Flutkatastrophe Überforderte Helfer lassen Sterbende zurück
New Orleans - "Wir retten immer noch Menschen von Dächern und aus Obergeschossen", sagte eine Sprecherin der Stadt. Momentan weiß allerdings niemand, wie viele Menschen noch Hilfe brauchen. Viele der Verbliebenen könnten in Häusern gefangen sein, die von Fluten umspült sind. Die Polizei teilte mit, sie erhalte mindestens tausend Hilferufe pro Tag. Es sei nicht möglich, allen Rettungsgesuchen nachzukommen, weil es zu wenig Boote gebe, berichtet der Nachrichtensender CNN.
Ein Offizier der Küstenwache wird mit den Worten zitiert: "Meine Jungs kommen von den Einsätzen zurück und sagen mir: 'Sir, ich war in einem Haus in dem liegen drei ältere Menschen in ihren Betten, sie keuchen, sie sterben.'" Es kämen auch Anrufe wie "In einem Hospiz liegen zehn Leichen, zehn Menschen liegen im Sterben". "Diese Menschen waren vermutlich gestern oder vorgestern noch am Leben", sagte der Offizier. Obwohl auch die Rettungsmannschaften mit ihren Kräften am Ende seien, keine Pause machten und nicht schliefen, könnte längst nicht allen Hilferufen nachgegangen werden. Die Retter berichten: Auf jeden Geborgenen kommen hundert Menschen, die noch in den Fluten ausharren müssen.
Flut in Südstaaten: Warten, retten, hoffen
Inzwischen nahmen die USA das Hilfsangebot der Vereinten Nationen für das Hurrikan-Katastrophengebiet an. Ein Uno-Koordinierungsteam lote derzeit in Washington aus, wie die Weltorganisation die Bemühungen der USA am besten unterstützen könne, sagte ein Uno-Sprecher gestern in New York. Die Uno sei bereit, "Hilfspersonal und eine Vielzahl von Hilfsgütern" zur Verfügung zu stellen. Dabei sollten auch Unterorganisationen wie das Kinderhilfswerk Unicef, die Weltgesundheitsorganisation WHO, das Welternährungsprogramm WFP sowie das Hochkommissariat für Flüchtlinge mit eingebunden werden.
US-Politiker warfen der Bundesregierung vor, sie habe den Deichbau vernachlässigt. Es sei jedem bekannt gewesen, dass die Dämme einem Jahrhundertsturm nicht standhalten würden und New Orleans dann sieben Meter unter Wasser liegen könnte, sagte der ehemalige Senator John Breaux aus Louisiana. "Das Ingenieurskorps hat jahrelang Geld gefordert, um die Deiche fertigzustellen", sagte Mike Parker, ein ehemaliger Abgeordneter aus Mississippi, der selbst in der zivilen Leitung des Ingenieurskorps gearbeitet hatte. Parker gab an, demokratische und republikanische Regierungen hätten zu wenig Geld zur Verfügung gestellt.
Nach Einschätzung des Ingenieurskorps der US-Armee waren die Deiche, die Stadt von drei Seiten gegen Hochwasser schützen sollten, dafür ausgelegt, maximal einem Hurrikan der Stärke drei zu widerstehen. Wirbelsturm "Katrina", der vor einer Woche über die Stadt hinweg gezogen war, war dagegen zeitweilig in die Kategorie vier und sogar fünf eingestuft worden.
Als die Deiche vor 30 Jahren gebaut worden seien, habe man geglaubt, sie würden einem Jahrhundertsturm standhalten können, sagte der Kommandeur der Ingenieurseinheit, General Carl Strock. Man sei sich zu 99,5 Prozent sicher gewesen, dass die Deiche jedes Hochwasser aushalten könnten. "Aber leider hatten wir es hier mit den übrigen 0,5 Prozent zu tun", sagte Strock.
Mittlerweile sind Pioniereinheiten der Armee dabei, mit Lastern und Hubschraubern Sandsäcke und Geröll in die teilweise bis zu hundert Meter breiten Breschen in den Dämmen zu füllen. "Die Deiche müssen stabiler und höher gebaut werden. Und sie müssen instand gehalten werden", forderte Breaux.
Dem US-Militär zufolge könnte es 80 Tage dauern, bis New Orleans leergepumpt ist. Die Armee habe 24 Pumpen in den östlichen Gebieten der Stadt im Einsatz. "Es gibt Bezirke, in denen sich das Wasser zurückzieht. Wir werden noch sehr viel zu tun haben", sagte ein Mitglied der US-Armee. Ingenieure stehen vor der Herausforderung, die größeren Pumpen mit zu reparieren. Sie wurden durch "Katrina" beschädigt. Ihre Reparatur wird Experten zufolge noch bis zu eine Woche dauern.
In Teilen der verwüsteten Stadt New Orleans im Süden der USA ist die Stromversorgung wieder angelaufen. Nach Reparaturarbeiten durch Arbeiter des Energieversorgers Entergy gingen auf einer Brücke über den Mississipi sowie im einstigen Vergnügungsviertel Riverwalk gestern Abend (Ortszeit) wieder erste Lichter an. Die meisten Gebiete der Stadt sind immer noch ohne Strom.