Verwüstetes Flutgebiet: Schutzlos gegen die Wassermassen
Flutkatastrophe Pakistan fleht Nato um Hilfe an
Islamabad/Neu Delhi - Noch ist die Regenzeit in Pakistan nicht vorbei. Jederzeit können weitere schwere Monsun-Regenfälle die Lage im pakistanischen Katastrophengebiet verschärfen. Dabei ist das Ausmaß des Flutdesasters nach Einschätzung des Uno-Sondergesandten Jean-Maurice Ripert schon jetzt "viel schlimmer als erwartet."
Die Vereinten Nationen rechnen mit Wiederaufbaukosten in Milliardenhöhe. Schon die Nothilfe für die Betroffenen werde mehrere hundert Millionen Dollar kosten, sagte Ripert an diesem Sonntag. Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser und Infrastruktur könne Milliarden Dollar verschlingen. Die Folgen könne man sich nur allzuleicht ausrechnen: Die pakistanische Wirtschaft werde monatelang geschwächt sein, fürchtet der Uno-Gesandte. "Die Situation ist wirklich sehr besorgniserregend." Laut pakistanischen Schätzungen sind rund 15 Millionen Menschen von der Flutkatastrophe betroffen.
In der Erinnerung gebe es in Pakistan "kein vergleichbares Drama", sagte Ripert. Es seien die größten Fluten, die es jemals in dem Land gab. Zwar habe die internationale Gemeinschaft schnell und effektiv auf die Flutkatastrophe reagiert. Die Unterstützung müsse aber weitergehen. Allerdings sei die Hilfe bei einer Flutkatastrophe wesentlich schwieriger als etwa bei einem Erdbeben - wie jenem in Nordpakistan 2005.
Erdrutsche begraben mehrere Dörfer
Denn eine Flut wie die jetzige hat verschiedene lebensbedrohliche Konsequenzen: Nicht nur, dass Menschen in den Wassermassen ertrinken können, auch gewaltige Erdrutsche haben verheerende Auswirkungen. So gingen Erdrutsche am Samstag auf zwei Dörfer in der Region Gilgit-Baltistan nieder, wie die örtlichen Behörden meldeten. Allein im Dorf Kumra seien dabei 37 Menschen ums Leben gekommen, weitere 16 im Dorf Ghanche. 25 Menschen würden noch vermisst. Laut den Regierungsbehörden ist die Zahl der Toten inzwischen auf über 1770 gestiegen.
Pakistan: Kampf ums Überleben
Der pakistanische Premierminister Yousuf Raza Gilani rief die Staatengemeinschaft am Sonntag erneut zur Hilfe auf. Er sagte, sein Land habe nicht die Kapazität, um die Katastrophe zu bewältigen. Heftiger Regen im nordpakistanischen Katastrophengebiet behinderte am Sonntag die Rettungsarbeiten. Hubschrauber mussten am Boden bleiben. Zudem rissen die Fluten Straßen, Brücken und Kommunikationsleitungen mit sich fort. Die Streitkräfte haben dennoch inzwischen mehr als 100.000 Menschen aus den Fluten retten können.
Der Informationsminister der am schwersten betroffenen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, Mian Iftikhar Hussain, sagte: "Unsere Rettungsaktivitäten sind schon durch den Mangel an verfügbaren Ressourcen beschränkt. Mehr Regen macht die Dinge schlimmer für uns." Doch ein Ende der Regenfälle ist nicht in Sicht: Die Meteorologiebehörde teilte mit, die Regenfälle im Norden des Landes würden bis Dienstag dauern und könnten weiteres Hochwasser auslösen.
Nato soll Hilfe leisten
Pakistan bat auch die Nato um Hilfe im Kampf gegen die Folgen der Überschwemmungen. Am Samstag gab die Nato in Brüssel an, der Nato-Rat habe ein spezielles Koordinationszentrum des Bündnisses für Katastrophenhilfe beauftragt, sich um Hilfe für Pakistan zu kümmern. Vor allem werde es dabei darum gehen, den Lufttransport von Hilfsgütern und Rettungsmaterial zu organisieren.
Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari setzte unterdessen ungeachtet scharfer Kritik seine Europareise fort. Bei einer Veranstaltung der Pakistanischen Volkspartei in Birmingham sagte Zardari, seine Reise nach Großbritannien sei ein Erfolg, er habe Zehntausende Pfund für die Hochwasser-Opfer eingeworben. Das sah ein Teilnehmer der Veranstaltung anders: Aus Wut auf den Präsidenten bewarf ein Mann den Staatschef mit seinen Schuhen.
Zardari wurde nicht getroffen. Der Schuhwerfer wurde von der Polizei abgeführt. Nach seiner Freilassung sagte der 72-jährige Shamim Khan dem pakistanischen Sender Geo TV: "Genug ist genug. Ich spreche für die Millionen Pakistaner. Das ist die Stimme derer, die in Pakistan weinen und hungern." Das Bewerfen mit Schuhen gilt in der islamischen Welt als Ausdruck höchster Geringschätzung.
Schlammlawine in China wälzt Stadt nieder
Sintflutartige Regenfälle haben auch in China zu einer Katastrophe geführt: 130 Menschen sind in der Nacht auf Sonntag ums Leben gekommen, nachdem Schlammlawinen und Überschwemmungen im Nordwesten des Landes eine Stadt niedergewalzt haben. Die Zahl der Opfer könnte aber noch steigen: Am Abend wurden nach Angaben der Behörden noch fast 1300 Menschen unter den Schlamm- und Geröllmassen vermutet.
Überflutung in China: Zehntausende flüchten vor den Wassermassen
Besonders stark betroffen war demnach der Landkreis Zhouqu im autonomen tibetischen Bezirk Gannan. Ministerpräsident Wen Jiabao reiste in die von steilen Berghängen geprägte Region, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Nahe der Stadt Zhouqu stauten Geröllmassen den durch ein enges Tal strömenden Fluss Bailong auf. Der heftige Regen ließ die Wassermassen über die Ufer treten. Sie erfassten die Stadt und lösten weitere Erdrutsche aus.
Rettungskräften zufolge ist der Einsatz schweren Geräts wegen des Schlamms und Gerölls unmöglich. Sie versuchten, den Flusslauf freizusprengen. In einigen Teilen der 40.000-Einwohner-Stadt stand das Wasser bis zu drei Stockwerke hoch. Auch ein Pumpwerk wurde zerstört.
Fünf Trekking-Touristen in Sturzflut gestorben
"Viele einstöckige Häuser wurden ausgelöscht und nun warten wir und müssen sehen, wie viele Menschen es aus ihnen heraus geschafft haben", sagte ein Kaufmann. "Wir hatten schon vorher Erdrutsche, aber niemals etwas so Schlimmes." Die Anwohner würden versuchen, ihre Familien zu finden. Xinhua zufolge wurden knapp 3000 Soldaten und Hunderte Mediziner in das Gebiet entsandt.
In diesem Jahr sind in der Volksrepublik bereits mehr als 1400 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben gekommen. Viele Gebiete wurden komplett zerstört - vor allem in Zentral- und Südchina.
Trekking-Paradies in Ladakh: Von Wassermassen eingeschlossen
Auch Nordindien ist von der Unwetterkatastrophe in Asien betroffen. In der Trekking-Region rund um das nordindische Ladakh kamen fünf Touristen in einer Sturzflut ums Leben. Weitere 80 Ausländer sind von anschwellenden Flüssen eingeschlossen, darunter auch Deutsche.