Flutkatastrophe in Pakistan: Menschen warten auf Hilfe
Flutkatastrophe in Pakistan "Es fehlt an allem"
Hamburg - Ihre Mitarbeiter waren nach dem Tsunami in Südostasien im Einsatz, halfen nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti und bei unzähligen anderen Naturkatastrophen - doch selbst Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und die Welthungerhilfe bewerten die Überschwemmungen in Pakistan als Katastrophe im Ausnahme-Ausmaß.
"Es ist einfach eine Riesenmasse von Menschen betroffen", sagt die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Diekmann. Tatsächlich sprechen die Zahlen für sich: Bisher wurden rund 20 Millionen Menschen obdachlos, das ist etwa jeder achte Einwohner des Landes. Insgesamt sind 160.000 Quadratkilometer überschwemmt, rund ein Fünftel des Landes. Ganze Dörfer sind verschwunden, mehr als 891.000 Häuser wurden von den Wassermassen zerstört.
Wie kann man bei einer Naturkatastrophe dieser Dimension helfen? Worauf müssen die Organisationen jetzt zunächst ihr Augenmerk richten, was zuerst vor Ort anpacken?
"Die Hilfe ist noch sehr punktuell", sagt Diekmann SPIEGEL ONLINE. Es gebe noch ganze Regionen, in welche die Hilfskräfte aufgrund der Wassermassen und des Zusammenbruchs der Infrastruktur nicht vordringen können. "Wir gehen von rund sechs Millionen Menschen aus, die noch gar nicht erreicht worden sind", so die Präsidentin der Welthungerhilfe. Sie warne allerdings davor, die Schuld allein auf die pakistanische Regierung zu schieben. "Wenn ein Fünftel Deutschlands mit Wasser bedeckt wäre, hätten auch wir ein Problem", so Diekmann.
Auch mittel- und langfristig wird Pakistan Hilfe benötigen: Millionen Menschen muss zu einer neuen Existenzgrundlage verholfen werden, Äcker müssen neu bepflanzt, Häuser und Schulen neu gebaut werden. "Das wird Jahre dauern", so Diekmann.
Zunächst geht es für die 20 Millionen von der Flut betroffenen Menschen in Pakistan aber um das schiere Überleben. SPIEGEL ONLINE erklärt, nach welchem Einsatzplan internationale Organisationen jetzt vorgehen.
Wie gelangen die Hilfsmittel zu den Menschen?
Die Helfer stehen vor einer enormen logistischen Herausforderung: Brücken sind zusammengebrochen, Straßen zerstört, so dass Hilfskonvois nicht zu den Betroffenen vordringen können.
"Der Zusammenbruch der Infrastruktur unterscheidet diese Katastrophe vom Tsunami in Südostasien", sagt Diekmann. Dort sei ein Küstenstreifen von einigen hundert Metern Breite betroffen gewesen. "Dahinter war die Infrastruktur absolut intakt, so dass Hilfe geleistet werden konnte."
Ärzte ohne Grenzen versuchen, die Hilfslieferungen so weit wie möglich mit Lastwagen zu verteilen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. "Wenn es nicht mehr weitergeht, muss umgedreht oder umgeladen werden. Dann wird auf Esel umgesattelt oder in Rucksäcke umgepackt und zu Fuß weitergegangen", so Stöbe.
Es werden bereits Hubschrauber eingesetzt, Diekmann geht aber davon aus, dass dieser Transportweg noch ausgebaut wird. "Es wird eine Art Luftbrücke geben müssen", sagt Welthungerhilfe-Präsidentin Diekmann. Zum einen um die Menschen in den entlegenen Gebieten zu erreichen, zum anderen, um Hilfsgüter ins Land zu bringen.
Welche Maßnahmen müssen als erstes ergriffen werden?
Zurzeit konzentrieren sich die pakistanische Regierung und Hilfsorganisationen auf Sofortmaßnahmen. "Allein bei den Akutmaßnahmen ist die Situation im Moment besorgniserregend", sagt Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Die Menschen bräuchten als erstes Nahrung und Trinkwasser, Unterkunft und Kleidung, dann auch Medikamente, so Stöbe, der seit Freitag in Pakistan im Einsatz ist.
Hunderttausende Flutopfer harren in provisorischen Zelten aus und müssen zunächst mit dem Nötigsten versorgt werden. Ärzte ohne Grenzen stellen Überlebenspakete zur Verfügung, die unter anderem eine Decke, Kochgeschirr und warme Kleidung enthalten. "Es fehlt aber auch an Zelten", so Stöbe.
Außerdem brauchen die Menschen Matten, auf denen sie liegen können, und Schutz vor der Hitze. "Nach unseren Informationen fehlt es an allem", sagt Welthungerhilfe-Präsidentin Diekmann. Besonders wichtig sei, möglichst bald alle notleidenden Menschen zu erreichen.
Ist es eine Option, die Menschen aus den Krisengebieten zu evakuieren?
Prinzipiell ist es eine Möglichkeit, Menschen aus Krisengebieten herauszuholen. In Pakistan haben Hunderttausende Menschen ihre Heimatorte bereits verlassen, als die Wassermassen kamen. Unzählige Orte wurden evakuiert, Menschen in Auffanglagern untergebracht. Daher ist die Situation hier anders als beispielsweise bei einem Erdbeben, das wenige Sekunden dauert und bei dem die Menschen danach auf ihren eingestürzten Häusern sitzen.
