Hochwasser: Land unter in Polen
Flutkatastrophe Oder-Hochwasser erreicht Brandenburg
Warschau - Gebrochene Deiche, überflutete Ortschaften, gefährdete Menschen: Die Hochwasserlage an der Weichsel nordwestlich der polnischen Hauptstadt Warschau hat sich am Montag weiter verschärft.
Die Situation sei "schlimmer als erwartet", sagte Innenminister Jerzy Miller. Nach einem Deichbruch bei Plock, rund hundert Kilometer von Warschau, wurden bisher 18 Ortschaften überflutet. Unter Wasser steht polnischen Medien zufolge ein Gebiet von rund 8000 Hektar.
Um weitere bedrohte Orte zu schützen, wurde am Montag der Deich an mehreren Stellen gesprengt, berichtete der Fernsehsender TVN24. Die Behörden erhoffen sich von dieser Maßnahme, dass die Weichsel in ihr Flussbett zurückfließt.
Aus der Krisenregion müssen etwa 4000 Menschen und Tausende Tiere in Sicherheit gebracht werden. Im schlimmsten Fall könnten sogar zehntausend Einwohner der Gemeinden Gabin und Slubice gefährdet sein.
Der polnische Regierungschef Donald Tusk sprach am Sonntag von einer dramatischen Situation in Südpolen, nur zwei Provinzen seien noch nicht von der Hochwasser-Bedrohung betroffen. Trotz der verbesserten Wetterlage werde sich die Situation auch in den kommenden Tagen nicht normalisieren.
15 Tote - doch die Menschen verlassen ihre Häuser erst in letzter Sekunde
Das Hochwasser hat in Polen bisher 15 Menschenleben gefordert. Das teilte Polizeisprecher Mariusz Sokolowski am Montag in Warschau mit. Er appellierte an die Anwohner in den Flutgebieten, die Evakuierungsangebote der Behörden anzunehmen. Zu oft zögerten die Menschen aus Angst vor Einbrüchen bis zum letzten Augenblick, das sei sehr riskant, warnte er. Nach dem Deichbruch in Swiniary bei Plock müssten viele Menschen, darunter Kinder, mit Hubschraubern in Sicherheit geflogen werden.
Die Wassermassen hatten den Deich am Sonntag in Swiniary bei Plock am Linksufer der Weichsel durchbrochen. Durch das fast 200 Meter lange Loch strömten 800 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Um das Wasser zu stoppen, wurden in der Nacht zum Montag 32 Tonnen Schutt abgeworfen. Hunderte Feuerwehrleute und Soldaten sowie mehrere Hubschrauber waren im Einsatz.
Auch in Warschau ist die Lage weiterhin angespannt. Wegen Hochwassergefahr wurden 120 Schulen und Kindergärten geschlossen.
Eine wichtige Verkehrsstraße, die vom Süden der Stadt entlang der Weichsel ins Stadtzentrum führt, ist gesperrt. Der Pegel der Weichsel geht zwar seit Sonntag zurück, die durch den Wasserdruck belasteten Deiche drohen aber zu brechen.
Wahlkampf im Zeichen des Hochwassers
Der nationalkonservative Bewerber für das Präsidentenamt in Polen, Jaroslaw Kaczynski, hatte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Tod seines Zwillingsbruders Solidarität mit den Flutopfern gefordert.
Statt einer ursprünglich geplanten politischen Kundgebung wurde aus der Veranstaltung ein Wohltätigkeitskonzert für die Hochwasseropfer. In der Krise stehen Polen zusammen, mahnte Kaczynski am Samstag vor seinen Anhängern in Warschau. "Die Solidarität ist unsere große Stärke", betonte der 60-jährige Oppositionsführer. Das könne dem Land eine "gute große Zukunft" bringen. Nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski beim Flugzeugabsturz vor eineinhalb Monaten soll am 20. Juni ein neues Staatsoberhaupt gewählt werden. Ursprünglich sollte die Wahl im Herbst stattfinden.
Brandenburg: Erste Alarmstufe ausgelöst
Die erste Hochwasserwelle hat am Pfingstmontag auch Brandenburg erreicht. im südlichsten deutschen Oder-Ort Ratzdorf und in Eisenhüttenstadt wurde am Mittag die erste Alarmstufe ausgerufen.
Ab Dienstag werden dann stärker steigende Wasserstände erwartet, so dass in den kommenden Tagen auch an den anderen Orten die erste Alarmstufe ausgelöst werden soll.
Seit einer Woche befindet sich das obere Einzugsgebiet der Oder unter dem Einfluss eines Tiefdruckgebietes. Das führte zu lang anhaltendem Dauerregen und schweren Überflutungen in Tschechien, Polen und auf dem Balkan.
Ende der Woche werde der Hochwasserscheitel den oberen Grenzabschnitt der Oder erreichen, sagte Eberhard Schmidt vom Hochwassermeldezentrum in Frankfurt/Oder. Die Scheitelwasserstände würden sich dabei deutlich oberhalb der Richtwerte der zweithöchsten Alarmstufe drei einstellen und auf diesem Niveau wenige Tage stagnieren.
Katastrophenalarm gilt aber erst ab Alarmstufe vier.