreten." Ähnliche Erfahrungen hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) gemacht, dessen Material fast acht Tage in der Warteschleife schlummerte.
Von Pontius zu Pilatus
Die Bundeswehr kann mittlerweile arbeiten: Seit einigen Tagen reinigen die Soldaten gemeinsam mit dem THW das Haupthospital in Banda Aceh, das bei der Flut teilweise verwüstet wurde. Schon in wenigen Tagen soll der Betrieb wieder losgehen und Stück für Stück ausgebaut werden. Einfach war die Hilfe von Außen jedoch nicht, eher ein "Marathon von Pontius zu Pilatus", wie es der Militärattache der Botschaft in Jakarta ausdrückt. Jeden Tag habe man mehr oder minder von Null anfangen müssen, da Absprachen vom Tag zuvor keinen Bestand gehabt hätten. Zudem gebe es bis heute keinen Ansprechpartner auf der indonesischen Seite, an den man sich mit Problemen wenden könne.
Die fehlenden Absprachen sorgten zuweilen für obskure Szenen, über die die Uniformierten mittlerweile herzlich lachen. Als die Bundeswehr den Garten nahe der Klinik besuchte, fand sie eine Gruppe von wild aussehenden Rockern vor. Die Mitglieder einer indonesischen Harley-Davidson-Sektion hatten sich dort - ohne Absprache mit den Behörden - niedergelassen, um Kleidung an Bedürftige zu verteilen. Neben solchen komischen Momenten aber müssen die Deutschen von ihrem eigentlichen Plan wohl abrücken. Die geplanten medizinischen Außenposten in den ländlichen Regionen können nach der Ansage der Regierung in Jakarta wohl nicht realisiert werden.
Am späten Nachmittag geht in der Schudirna Street der Meeting-Marathon weiter. Wieder einmal sammelt sich auf dem Gelände der Uno für das Nachmittagstreffen der internationalen Helfer eine Traube von Menschen. Wieder einmal gibt es viele Fragen zu klären. Wieder einmal gibt es keine konkreten Aufgabenverteilungen. Selbst auf die Ankündigung der Regierung haben die vielen Beteiligten auch keine schnelle Antwort. Dies müsse erst noch weiter beraten werden, sagt einer der Teilnehmer. Spätestens Morgenvormittag sehe man sich ja wieder.