Bei einer so großen Zahl von Betroffenen stehen die Helfer allerdings vor allem vor der Frage, wo und wie die Evakuierten kurz- und mittelfristig unterzubringen sind. Das ist momentan noch völlig unklar. Unzählige Flutopfer campieren an Flussufern, einige auf Mittelstreifen von Straßen, andere haben bei Bekannten und Verwandten Unterschlupf gefunden.
Welche Krankheiten drohen?
Stöbe und sein Team waren in den vergangenen Tagen vor allem rund um Nowshera und Peschawar im Einsatz und haben bisher etwa 9000 Patienten behandelt. Die Menschen leiden zurzeit vor allem an Hautverletzungen, Durchfall, Atemwegserkrankungen wie Husten, Erkältungen und Lungenentzündungen sowie an Verletzungen, die einen chirurgischen Eingriff nötig machen.
Die Sorge vor einer Ausbreitung von Cholera wächst: Die Menschen haben kaum noch Abwehrkräfte, trinken dreckiges Wasser. Aus dem Nordwesten des Landes wurde bereits der erste Fall gemeldet, Ärzte ohne Grenzen sind rund 70 Verdachtsfälle in vier Gebieten bekannt.
Wie kann eine Hungersnot verhindert werden?
In der nordwestlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, in der bisher die meisten Todesopfer zu beklagen sind, starben bereits fünf Kinder an Unterernährung. Nach Einschätzung von Ärzten ohne Grenzen wird sich die Situation in den nächsten Tagen und Wochen deutlich verschärfen, wenn Lebensmittel knapper und teurer werden. "Die Marktpreise für Gemüse sind schon bis auf das Vierfache angestiegen", sagt Stöbe. Das trifft vor allem die Armen.
Die Menge der Nahrungsmittel, die nach bisherigen Schätzungen gebraucht werden, ist schier unendlich. Den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation zufolge sollen Menschen mit 2100 Kalorien pro Tag versorgt werden. Im Einzelnen sieht die tägliche Ration pro Person 400 Gramm Getreide oder Reis, 60 Gramm Hülsenfrüchte, 25 Gramm mit Vitamin A angereichertes Öl und 15 Gramm Zucker vor. Diese Mengen werden allerdings nicht immer erreicht. So müssen Notleidende im Sudan laut Welthungerhilfe beispielsweise mit 1700 bis 1800 Kalorien auskommen.
Geht man von 20 Millionen Notleidenden aus, benötigt Pakistan jeden Tag allein acht Millionen Kilo Getreide oder Reis.
"Die Lebensmittel in der Nothilfe werden aus dem Ausland kommen müssen", so Diekmann. "Dann sollte aber möglichst schnell auf Nahrung aus dem eigenen Land umgestellt werden, damit die heimischen Märkte nicht kaputtgemacht werden." Dies könne aber ein Problem werden, da Schätzungen zufolge rund 20 Prozent der Anbauflächen in Pakistan überschwemmt seien.
Wie bringt man genügend Helfer zu den Opfern?
Die pakistanische Regierung ist mit der Situation überfordert und hat bereits vergangene Woche das Ausland um Hilfe gebeten. Die Menschen im Land klagen über die mangelnde Unterstützung, werden langsam ungeduldig und zunehmend wütend. "Die Wut richter sich vor allem gegen die eigene Regierung", sagt Stöbe. Allerdings gebe es keine großen bürokratischen Hürden für die Hilfsorganisation.
Inzwischen engagieren sich mehrere internationale Hilfsorganisationen, allerdings oft mit einer Personalstärke, die angesichts der Probleme vor Ort als kaum ausreichend erscheint. Die Welthungerhilfe zum Beispiel hat vier Mitarbeiter in das Krisengebiet geschickt, die sich mit der "Alliance 2015", einem Zusammenschluss von zehn europäischen Hilfsorganisationen, vor allem um die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser, Nahrung und Zelten sowie die hygienische Situation kümmern. Sie bringen die Hilfsgüter vor Ort und verteilen sie zusammen mit lokalen Organisationen, um sicherzustellen, dass sie auch bei den Bedürftigen ankommen. So wurden bisher rund 18.000 Menschen erreicht.
Ärzte ohne Grenzen weiten zurzeit die Hilfsmaßnahmen auf den Wasser- und Sanitärbereich aus, die Teams verteilen Kits mit Hygieneprodukten, Kochutensilien und anderen Hilfsgütern. Die Organisation versorgt außerdem Gesundheitseinrichtungen in Dir und Swat mit Wasser.
Bislang wurde Hilfe vor allem von der pakistanischen Zivilgesellschaft organisiert. Im Ausland arbeitende Pakistaner schickten Geld in ihr Heimatland, Privatleute kauften davon Hilfsgüter und transportierten diese mit Pick-up-Trucks ins Krisengebiet.
"Einheimische Ärzte haben sich ins Auto gesetzt, Medikamente eingepackt und sich auf den Weg gemacht", berichtet der Mediziner Stöbe. Viele Obdachlose seien von Verwandten aufgenommen worden. "Doch all das reicht bei weitem nicht aus", so Stöbe. Es müsse noch weit mehr Hilfe kommen, auch die internationale Staatengemeinschaft sei gefragt. "Ich bin erstaunt, wie gering die Spendenbereitschaft ist."